Aufsteiger im Porträt: Wie Spitzenwinzer ihren Wein machen

Aufsteiger im Porträt: Wie Spitzenwinzer ihren Wein machen

, aktualisiert 04. Dezember 2011, 11:22 Uhr
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Arne Bercher im Fasskeller.

Quelle:Handelsblatt Online

Vor 40 Jahren noch Heimat schlechter Schoppen, atmen heute viele Regionen Weinkultur. Wir stellen sieben Winzer vor, die zu den Aufsteigern zählen - darunter vor allem Güter von der Südlichen Weinstraße.

DüsseldorfBrüder Bercher: Glatter Generationswechsel

Die Brüder Eckart und Rainer Bercher in Burkheim am Kaiserstuhl hatten sich in ihrem langen Winzerleben die Arbeit immer sauber aufgeteilt. Der Ältere kümmerte sich um die 25 Hektar Reben, der andere betreute den Keller. Als der Zeitpunkt gekommen war, dass die Väter allmählich die Verantwortung ihren Söhnen überlassen sollten, klappte das ebenso gut. Eckarts Sohn Martin übernahm die Weinberge. Cousin Arne wurde Nachfolger im Keller.

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Die Familie Bercher kam vor mehr als 250 Jahren aus der Schweiz. 1756 entstand am malerischen Marktplatz in Burkheim ein anmutiges, dennoch geräumiges Haus, in dem heute die beiden Cousins mit ihren Familien wohnen. Im Untergrund befindet sich ein weitläufiges Kellergewölbe.

Arne Bercher hat die Kunst, das Holz richtig einzusetzen, vom Vater gelernt und noch verfeinert. „Es kann die Aromen des Weins bis zu einem gewissen Grad unterstützen, aber nicht mehr. Wenn nur noch Vanille und Eiche zu schmecken sind, dann habe ich etwas falsch gemacht“, sagt er. Spätburgunder, der fast die Hälfte der Ernte ausmacht, kommt grundsätzlich ins Fass.

Die Cousins haben beide an der Hochschule in Geisenheim studiert. Bei Martin Bercher, 42 Jahre alt, hochgewachsen, das Haar lang, war von Anfang an klar, dass er Winzer werden wollte. Der 38-jährige Cousin Arne, etwas kleiner, kantiger, den Bart kurz gestutzt, liebäugelte zuerst mit einer wissenschaftlichen Laufbahn im Fach Biologie. Er nahm an einem Forschungsprojekt auf Long Island in USA teil. Dann sah er aber doch, dass er im Weingut gebraucht werde.

Die beiden sind von ihren Charakteren völlig unterschiedlich, ergänzen sich aber prächtig. Martin ist mehr der sportliche Typ. Arne mischt bei der badischen Weinwerbung mit, bei der lange Zeit wenig bis gar nichts geschah. Er kämpft als Vertreter der Güter gegen die Interessenten von Genossenschaften und großen Kellereien.


Freiherr von Gleichenstein: Im alten Klostergut

Das Weingut von Gleichenstein in Oberrotweil am Kaiserstuhl ist in Gebäuden untergebracht, die älter als 400 Jahre sind. Sie gehörten einst dem Kloster St. Blasien und dienten als Zehntscheune. 1634 übernahmen die Freiherren das Anwesen samt Ländereien.

Bis 1959 war dies ein landwirtschaftliches Gut mit ein paar Rebgärten. Dann wandelte Baron Hans-Joachim von Gleichenstein den Besitz in ein reines Weingut um. Sohn Johannes studierte Wirtschaft und Agrarökonomie in Hohenheim, machte eine klassische Winzerlehre und schrieb sich an der Hochschule in Geisenheim ein. Die Ausbildung dort war ihm zu theoretisch. Er wechselte zur Lehranstalt in Weinsberg bei Heilbronn, wo er seine Lehrjahre als Weinbautechniker abschloss.

