100 Prozent Grupp: Eine Schande für die deutschen Unternehmer

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kolumne100 Prozent Grupp: Eine Schande für die deutschen Unternehmer

Kolumne von Wolfgang Grupp

Wer seinen Mitarbeitern nicht so viel bezahlen kann, dass sie davon leben können, hat als Unternehmer versagt. Darum muss es einen Mindestlohn geben, nicht nach Branchen aber nach Regionen gestaffelt.

Nachdem jetzt auch die FDP meint, in die Debatte um einen Mindestlohn einstimmen zu müssen, frage ich mich, weshalb überhaupt so lange diskutiert wird über etwas, was doch selbstverständlich sein müsste. Denn die Diskussion über einen Mindestlohn eine Schande für uns Unternehmer in Deutschland.

Für mich als Unternehmer muss es selbstverständlich sein, einen Mitarbeiter, der Vollzeit arbeitet, so zu bezahlen, dass er auch davon leben kann. Wenn Unternehmer das nicht tun, dann ist das für mich eine Schande oder eine Ausnutzung des Mitarbeiters. Weil sich das in den vergangenen Jahren in der deutschen Wirtschaft aber immer mehr eingeschlichen hat, führt kein Weg daran vorbei: Wir brauchen endlich einen Mindestlohn.

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Außerdem hat es auch mit einer fairen Marktwirtschaft nichts zu tun, dass der eine seine Mitarbeiter korrekt bezahlt und der andere sich einen Teil des Lohns von der Steuer seines Konkurrenten bezahlen lässt und ihn dann problemlos preislich unterbieten kann.

Wenn es um die Höhe des Mindestlohns geht, bin ich gegen einen flächendeckend gleichen Betrag. Entscheidend ist, dass er so hoch sein, dass ein Arbeitnehmer in seiner Region davon leben kann. Das heißt, der Mindestlohn sollte von den örtlichen Gegebenheiten abhängen. Er müsste in einer Stadt wie München selbstverständlich etwas höher sein als im Bayerischen Wald oder in Ostdeutschland.

Einen Mindestlohn nach Branchen zu differenzieren, halte ich für falsch. Wenn bei uns in der Textilbranche jemand vom Mindestlohn leben kann, dann muss in Burladingen auf der Schwäbischen Alb, wo Trigema sitzt, doch  auch der Metallarbeiter davon leben können.

Wir stellen niemanden zu einem Stundenlohn unter neun Euro ein. Das ist bei uns der Einstiegslohn für Mitarbeiter, die angelernt werden müssen. Je schneller der Mitarbeiter sich einarbeitet, desto eher wird der Lohn angehoben. Den Tariflohn des Facharbeiters kann zum Beispiel eine Näherin erst bekommen, wenn sie auch das Nähen beherrscht. Einfache Tätigkeiten, für die ein Mindestlohn zu hoch wäre, gibt es bei uns nicht, und zwar aus einem einfachen Grund. Alle, die bei uns eine anspruchsvolle Arbeit ausüben, müssen auch die einfachen Arbeiten mitmachen. Auch ich mache einfache Arbeiten oft selbst und so machen es die anderen selbstverständlich auch. Unser Hausmeister hat zum Beispiel die  verantwortungsvolle Aufgabe, sicher zu stellen, dass alle Zugänge korrekt abgeschlossen sind, aber er leert selbstverständlich auch die Papierkörbe.

Wer behauptet, bei Einführung eines Mindestlohns nicht in Deutschland produzieren zu können, der produziert das falsche Produkt. Wir dürfen  keine Billigprodukte produzieren. Hier sind uns die Billiglohnländer überlegen. Wir müssen innovative beziehungsweise technisch hochstehende Produkte fertigen, dann sind auch in einem Hochlohnland die Löhne gerechtfertigt. Nicht Masse zählt, sondern Klasse. Trigema zum Beispiel gibt stets Produkte, die vor Jahren noch wirtschaftlich interessant waren, jetzt aber preislich umkämpft sind, an Billiglohnländer ab und entwickelt neue Produkte, die die anderen noch nicht können.

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Wenn bisher hierzulande Hungerlöhne bezahlt wurden, zum Beispiel im Friseurhandwerk in Ostdeutschland, dann ist dafür nicht der Verbraucher verantwortlich zu machen. Die Verbraucher wurden ja seit Jahren herausgefordert, immer noch billiger zu kaufen, weil die Unternehmer sich gegenseitig aus Gier und Verantwortungslosigkeit konstant unterboten haben. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders bis in die Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es diese Mentalität nicht, weil die Unternehmer verantwortungsvoller gehandelt haben, vor allem, weil sie selbstverständlich für ihre Entscheidungen persönlich gehaftet haben. Die Nichthaftung der Entscheidungsträger ist nicht selten die Ursache für unsere Probleme: Geht es gut, wird kassiert; geht’s schlecht, wird der Bettel dem Steuerzahler vor die Füße geworfen und die Verantwortlichen haben ihr Schäflein längst im Trockenen.

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