Milliardenverluste: Deutsche Post leidet unter US-Geschäft

Milliardenverluste: Deutsche Post leidet unter US-Geschäft

Bild vergrößern

Eine Luftfrachtmaschine der DHL vom Typ Boeing 757 wird entladen.

Bei der Deutschen Post steht Konzernchef Klaus Zumwinkel vor den härtesten Einschnitten seit dem Börsengang. Sie kosten Milliarden und Tausende Jobs.

Klaus Zumwinkel schwelgte. „Die Ergebniswende ist da“, sagte er stolz, die Geschäfte liefen inzwischen problemlos. Nebenan rauschten die Sortierbänder, Frachtflugzeuge dröhnten auf dem Rollfeld, und Tausende Arbeiter wuchteten Briefe, Pakete und Päckchen durch die Halle. So hatte es sich der Chef der Deutschen Post immer gewünscht, hier im amerikanischen Städtchen Wilmington im US-Staat Ohio. Dazu hatte er immerhin 1,2 Milliarden Euro in seinen wichtigsten US-Stützpunkt gesteckt.

Doch alles vergeblich, vergangen, vorbei. Von einem „stabilen Aufwärtstrend“ im US-Geschäft, wie Zumwinkel bei seinem Besuch in Wilmington vor 15 Monaten noch schwärmte, kann keine Rede sein. Stattdessen lässt Deutschlands ranghöchster Postler jetzt die tiefsten und zugleich teuersten Einschnitte vorbereiten, die der Bonner Brief-, Paket- und Logistikriese seit seinem Börsengang 2000 erlebte. Im „Juni oder Juli“, heißt es aus Zumwinkels Umgebung, solle die endgültige Entscheidung fallen. Auf dem Spiel stehen nach 2870 Entlassungen im Jahr 2003 mindestens 3500 weitere Jobs in den USA, ein Fünftel der dortigen Belegschaft. Zugleich muss die Post mit Restrukturierungskosten in Milliardenhöhe rechnen.

Anzeige

Das Desaster in den USA hat sich Zumwinkel nach 18 Jahren an der Post-Spitze selbst zuzuschreiben. Um aus der einstigen Mammutbehörde einen weltweiten Logistikchampion zu formen, hat er, wie sich jetzt zeigt, in Übersee einfach zu viel riskiert und die Schwierigkeiten unterschätzt. Für eilige, termingebundene Sendungen müsse die Post in den USA unbedingt über ein eigenes Verteilnetz in der Luft und am Boden verfügen. Nur so, darauf beharrte er noch bis vor Kurzem, ließen sich langfristig auch Geschäfte mit den weltweit agierenden Unternehmen mit Sitz in Amerika machen. Also verleibte Zumwinkel sich zuerst den internationalen Expressdienst DHL ein, der in den USA eine Tochtergesellschaft besaß. Weil sie vorwiegend grenzüberschreitend arbeitete, kaufte er wenig später auch noch den inneramerikanischen Expressdienst Airborne.

Die derzeit im Bonner Post-Tower diskutierten möglichen Wege aus dem Jammertal könnten steiniger und tränenreicher kaum sein. Die erste Variante, der totale Rückzug aus dem Expressgeschäft innerhalb der USA, käme einer regelrechten Demütigung Zumwinkels gleich. Nach all den verbissenen und teuren Auseinandersetzungen mit den dortigen Marktführern UPS und FedEx ist eine solche Lösung unwahrscheinlich. Zudem würde sie nach Einschätzung der Investmentbank Morgan Stanley, die diese Möglichkeit untersucht hat, zu viel Kapital vernichten und das globale Beförderungsnetzwerk beschädigen.

Doch die Idee, mit den zusammengelegten US-Töchtern den amerikanischen Expressmarkt aufrollen zu können, zündete nicht. Anfangs räumte Zumwinkel die Verluste in dreistelliger Millionenhöhe noch ein, dann veröffentlichte er sie einfach nicht mehr. Damit kommt er bei seinem neuen Finanzvorstand John Allan, der Anfang des Jahres antrat und zuvor den 2005 erworbenen britischen Logistikkonzern Exel geleitet hatte, jetzt aber offenbar nicht durch. Zu hoch türmen sich inzwischen die Verluste und Abschreibungen in den USA, die nach einer Zusammenstellung der WirtschaftsWoche allmählich über drei Milliarden Euro reichen.

