Club Mate in der Oberpfalz: Start-up-Atmosphäre plus Privatleben

ThemaMittelstand

Club Mate in der Oberpfalz: Wie ein Mittelständler IT-Experten in die Provinz lockt

Start-up-Atmosphäre plus Privatleben

Vom Praktikum zur Traumstelle – zwei Drittel der neu eingestellten IT-Nerds steigen bei Witt über Schnupperwochen ins Berufsleben ein. Schwieriger ist es bei Experten mit Erfahrung. Gerade mal 26.300 Digitalspezialisten waren 2016 laut Bundesagentur für Arbeit ohne Job.

Wie viele von ihnen kämen wohl auf die Idee, in der Oberpfalz eine neue Herausforderung zu suchen? Recruiterin Risse hat sich daher vor einigen Jahren mit ihren Programmierern zusammengesetzt und überlegt, womit sie deren Kollegen anlocken könnte. Wenige Wochen später stellte sie Bier kalt, Sitzsäcke in die Lounge und ein Buffet in den Eingangsbereich. Das Unternehmen veranstaltete an diesem Tag sein erstes Developer Camp.

„IT-Leute suchen fachlichen Austausch. Wenn man ihnen das ermöglicht, wird man als Arbeitgeber attraktiv“, sagt Risse. Zwei Tage diskutierten die Nerds in der Region. Solche Veranstaltungen seien das Geld wert, bestätigt Experte Baum. „Bei kleinen, gut vernetzten Gemeinschaften wie den IT-Experten spricht sich schnell herum, dass ein Mittelständler gute Angebote macht.“

Manchmal sogar bis nach Berlin. Dort lebte Sven Hornberg bis 2016, ein passionierter Informatiker, der schnell spricht und vor Begeisterung gestikuliert, sobald er davon erzählen kann, wie man digitale Unternehmenssysteme in die Cloud auslagert oder ein Shopsystem optimal betreut. Für Menschen wie Hornberg, 30 Jahre jung, gibt es in Berlin Jobs an jeder Ecke. Doch so richtig glücklich war Hornberg nicht. Was ihm fehlte, merkte er erst, als er die Stellenausschreibung von Witt sah. Das Unternehmen bot Start-up-Atmosphäre plus Privatleben plus Bodenständigkeit: Stechuhr, 32 Tage Urlaub, Unternehmens-Kita, 37-Stunden-Woche: „Hier wird jede Überstunde ausgeglichen“, so Hornberg.

Dass der Mittelstand mit konservativen Angeboten bei jungen Codern punkten kann, weiß auch Berater Englisch: „Viele Betriebe werben mit der hohen Lebensqualität auf dem Land.“ Gerade junge Familien mit Nestbauplänen zieht es raus aus der Stadt, zumal seit die Wohnungs- und Hauspreise in den Städten explodiert sind. Wenn die Mittelständler dann noch Homeoffice und eine Kinderbetreuung anbieten, stimmt das Gesamtpaket vollends.

Hornberg ist inzwischen einer von mehr als 190 IT-Experten bei Witt. „Seitdem ich nicht mehr in Berlin wohne, merke ich, wie anstrengend ich die Stadt finde. Wenn ich hier zur Arbeit fahre, ist das wie ein minutenlanger, schöner Bildschirmschoner.“ Witt muss dafür sorgen, dass es in der Idylle nicht langweilig wird. „Des ITlers größte Angst ist, in ein konservatives Unternehmen zu kommen und abgehängt zu werden“, sagt Risse. „Deshalb setzen wir alles daran, dass sie sich mit anderen vernetzen und weiterbilden.“ Sie schickt ihre Informatiker zu Hackathons und zahlt den Besuch zu Konferenzen und Workshops.

PremiumWeltmarktführer Auf der Suche nach den Perlen der Provinz

Viele erfolgreiche Mittelständler sitzen auf dem Land. Warum ist das so? Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz.

Quelle: Titelfotos: LOOK/Daniel Schoenen, Getty Images/Daniel Reiter; Titelillustration: Dmitri Broido

Natürlich habe man auch schon mal überlegt, eine Dependance in einer Großstadt aufzumachen, sagt Risse – so wie etwa der Prothesenhersteller Otto Bock oder das baden-württembergische Handelsunternehmen Berner. Doch warum sollte man im Wortsinn auf Bewerber zugehen, die man besser zum Kommen überreden kann? Der größte Nachteil der Provinz ist auch ihr größter Vorteil: Man hat in ihr seine Ruhe. Auch deshalb ist der durchschnittliche Witt-Mitarbeiter mehr als zwölf Jahre im Unternehmen.

Anzeige

Hornberg hat vor Kurzem einen Imker-Kurs absolviert und weiß jetzt auch, dass Wandern Spaß macht. Die Hauptstadt vermisst er nicht, vielleicht den „Club Mate Eistee – den gibt es hier nicht, das habe ich gestern in der Cafeteria beklagt“. Später läuft Hornberg durch die Kantine. Die Kassiererin sieht ihn und ruft: „Schau mal da hinten.“ Als er von der Getränkebar wiederkommt, grinst er. Neben seinem Schnitzelteller steht eine Flasche Club Mate.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%