Mindestlohn: Dumpinglöhne für Reinigungskräfte auf Automessen

Mindestlohn: Dumpinglöhne für Reinigungskräfte auf Automessen

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Putzfrau: Lohndumping vor den Augen der großen Autobauer

Volkswagen und andere Autobauer setzen Putzkolonnen auf Messen ein, die unterhalb des Mindestlohns bezahlt werden.

Stephen Odell sucht noch die richtige Tonlage. Mehrmals springt der Chef des schwedischen Autobauers Volvo während der Generalprobe am Montagabend auf die Bühne seines Messestands in Halle 3.1 und lobt die neuen Modelle. „Hervorragend“, „perfekte Arbeit“, brüllt Odell ins Mikrofon, um beim Soundcheck zu helfen. Währenddessen rückt ein ganz in Schwarz gekleideter Putztrupp mit der Aufschrift „Olymp“ auf dem T-Shirt an. Bis in den späten Abend wird gewischt, gesaugt und poliert. Zur Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung (IAA) am nächsten Morgen soll kein Staubkorn auf dem Messestand zu sehen sein.

Großkampftag für die Olymp car-detailing GmbH aus Heusenstamm bei Offenbach. Jeden Morgen schickt das kaum bekannte Unternehmen 120 Aushilfskräfte und Gelegenheitsjobber auf das Frankfurter Messegelände. Zum Tagessatz von rund 135 Euro putzt Olymp die Messestände und alle Ausstellungsstücke von Volkswagen, BMW, Toyota, Renault und Volvo. 8,60 Euro zahlt Olymp-Geschäftsführer Michael Feik dieses Mal als Bruttolohn an die kurzfristig angeheuerten Studenten. Damit liegt das Unternehmen knapp über dem für das Reinigungshandwerk gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 8,15 Euro pro Stunde.

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So sauber arbeitet Olymp nicht immer. Recherchen der WirtschaftsWoche ergaben: Den Aufstieg zum Marktführer beim Reinigen von Messen, Rennveranstaltungen und anderen Events hat sich das Unternehmen offenbar durch illegale Billiglöhne erkauft. In Jobbörsen im Internet kursieren speziell an Studenten gerichtete Stellenanzeigen für zeitlich befristete Putzeinsätze, bei denen Olymp mitunter deutlich weniger als den Mindestlohn zahlt.

Volkswagen-Konzern gehört zu größten Kunden von Olymp

Gerade zwei Jahre ist es her, dass das Bundeskabinett den Reinigungsfirmen einen Mindestlohn verordnete. Das geschah vor allem im Dienste der Branchenführer, die – wie die Leiharbeit vom Schmuddelimage geplagt – auf diese Art kleinere Wettbewerber und Angreifer aus Billiglohnländern fernhalten wollten. Dass dadurch wie bei allen staatlich festgelegten Preisen ein Schwarzmarkt entstehen würde, war nur eine Frage der Zeit.

So putzten auf dem Genfer Autosalon 80 Studenten eine Woche lang für 6,50 Euro pro Stunde, wie Unterlagen von Olymp belegen, die der WirtschaftsWoche vorliegen. An den zehn Renn-Wochenenden der Deutschen Tourenwagen- Meisterschaft sollten die bei der VW-Tochter Audi eingesetzten Putzhilfen, wie eine Stellenanzeige zeigt, gerade mal 6,80 Euro pro Stunde bekommen. Und für den Zwölf-Stunden-Einsatz beim Polo-Kongress in Wolfsburg – der Präsentation des neuen Polo für 11.000 VW-Händler aus aller Welt – gab es lediglich eine Tagespauschale von 87 Euro, was im Extremfall den Stundenlohn auf 7,25 Euro absenkt. Der Volkswagen-Konzern zählt zu den größten Kunden von Olymp. Im Mai schloss der Autobauer einen weltweiten Rahmenvertrag ab, der Olymp zum bevorzugten Putzer befördert.

