Microsoft-Allianz: Meuterei bei Nokia

Microsoft-Allianz: Meuterei bei Nokia

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Nokia

von Michael Kroker und Jürgen Berke

Es sollte ein Befreiungsschlag werden: Nokias Pakt mit dem amerikanischen Software-Riesen Microsoft. Doch das Abkommen erschüttert den weltgrößten Handyhersteller - der finnische Konzern steht vor einer Zerreißprobe.

Der Anfang klang wenig spektakulär: "Offener Brief an die Aktionäre und institutionellen Investoren", so der Titel eines Postings, das am Montag vergangener Woche auf der neuen Web-Seite "Nokia Plan B" online gestellt wurde. Aber der Inhalt hat es in sich: Die Macher, laut eigenem Bekunden eine Gruppe von neun Nokia-Aktionären und ehemaligen Mitarbeitern, forderten die "sofortige Freistellung von Stephen Elop von seinen Aufgaben als Vorstandschef von Nokia", sofern sie auf der Hauptversammlung des Konzerns am 3. Mai in den Aufsichtsrat gewählt würden. 36 Stunden später, Mittwochmittag, war der Aufstand der rebellischen Aktionäre schon wieder vorbei. Die Rückmeldungen der institutionellen Investoren wären "nicht ermutigend" gewesen, schrieben die Aufwiegler auf ihrer Web-Seite. Und twitterten kurz darauf, alles sei bloß ein Gag gewesen.

Als Tiger zum Sprung angesetzt, als Bettvorleger gelandet. Trotzdem steht die mit heißer Nadel gestrickte Aktion exemplarisch für die Zwickmühle, in die der erst seit September 2010 amtierende Konzernboss Elop Nokia manövriert hat: Der vor anderthalb Wochen verkündete Pakt mit dem Erzrivalen Microsoft hat das seit Monaten taumelnde Unternehmen in seinen Grundfesten erschüttert.

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Eigentlich sollte es für Elop die Woche der Wahrheit werden – wie Elops zahlreiche Auftritte vor Analysten und dem Fachpublikum zwischen dem 11. und 16. Februar auf der Mobilfunkmesse in Barcelona intern genannt wurden. Doch der erhoffte Befreiungsschlag blieb aus. Binnen weniger Tage brach der Aktienkurs um 25 Prozent ein. Die Börse bezweifelt, dass Elop gemeinsam mit Microsoft den Rückstand gegenüber Apple und Google bei den profitablen Smartphones wieder aufholen kann. "Kurzfristig dürfte Nokia weiter Umsatz verlieren", warnte Rod Hall von der US-Investmentbank JP Morgan.

Grafik: Kursverlauf der Nokia-Aktie 2009-2011

Grafik: Kursverlauf der Nokia-Aktie 2009-2011 (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Auch bei der Fachwelt in Barcelona überwiegt die Skepsis, ob die beiden Giganten den Siegeszug von Google und Apple gemeinsam stoppen können. Auf dem Papier passen Microsoft und Nokia zwar gut zusammen und ergänzen sich ideal, räumen auch Kritiker ein. Doch in der Praxis gäbe es zu viele Widerstände – vor allem bei Nokia: Zu groß seien die Kulturunterschiede, als dass beide Unternehmen an einem Strang ziehen könnten. Außerdem formiert sich gerade massiver Widerstand gegen die neue Führung um Elop: Nokia, das von der Gummistiefelfabrik zum weltweit führenden Handyhersteller aufgestiegene Vorzeigeunternehmen aus Finnland, steht vor der Zerreißprobe.

Insbesondere die Finnen im Konzern stehen immer noch unter Schock und begreifen nur langsam die Tragweite der Entscheidungen. Der Weltmarktführer, der unbesiegbar schien und für sich in Anspruch nahm, sich ständig neu zu erfinden, gibt die Entwicklung eines eigenen Handy-Betriebssystems auf und schlüpft als Juniorpartner bei Microsoft unter. So einen Strategiewechsel hatte kaum jemand in der Zentrale in Espoo nahe Helsinki für möglich gehalten. "Der nationale Stolz der Finnen ist verletzt", sagt ein Ex-Manager. Die Frustrierten sind in Kamikaze-Stimmung: Sie wollen den Pakt sabotieren.

Verschwörungstheorien machen die Runde und sollen Elops Autorität untergraben. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht, der neue Nokia-Chef halte aus seiner Zeit beim Softwareriesen noch ein größeres Paket mit Microsoft-Aktien, die Info wurde sofort an die finnischen Medien weitergeleitet. Elop – ein "Verräter", der im Interesse von Microsoft handelt und Nokias Ausverkauf betreibt? Die Emotionen kühlten sich erst wieder ab, als Elop sich erklärt hatte: Er habe die Anteile verkaufen wollen, durfte während der Verhandlungen mit Microsoft aber wegen der Insiderhandels-Bestimmun-gen keine weiteren Pakete abstoßen. "Ich bin kein Trojanisches Pferd", wurde Elop in Barcelona nicht müde zu betonen.

Für Eingeweihte ist klar, dass hinter den Kulissen ein offener Machtkampf tobt. Elop hat zwar mit Jo Harlow, Louise Pentland und Rich Green Vertraute auf wichtige Schlüsselpositionen im Vorstand gehievt und dem Konzern eine neue Führungsstruktur verpasst. Doch das neue, auf 13 Mitglieder angewachsene Führungsgremium ist nur eine Übergangslösung. Vorerst bleibt die alte Riege finnischer Top-Manager, die die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu verantworten hat, an Bord und soll erst in den kommenden Monaten abgelöst werden. "Grausamkeiten begeht man besser früh", kritisiert ein Headhunter das zögerliche Vorgehen des Nokia-Chefs. "Elop sollte mit personellen Schnitten im Top-Management nicht zu lange warten und nicht zu viele politische Rücksichten nehmen."

Noch mehr Bremser gibt es im mittleren Management – sie fürchten um Position und Pfründe: "Hatten wir früher vielleicht 30 oder 40 Vice-Presidents und Senior Vice-Presidents, sind es heute 300", klagt ein Manager. Aus dieser Gruppe komme der größte Widerstand gegen Elop, berichten Unternehmenskenner.

Dabei ist vor allem diese Gruppe schuld an der Misere. Sie baute bürokratische Strukturen auf, die jede Kreativität schon im Keim erstickten. Konnte sich die Entwicklungsabteilung in den Neunzigerjahren auf zwei, drei neue Handymodelle im Jahr konzentrieren, arbeitet sie heute an bis zu 50 Modellen gleichzeitig. Explosionsartig stieg damit der interne Abstimmungsbedarf zwischen den verschiedenen Konzernbereichen, die sich gegenseitig ausbremsten. "Wir müssen für jede noch so kleine Veränderung Genehmigungen einholen, eine Unzahl Berichte abliefern und den halben Konzern auf CC setzen", schimpft ein Insider.

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