Mick Jagger im Interview: Rocklegende ohne Ruhestand

Mick Jagger im Interview: Rocklegende ohne Ruhestand

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Rolling-Stones-Bandmitglied Mick Jagger

Zweifacher Opa? Kaum zu fassen, was der Chefdynamiker der Rolling Stones mit 64 Jahren noch alles bewegt – in einem Alter, in dem andere ihren Ruhestand genießen und allenfalls noch die Enkel hüten.

Fürs Gespräch mit fivetonine hat sich Mick Jagger das angesagte Londoner Soho Hotel ausgesucht. Mit Humor und ungewohnt locker spricht der Brite über seine Haltung zum Leben, seine Freunde, sein Verhältnis zu den Rolling Stones und seine Kinder. Jagger hat sieben Kinder im Alter von 9 bis 37 Jahren von vier verschiedenen Frauen, zwei Enkelkinder und war eineinhalbmal verheiratet. Der Status seiner zweiten Ehe mit dem Model Jerry Hall gilt in England nicht, weil sie auf Bali geschlossen wurde. Jagger, der am 26. Juli 1943 in Dartford in der englischen Grafschaft Kent zur Welt kam und sein Studium an der London School of Economics abbrach, um mit den Rolling Stones Karriere zu machen, hat parallel immer wieder Soloalben aufgenommen. Eine Kollektion der besten eigenen Songs erschien gerade auf dem Album „The Very Best Of Mick Jagger“. Im April läuft Martin Scorceses Film über ein Konzert der Stones an. Titel: „Shine A Light.“ 

- Manchmal wünschte ich mir, ich wäre etwas ganz anderes als der Sänger der Stones. Zum Beispiel ein Schriftsteller. Ich hätte gern das Talent und die Geduld, mich in andere Leben zu versetzen. Das Medium Rocksong ist dafür nicht lang genug. Man muss schon ein Drehbuch für einen Film schreiben oder einen Roman, um in das Leben einer anderen Person zu schlüpfen. Das ist ja das, was mir an der Schauspielerei so großen Spaß macht. Deshalb habe ich mir gerade selbst eine Filmrolle geschrieben. Ich spiele diesen fantastisch heruntergekommenen Journalisten, der absolut keine Moral hat. Ich konnte dabei auf meine eigenen Beobachtungen zurückgreifen… 

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- Ich lese gern Biografien. Besonders fasziniert haben mich die Lebensgeschichten von Potemkin und Talleyrand. Das Interessante an Potemkin ist, wie viel Zeit er für die großen Gesellschaften hatte, obwohl er in diesem riesigen Reich die Fäden zog. Damals war das russische Reich ja noch im Aufbau. Potemkin liebte die Frauen. Er hatte ein Verhältnis mit der Zarin, mit Katharina der Großen. Und er hatte viele Mätressen. Er hatte Affären mit seinen fünf Nichten. Das war zu der Zeit völlig in Ordnung. Was für ein faszinierender Mensch! 

- Bei seinem Zeitgenossen Talleyrand war es ähnlich. Der hatte auch endlos viele Mätressen. Außerdem hatte er genau wie Potemkin diesen unglaublichen Arbeitseifer. Trotzdem nahm er sich auch noch jeden Morgen eineinhalb Stunden Zeit, um sich anzuziehen. Eine fantastisch aufwendige Toilette! Ich brauche zwar nicht so lange. Aber wenn ich aus dem Bad komm, sehe ich auch bei Weitem nicht so gut aus wie Talleyrand. 

- Die Leute fragen mich: „Bist du das wirklich, da in deinem Songtext?“ – Klar, das bin total ich. Gerade die Balladen, in denen es um Beziehungen geht, beruhen oft auf eigenen Erfahrungen. Ich singe da von meinem eigenen Liebeskummer. 

- Meine Kinder helfen mir, eine positive Haltung einzunehmen. Sie machen mich auf witzige Details in meinem Leben aufmerksam, auf die ich vielleicht gar nicht gekommen wäre. Kinder tun die verrücktesten Dinge. Das hält dich bei Laune und am Leben.

- Mein zehnjähriger Sohn Gabriel fasziniert mich. Er liest gern diese Bilderbücher über Geschichte, die auf zwei Seiten ein Thema abhandeln. Wenn er umblättert, kommt schon die nächste große Epoche. Er düst nur so durch die Geschichte. Es ist wirklich interessant, auf welche Schlüsse er dabei kommt. Und wie er verschiedene historischen Fakten miteinander verbindet, von denen wir immer denken, dass sie nichts miteinander zu tun haben.

- Ich vermisse die Stones überhaupt nicht, wenn ich an Soloprojekten arbeite. Denn das Wichtigste für einen Sänger, der auch noch seine Songs selbst schreibt, ist doch, dass er den Song singt. Es ist im Prinzip egal, ob meine Kollegen von den Stones die Musik machen oder eine andere Studioband: Ich sitze im Studio, habe die Kopfhörer auf und singe den Song. Ich bin allein.

- Ich tanze gern – auch zu Hause. Wenn es mich überkommt, springe ich auf und tanze. Im Studio probiere ich so aus, was der beste Beat für einen Song ist. Den rechten Takt zu finden, hat ja viel mit Bewegung zu tun. Wenn dich ein Song also zum Tanzen bringt, hast du wahrscheinlich den richtigen Beat erwischt.

- Ich mag Humor. Deshalb drehe ich möglichst witzige Videos. Die dunklen, bedeutungsschwangeren Clips liegen mir nicht. Ich habe wohl nicht genügend Ängste. Vielleicht sollte ich mir ein paar Phobien zulegen. Es heißt ja, ich hätte einen UFO-Detektor in meinem Haus. Totaler Quatsch! Solche Gerüchte nerven mich.

- Freunde sind wichtig. Ich vermisse meinen guten alten Freund John Lennon immer noch. Ich habe ihn sehr geschätzt, weil er ein ausgesprochen witziger Typ war, sehr humorvoll, schneidend ironisch, sehr auf den Punkt. Er war mir ein bisschen ähnlich. Aber er war viel bissiger als ich – und nicht so höflich. Gleichzeitig gab es da noch diese andere Seite an ihm. Wie soll ich die beschreiben? John Lennon, der Mann, der das Universum umarmte? Der stand sehr im Kontrast zu dem John, den ich kannte. John als „Universal love figure“, als Verkörperung der Liebe zu sehen, gelingt mir nicht so gut. Weil er irgendwie gar nicht so war, wenn wir zusammen waren. Dann hat er über sein anderes Ich extrem sarkastische Bemerkungen abgelassen. Wunderbar, wenn jemand so über sich selbst lachen kann. 

- Mich hat beeindruckt, was mein Freund Bono für mich getan hat. Als er für die gemeinsamen Aufnahmen zu meinem Song „Joy“ ins Studio in Südfrankreich kam, hatte er eine schwere Halsentzündung. Aber er riss sich zusammen und sang diesen Song über die Freuden des Frühlings für mich. Und er sang wunderbar. Er nahm es sportlich. Er hat einfach ein großes Herz. Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich gesagt: „Könnten wir das bitte auf nächste Woche verschieben?“

- Wann es mit den Rolling Stones weitergeht, weiß ich noch nicht genau. Wir machen ja gerade Pause. Die lange Tournee, davor Studioarbeiten – da liegt erst mal Ausruhen an. Als Nächstes kommt der Konzertfilm „Shine A Light“ heraus, den Martin Scorcese mit uns gedreht hat. Und irgendwann werden wir wieder zusammen arbeiten. Ich weiß nur noch nicht, wann.

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