Dann redete er mit dem Vater. Er wolle noch für einige Zeit als Assistant Winemaker im australischen Yara Valley arbeiten. In zwei Jahren käme er gerne zurück, aber nur als alleiniger Chef des Weinguts. Eine Zusammenarbeit mit dem Senior wäre nicht gutgegangen. „Wir sind beide schlimme Dickköpfe“, bemerkt der Sohn. Der Vater willigte ein. 2003 übergab er den Betrieb. Unter dem Sohn sind die Weine immer besser geworden. 2009 wurde ein Spätburgunder mit dem Rotweinpreis von „Vinum“ ausgezeichnet. Voriges Jahr ernannte ihn der „Gault Millau WineGuide“ zum „Aufsteiger des Jahres“.

Allein hätte er das nie geschafft, bekennt Freiherr Johannes. Eine unschätzbare Hilfe ist ihm Kellermeister Odin Bauer, der in dem langgezogenen Keller von 1580 alles im Griff hat. Der Weinmacher hat in Bordeaux und Burgund gelernt. Er und sein junger Chef tüfteln ständig, welcher Burgunder in welchem Holz wie lange reifen soll. „Barrique ist nicht gleich Barrique“, weiß von Gleichenstein, „da gibt es tausend Stellenschräubchen.“

Die Flasche zeigt die 2010er Oberrotweiler Henkenberg Grauburgunder Spätlese trocken, bei aller Kraft auch verspielt-elegant, für 14 Euro.


Das Juliusspital: Hervorragende Teamarbeit

Die Lese beim Juliusspital-Weingut in Würzburg ist jedes Jahr eine strategische Meisterleistung. 1200 Mitarbeiter gilt es zu dirigieren. 172 Hektar Reben besitzt der traditionsreiche Betrieb, alles Spitzenlagen, aber über ganz Franken verstreut.

14 Tage vor Erntebeginn fährt Betriebsleiter Horst Kolesch mit den Weinbergs- und Kellermeistern in einem VW-Bus alle Stücke ab, vom Untermain bis zum Steigerwald. Genau wird festgelegt, welche Parzelle wann und wie gelesen werden soll. Dann gibt der Chef die Aufsicht ab an „meine Kollegen“.

Kolesch, 54, studierte Landwirtschaft und Önologie, ging dann als Praktikant zum Juliusspital. Als das Gut einen Betriebsleiter suchte, bewarb er sich kühn und wurde übernommen. Seit 26 Jahren leitet nun der hochgewachsene Mann mit der hohen Stirn dieses zweitgrößte Weingut Deutschlands. „Ich kann mich auf ein hochqualifiziertes Team stützen, das Arbeitsklima ist hervorragend“, lobt er.

Das Gut gehört zu einer Stiftung, die Fürstbischof Julius Echter 1579 gegründet hat. Er ließ einen prächtigen Barockbau errichten mit einem 250 Meter langen Keller, der heute noch benutzt wird. Damals wie heute ist dort ein Krankenhaus untergebracht, das von den Einnahmen aus Weinbau, Forst- und Landwirtschaft unterstützt wird.

Für die Qualität ist letztlich der Kellermeister verantwortlich. 47 Jahre lang hatte Benedikt Then dieses Amt inne. Er hat als Lehrling angefangen und ging jetzt im Juli in den verdienten Ruhestand. Sein Nachfolger ist Nicolas Frauer. Er hat in Burgund studiert und bei deutschen Topweingütern gearbeitet.


Graf von Kanitz: Gewaltige Herausforderung

Sebastian Graf von Kanitz hat ein gutes Händchen für die Auswahl von Mitarbeitern. Seinen besten Griff tat der knapp 40-Jährige, als er Kurt Gabelmann einstellte. So kann sich Erlaucht ganz der Verwaltung seiner beiden Schlösser in Cappenberg und in Nassau widmen. Dazu gehören weitläufige Ländereien, die seine Familie einst von dem preußischen Reichsreformer Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein geerbt hatte. Um seinen dritten Besitz, das Weingut in Lorch am Rhein, braucht er sich nicht so nachhaltig zu kümmern. Da kann er sich ganz auf Gabelmann verlassen.