Nicht viel geringer wäre die Schmach, müsste sich die Post für die Zustellung von Sendungen aus dem Ausland in den USA generell anderer Dienstleister bedienen, darunter ebenfalls UPS und FedEx. Für Zumwinkel akzeptabel wäre dies allenfalls, wenn ihm ein solcher Partner zusicherte, dass er der Post keinen der gemeinsamen Kunden ausspannt. Völlig abwegig ist die Idee nicht. Die niederländische Post TNT, die kein teures Abenteuer in den USA einging, lässt Sendungen in die USA dort von FedEx zustellen. Bei der Deutschen Post würde eine solche Lösung nach Meinung von Morgan Stanley jedoch das globale Netzwerk ebenfalls beschädigen und vor » allem „zu viele künftige strategische Optionen“ zunichte machen.

Schon eher schmecken dürfte Zumwinkel deshalb der Versuch, das Expressgeschäft innerhalb der USA nicht aufzugeben, sondern nur deutlich zu reduzieren. So könnte sich die Post auf Ballungsräume wie New York, die Großen Seen oder Silicon Valley in Kalifornien beschränken, um dort ihre Dienste sowohl innerhalb der USA als auch für Ziele im Ausland anzubieten. Für das Geschäft auf dem flachen Land könnte Zumwinkel dann einen der 10 bis 15 mittelständischen Expressdienste in den USA oder die staatliche amerikanische Post einspannen. Je nachdem, wie weit ein solcher Teilrückzug ginge, stünde die Post in den USA am Ende so da wie die ursprüngliche DHL-Landesgesellschaft, die sie vor über fünf Jahren übernahm.

Morgan-Stanley-Analysten machen keinen Hehl daraus, dass sie – aus Anlegersicht – einen gebremsten Rückzug der Post aus dem inneramerikanischen Expressgeschäft als „logischste Lösung“ favorisieren. Auf diese Weise würde die Post „einige künftige Optionen offenhalten“ und die gegenwärtige „Kostenbasis dramatisch reduzieren“.

Sündhaft teuer wird der teilweise Abschied vom US-Expressgeschäft allemal. Morgan Stanley schätzt, dass allein die Entlassungen in den USA sowie langjährige Verpflichtungen gut 1,0 bis 1,2 Milliarden Euro kosten könnten. Hinzu kommen weitere Abschreibungen auf Anlagen und Firmenwerte von zusätzlich 400 Millionen Euro. Die damit einhergehende Ausdünnung des Netzes dürfte den erwarteten Gewinn der Post vor Zinsen und Steuern im Jahr 2008 um fünf Prozent drücken.Die Gründe für das zu erwartende Ende mit Schrecken sind schnell aufgezählt. Zum einen hatte Zumwinkel in den USA zwei angeschlagene Unternehmen gekauft: DHL machte in den Vereinigten Staaten bei einer Milliarde Euro Umsatz einen Verlust von schätzungsweise 100 bis 200 Millionen Euro vor Abzug von Zinsen und Steuern. Bei Airborne blieben von 3,3 Milliarden US-Dollar an Einnahmen weniger als zwei Prozent übrig, und das vor Zinsen und Steuern.

Zum andern unterschätzte Zumwinkel den erforderlichen Aufwand, um aus den beiden schwachen US-Töchtern ein schlagkräftiges Unternehmen zu schmieden. Bei der Schließung mehrerer Luftdrehkreuze und der Konzentration auf Wilmington in Ohio patzte der damalige Post-Vorstand Uwe Dörken derart, dass reihenweise Kunden absprangen, von denen trotz einer millionenteuren Werbekampagne bis heute viele nicht zurückkehrten. Damit konnten die aggressiven Marktführer UPS und Fed-Ex die Post in den USA auf dem geringen Marktanteil von weniger als acht Prozent halten. Zugleich vernichteten die unausgelasteten Anlagen und Flugzeuge Millionen. Als dann noch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres die US-Konjunktur zu schwächeln begann und das Geschäft im asiatisch-pazifischen Raum nur noch um neun statt um 14 Prozent wie im Vorjahr wuchs, zerstob jede Hoffnung auf schwarze Zahlen in absehbarer Zeit.

Wer einen solchen Schaden anrichtet, der muss für den Spott der Konkurrenz nicht sorgen. „Es war reichlich naiv von Zumwinkel, zu glauben“, sagt ein Manager des Erzrivalen UPS, „er könne hier einfach auftauchen und sich breitmachen, ohne dass wir uns wehren würden.“

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%