Mitarbeiter-Überwachung: Lidl ist überall

Mitarbeiter-Überwachung: Lidl ist überall

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Bei Lidl kam es zuerst heraus, nun belasten Protokolle auch weitere Lebensmittel-Händler: Die Bespitzelung von Mitarbeitern gehört bei Deutschlands Lebensmittel-Händlern offenbar zur üblichen Geschäftspraxis.

Herr U. hat Eheprobleme, Frau Z. war beim KGB, Herrn N. zittert und schwitzt - nicht nur bei Lidl wurden Mitarbeiter bespitzelt. Auch die Discounter Penny, Plus, Netto und Norma sollen Ihre Angestellten mit versteckten Kameras und Detektiven überwacht haben.

Weitaus mehr Lebensmittel-Discounter als bislang bekannt bespitzelten einem Pressebericht zufolge systematisch ihre Mitarbeiter. Neben dem Discounter Lidl sollen auch die Discounter Penny, Netto, Norma und Plus ihre Beschäftigen mit Kameras und Detektiven überwacht haben.

Dem Magazin "Stern" liegen nach eigenen Angaben Überwachungsprotokolle aus 150 Einzelhandelsfilialen verschiedener Firmen aus den Jahren 2003 bis 2007 vor. Sie würden zeigen, dass Detektive, die für die Unternehmen im Einsatz waren, permanent gegen Gesetze verstoßen hätten.

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„Herr U. hat im Augenblick Probleme mit seiner Ehefrau, die aus Albanien kommt," zitiert das Magazin beispielsweise aus einem der Protokolle. Über eine Penny-Markt-Mitarbeiterin heißt es: „Frau Z. ist mit allen Wassern gewaschen, was aus ihrer zurückliegenden Tätigkeit zu schließen ist. Frau Z. war Sekretärin beim KGB." Und über eine andere Penny-Angestellte: „Frau A. kommt aus Bayern und ist sehr rustikal im Umgang. Sie ist sehr wach und abgeklärt und sollte intensiver beleuchtet werden." Die Krankheit eines Plus-Mitarbeiters wurde ebenfalls genau dokumentiert: „Herr N. ist ein starker Raucher. Weiter fielen seine stark zitternden Hände sofort auf.

Auch der Schweiß auf seiner Stirn während der Ruhephase war ungewöhnlich. Der sehr hohe Nikotinbedarf und die zitternden Hände weisen auf ein Krankheitsbild hin, was für ein Unternehmen auf Dauer untragbar ist."

In einem weiterem Protokoll heißt es laut dem Bericht: „Herr N. ist ein starker Raucher. Weiter fielen seine stark zitternden Hände sofort auf. Auch der Schweiß auf seiner Stirn während der Ruhephase war ungewöhnlich."

Neben den Discountern würden auch Supermarktketten wie Rewe, Tegut, Famila oder Edeka ihre Mitarbeiter bespitzeln. Und auch die Baumarkt-Kette Hagebau habe ihre Beschäftigten überwacht, heißt es in dem Bericht.

Die Handelsgruppe Rewe räumte eine Überwachung von Mitarbeitern durch Detektive in Filialen von Penny und Rewe ein. Detekteien, die zur Bekämpfung des Ladendiebstahls beauftragt wurden, seien in den Jahren 2003 bis 2005 bei ihrer Arbeit in die Privatsphäre von Mitarbeitern eingedrungen, sagte Sprecher Wolfram Schmuck.

Es seien Protokolle angefertigt worden, in denen sich auch sehr private Anmerkungen zu Mitarbeitern befunden hätten. Nun gebe es eine Arbeitsgruppe, um Licht ins Dunkel zu bringen, betonte der Sprecher auf Anfrage. Die Überwachung sei „aus der Region heraus gemacht“, und nicht zentral von der Kölner Gruppe gesteuert worden.

Der Lebensmittel-Einzelhändler Edeka bestritt die Vorwürfe. Plus-Geschäftsführer Alfred Glander räumte ein, dass es „einzelne Fälle aus Norddeutschland" gebe, in denen Notizen „zu einzelnen Filialmitarbeitern erscheinen". Aber: „Diese haben wir weder ausgewertet noch genutzt." Künftig würden derartige Notizen „nicht mehr akzeptiert".

Die Supermarktkette Tegut wies die Vorwürfe zurück. Zwar sei 2005 eine Detektei beauftragt worden, Arbeitsprozesse mit Blick auf die Warensicherung im Verkaufsraum zu beobachten. Doch die Kameras seien vom Betriebsrat genehmigt gewesen und die Mitarbeiter informiert worden. Die Videoüberwachung habe nicht dazu gedient, Arbeitsabläufe zu analysieren oder persönliches Verhalten zu beobachten.

Nach Einschätzung des Einzelhandelsverbands HDE wurde die Bespitzelung vielfach von den Detekteien eigenmächtig und ohne Auftrag vorgenommen. „Es ist daher wenig überzeugend, wenn jetzt Protokolle von Detekteien herangeführt werden, die dafür keinen Auftrag hatten“, sagte Sprecher Hubertus Pellengahr der dpa. Dem HDE sei auch kein Fall bekannt, in dem diese Mitarbeiter-Informationen von den betroffenen Unternehmen genutzt wurden, sagte Pellengahr.

Nach Angaben des EHI Retail Institutes in Köln summierten sich Inventurdifferenzen im deutschen Einzelhandel auf zuletzt knapp 3,9 Milliarden Euro. Gut ein Viertel der Verluste werde von Mitarbeitern verursacht, schätzt das Kölner Institut. Laut Bundesverband der deutschen Detektive (BDD) bezogen sich im vergangenen Jahr 58 Prozent der Aufträge aus der Wirtschaft auf das Überwachen von Mitarbeiter-Fehlverhalten. Anlässe für den Einsatz von Detektiven seien unter anderem Diebstähle, Krankfeiern, Verrat von Betriebsgeheimnissen und falsches Abrechnen.

Unterdessen sagte NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), die Beschäftigten in deutschen Unternehmen müssten besser vor Bespitzelung geschützt werden. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) und der Bundestag müssten ein Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz auf den Weg bringen.

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