Der 65-Jährige ist eigentlich schon im Ruhestand. Doch nach wie vor betreut er die 14 Hektar Weinberge und den Keller. Als Junge wuchs er in der badischen Ortenau auf und träumte davon, Winzer zu werden. Den Eltern zuliebe machte er eine Lehre als Buchdrucker. Nach Vaters Tod setzte er seinen Dickschädel durch und lernte Weinbau. Mit zusammengekratztem Geld schaffte er den Abschluss an der Hochschule in Weinsberg. Zum eigenen Winzerhof brachte er es nicht. Aber er wurde Verwalter bedeutender Weingüter. Zehn Jahre lang leitete er die Staatliche Domäne in Niederhausen an der Nahe. 2004 kam er nach Lorch.

Eine gewaltige Aufgabe wartete auf ihn. Carl Albrecht Graf von Kanitz, Vater seines heutigen Arbeitgebers, hatte sich auf seine alten Tage zu wenig um das Weingut gekümmert. Der Betrieb und die Rebberge waren in einem kläglichen Zustand. Eine besondere Herausforderung bestand darin, dass der Betrieb seit zwölf Jahren ökologisch geführt wurde. „Die Liebe zur Natur ist eine gute Sache. Die Weinberge müssen aber trotzdem gepflegt werden“, spöttelte Gabelmann und spuckte in die Hände.


Boris Kranz: Auf Anhieb zur Spitze

Die Kalmit bei Maikammer ist mit 673 Metern die höchste Erhebung im Pfälzerwald. Es gibt aber auch eine kleine Kalmit, eben mal 270 Meter hoch. Sie gehört zur Gemeinde Ilbesheim und gilt als einer der besten Weinberge der Südpfalz. Die Kuppe ist bedeckt mit porösem Landschnecken-Kalk, der sich rasch erhitzt.

Dort fühlen sich auch spät reifende Rebsorten wohl. Bis vor drei Jahren hatte diese grandiose Lage amtlich keinen Namen. Die Winzer durften die Weine von dort nur unter der alles umfassenden Ortslage Rittersberg anbieten.

Boris Kranz ärgerte sich jahrelang darüber. Mit Gleichgesinnten begann der junge Winzer den Kampf gegen den rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsminister. Der 37-Jährige setzte sich am Ende durch. Seit drei Jahren dürfen die Weine von dieser malerischen Anhöhe den Namen Kalmit tragen.

Kranz wusste als Schüler schon, dass er Winzer werden wollte. Mit 22 Jahren legte er in Bad Kreuznach die Prüfung zum Weinbautechniker ab. An die erste Zeit der Zusammenarbeit mit Vater Robert denkt er amüsiert zurück: „Ich spuckte große Töne, und er musste mich ständig bremsen.“ Die beiden einigten sich aber bald. Der Sohn übernahm den Keller. Der schnauzbärtige, kantige Papa kümmert sich um die Weingärten

Seit zwei Jahren ist der Junior alleiniger Inhaber des Guts. „Wir sind aber ein richtiger Familienbetrieb“, sagt er. Die Eltern schaffen noch brav mit, der Vater draußen, die Mutter im Büro. Ehefrau Kerstin betreut die Kunden. Der schicke, moderne Anbau mit den Probier- und Verkaufsräumen, der 2009 entstand, ist ihr Reich.

Vor sieben Jahren fiel Boris Kranz zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Bei einer großen Südpfalz-Probe, bei der alle Spitzenwinzer mitwirkten, erzielte ein Grauburgunder von ihm die höchste Punktzahl. Das war der Anstoß für die Aufnahme in den feinen Verband Deutscher Prädikatsweingüter zwei Jahre später. Bei der großen Probe für die Liste der 100 Besten, wurde er von allen Jury-Mitgliedern vorgeschlagen, und er schaffte auf Anhieb den Aufstieg zur Spitze.


Siegrist und Schimpf: Lob dem Schwiegervater

Thomas Siegrist, Winzer im pfälzischen Leinsweiler, entkorkte unlängst ganz vorsichtig einen 85er Spätburgunder. Der im Barrique ausgebaute Wein war seinerzeit von der amtlichen Prüfstelle als „nicht verkehrsfähig“ abgelehnt worden.