Grafik: Autoveranstaltungen unterhalb des Mindestlohns

Grafik: Autoveranstaltungen unterhalb des Mindestlohns

Das Reinigungshandwerk gehört zu den Branchen mit den meisten Verstößen gegen den Mindestlohn. Putzen kann im Prinzip jeder, die drei Handgriffe sind schnell gelernt. Um die 850.000 Arbeitnehmer vor Billiganbietern aus dem Ausland zu schützen, hat die Bundesregierung vor zwei Jahren den Tarifvertrag für allgemein verbindlich erklärt, den der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks und die IG Bauen, Agrar, Umwelt abgeschlossen haben. Seit 2008 gilt ein Mindestlohn in Höhe von 8,15 Euro in den westlichen und 6,58 Euro in den östlichen Bundesländern.

Ähnliche Regelungen gibt es in der Schweiz. Deshalb haben die dortigen Behörden aufgrund der WirtschaftsWoche-Informationen Ermittlungen gegen Olymp eingeleitet. Um heimische Dienstleister vor ausländischen Billiganbietern zu schützen, schreibt der Kanton Genf für das Reinigungsgewerbe einen Mindestlohn von 20,90 Franken (umgerechnet 13,80 Euro) vor. Daran müssen sich auch deutsche Unternehmen halten, die Mitarbeiter in die Schweiz entsenden. Die tatsächlich auf dem Genfer Autosalon gezahlten 6,50 Euro pro Stunde nähren beim zuständigen Amt für die Kontrolle und Arbeitsbeziehungen den Verdacht, dass Olymp gegen das Arbeitsgesetz sowie die vorgeschriebenen Mindestlöhne vorstoßen habe. „Wir haben eine Untersuchung eingeleitet“, sagt Generaldirektor Bruno Giovanola.

Olymp weist die Vorwürfe zurück. „Der Tarifvertrag gilt nicht für einen Betrieb, der sich nach seinem Geschäftszweck ausschließlich mit der Innen- und Außenreinigung von Kraftfahrzeugen jeder Art auf Messen und allen damit zusammenhängenden Arbeiten befasst“, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Dem widerspricht die IG Bau: Reinigungsarbeiten auf Messen fallen auf jeden Fall unter den Mindestlohn, sobald eine Firma nicht nur Autos, sondern den gesamten Messestand säubert.

Volkswagen nimmt Hinweise auf mögliche Verstöße ernst. Das Unternehmen lege bei seinen Beziehungen zu Lieferanten großen Wert auf die Einhaltung von tariflichen Regelungen und Standards, heißt es. In den Verträgen mit Olymp sei festgelegt, dass es ausschließlich „Personal beschäftigt, welches mindestens nach den tariflichen Bestimmungen entlohnt wird“, sagt ein VW-Sprecher. „Sollte es Vertragsverletzungen geben, werden wir Konsequenzen ziehen.“

Noch andere Merkwürdigkeiten fallen bei der Firma auf. Hauptgesellschafter des Unternehmens ist laut Handelsregister die Olymp Global Exhibition Services Ltd mit Sitz in Dublin. Diese Firma wurde aber bereits vor neun Jahren aus dem irischen Handelsregister gelöscht. Das zuständige Amtsgericht Offenbach überprüft gerade die Rechtmäßigkeit des Eintrags im deutschen Handelsregister und ob eine gleichnamige Gesellschaft auf der Kanalinsel Isle of Man als Rechtsnachfolger angesehen werden kann. Als die WirtschaftsWoche die Olymp-Geschäftsführung um Stellungnahme zum falschen Handelsregistereintrag und zu dem Verstoß gegen den Mindestlohn bittet, ist die Antwort vielsagend. Die Firma schaltet ihre Web-Seite kurz darauf einfach ab: „Under maintenance: Unser Internet-Auftritt ist wegen Wartungsarbeiten nicht zu erreichen.“

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