Mister Internet: "Europäer haben zu wenig Mumm"

InterviewMister Internet: "Europäer haben zu wenig Mumm"

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Stefan Winners, Chef des Internet-Konglomerats Tomorrow Focus

von Thomas Stölzel

Stefan Winners im Interview: Der Chef des Internet-Konglomerats Tomorrow Focus äußert sich über das Fehlen eines europäischen Internet-Champions und die Allmacht von Google.

Wirtschaftswoche: Herr Winners, Europa hat bis heute keinen einzigen Internet-Riesen vom Format Google oder Facebook hervorgebracht. Wie kann sich das ändern?

Winners: In vielen Industrien, in denen wir Europäer uns entschieden haben, den Wettbewerb aufzunehmen, ist uns das gelungen. Die Automobilindustrie war vor 50 Jahren absolut US-geprägt, Gleiches gilt für die Luftfahrtindustrie vor 30 Jahren. Beide sind nach entschiedenem Handeln heute Industrien, in denen europäische Unternehmen auf Augenhöhe mit US-Firmen mitspielen. Es gibt keinen Grund, warum im Internet amerikanische Unternehmen die Führung behalten sollten, wenn wir uns in Europa klar entscheiden, den Wettbewerb aufzunehmen. Aber solange Gründer, Businessangel, Wagniskapitalgeber und strategische Investoren beim allerersten Angebot die Firmen nach Amerika verkaufen oder nicht den Mumm aufbringen, sich dem globalen Wettbewerb zu stellen, ist es klar, dass die Dinge sind, wie sie sind, und wir nur sehr wenige europäische Champions haben.

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Was genau läuft denn in den USA besser?

300 Millionen Amerikaner sprechen weitestgehend dieselbe Sprache und verhalten sich ähnlich. Damit entstehen dort Internet-Firmen, die fünf- bis sechsmal größer sind als vergleichbare Unternehmen in Deutschland, wenn sie ihren Heimatmarkt erfolgreich erschlossen haben. Zudem wird an den technischen Top-Universitäten wie Stanford oder MIT exzellent ausgebildet. Und diese Absolventen konzentrieren sich auf wachstumsträchtige Industrien. Als etwa Videos im Internet aufkamen, gab es im Silicon Valley in kürzester Zeit mehr als 100 Startups. Eins dieser Startups war YouTube. Hierzulande gab es nur eine Handvoll Unternehmen. Die Firmen, die sich in den USA durchsetzen, sind dann meistens Weltklasse.

Viele deutsche Startups klagen, dass in Europa zu wenig Wagniskapital fließt.

Die Venture-Capital-Szene hat in den USA in der Tat mehr Mitspieler und Geld. Die Börsenbewertungen von Wachstumsunternehmen sind meistens um den Faktor zwei höher, damit sind auch die Bewertungen von verkauften Unternehmen höher. Fairerweise muss man sagen, dass auch in den USA nur eine Handvoll Wagniskapitalgeber wie Index und Sequoia erfolgreich sind, die meisten anderen verbrennen Geld. Die guten Venture-Capital-Firmen halten ihre Beteiligungen länger. Facebook ist seit mindestens drei Jahren verkaufsfähig. Trotzdem hat man sich entschieden, die Plattform weiterzuentwickeln, weiter zu finanzieren und erst später einen viel höheren Return zu erzielen. In Europa dagegen steigen viele Wagniskapitalgeber zu schnell wieder aus. Sobald eine Firma profitabel ist, jemand einen zweistelligen Millionenbetrag bietet, wird verkauft.

Nationale Player gesucht

Das klingt trotzdem nach einem wenig aussichtsreichen Kampf für Europa.

Viele US-Wettbewerber haben zehnmal so viele Produktentwickler und Techniker wie deutsche Unternehmen. Als Holtzbrinck 2007 StudiVZ gekauft hatte, war das aus meiner Sicht ein mutiger Schritt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Facebook schon mehr als 300 Techniker, ein Vielfaches von StudiVZ. Man muss schon schnell sein und über exzellente Leute verfügen, um sich durchzusetzen. Und man muss alle Unterstützung, die man geben kann, einsetzen.

Im TV-Markt wird gerade ein gemeinsames Portal von ProSiebenSat.1 und RTL vom Kartellamt geblockt, das den Angriff eines US-Anbieters abwehren soll.

Es ist für mich eigentlich nicht nachvollziehbar. Google hat in Deutschland mit YouTube eine absolut marktdominierende Reichweite aufgebaut und will aus meiner Sicht den Bewegtbildmarkt dominieren. Es müssen nationale Player entstehen können, um gegen Google einen Kontrapunkt setzen zu können, sonst entsteht in Deutschland kaum noch Wertschöpfung.

Sie schauen sich im Jahr Dutzende Startups an. Bei wie vielen stimmt die Idee dahinter, sodass Sie zuschlagen?

Wir kaufen aus 100 Unternehmen, welche wir uns alle persönlich anschauen, eines. Das Produkt muss einen überragenden Kundennutzen bringen. Aber auch die Technologie muss hoch-skalierbar, der Nutzerkreis also schnell ausbaubar sein. Und man braucht ein Straßenkämpfer-Management, das das Produkt gegen starke Wettbewerber durchsetzt. Von solchen Firmen gibt es sehr wenige. Meist hakt es bei einem der vier Punkte. Letztes Jahr haben wir uns 70 Startups angesehen, mit jeweils zweistündigen Managementpräsentation sowie Gesprächen mit Gründern und Investoren. Am Ende haben wir keines gekauft. Wir bringen viel mit zur Party: Reichweite, Vermarktungskompetenz, Google-Know-how, ein starkes Netzwerk und eine hohe Strategie- und Organisationsentwicklungskompetenz. Schauen Sie sich an, wie sich HolidayCheck und ElitePartner entwickelt haben. Mit unserer Unterstützung haben sich die Unternehmen mindestens verfünffacht – im Umsatz und noch mehr im Er-gebnis.

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