Siegrist hatte damals versucht, gegen dieses Votum zu klagen, mit dem Hinweis, dass die intensive Holznote sich im Laufe der Zeit schon verlieren werde. Heute sieht der 61-Jährige seinen Irrtum ein. Noch immer ist heftig Fass zu schmecken.

Längst setzt Siegrist, der das 15-Hektar-Weingut gemeinsam mit Schwiegersohn Bruno Schimpf betreibt, das Barrique viel behutsamer ein. Nur besonders dichte, vielschichtige Burgunder überlässt er ganz dem neuen Holz. Ansonsten benutzt er ältere Fässer oder er legt einen Teil der Weine nun in den Edelstahltank.

Siegrist und sein Schwiegersohn sind eine prächtiges Gespann. Schimpf ist Betriebsleiter und Kellermeister, aber er möchte nichts ohne den Senior machen. Der 44-Jährige ist Quereinsteiger. Er stammt aus einem Bauernhof, zu dem auch ein paar Reben gehörten. Die Eltern hatte er früh verloren. Er wollte Winzer werden. Das Gymnasium brach er ab und arbeitete ein halbes Jahr lang bei einer Rebveredlung. Dann hörte er auf seine Großmutter und lernte „etwas Vernünftiges“. Er wurde Fernmelde-Handwerker bei der Telekom. Und wieder kam der Wunsch hoch, Winzer zu werden. Er machte ein Praktikum im Spitzenweingut Friedrich Becker in Schweigen.

1995 traf er Kerstin Siegrist. Vater Thomas mochte den jungen Mann und lockte: „Los, komm zu mir!“ Es folgten Heirat, Einstieg in das Weingut, Lernen beim Schwiegervater. Bruno Schimpf, obwohl Autodidakt, ist ein hervorragender Kellermeister geworden.


Klaus Zimmerling: Im Königlichen Weinberg

Klaus Zimmerling, 52 Jahre alt, ist Autodidakt. Sein Wissen vom Wein hat er sich weitgehend selbst aus Büchern beigebracht. Der gebürtige Leipziger arbeitete viele Jahre als Maschinenbauer in einer Fabrik für Küchengeräte. Das fand er auf Dauer öde. So freundete er sich mit dem Gedanken an, es mit Wein zu versuchen.

In Pillnitz oberhalb von Dresden standen 1992 alte Weinberge zum Verkauf. Sie gehörten früher einer Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft. Zimmerling meldete sich an. Es gab zahlreiche Mitbewerber.

Die warteten ab, er aber schritt zur Tat. Er sah, dass die Reben geschnitten werden müssten, wollte er noch im selben Jahr vernünftige Trauben ernten. Als die anderen Interessenten ihn so munter bei der Arbeit sahen, gingen sie davon aus, dass alles längst verkauft war.

Königlicher Weinberg heißt der steile Hang oberhalb von Pillnitz. Tatsächlich gehörten die Reben einst zum sächsischen Hof. Und August der Starke wusste zu genießen. Zimmerling erstand vier Hektar, bestockt mit minderen Sorten wie Müller-Thurgau und Bacchus. Das meiste hieb er aus und pflanzte stattdessen Riesling und Burgunder.

Die Erträge hält er bewusst klein. So erntet er volle, üppige Tropfen, die er, da immer zu wenig Wein da ist, in Halbliterflaschen mit Schraubverschluss füllt. Die üblichen Prädikate verwendet er nicht. Aber es ist davon auszugehen, dass zum Beispiel sein saftiger Gewürztraminer eigentlich eine Auslese ist.

Zimmerling arbeitete lange Zeit in einem alten Keller an der Elbe. Zweimal erlebte er Hochwasser. Für knapp eine halbe Million Euro ließ er weiter oben einen Stollen in den Granit graben. Ein anmutiger Eingang entstand, geschmückt von eindrucksvollen weiblichen Figuren, Werke seiner polnischen Frau Malgorzata Chodakowska.

Quelle:  Handelsblatt Online
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