Die 100 besten Weingüter: Die Reifeprüfung

Die 100 besten Weingüter: Die Reifeprüfung

, aktualisiert 04. Dezember 2011, 14:36 Uhr
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Herbstlich verfärbte Weinreben in der Südpfalz vor dem Hambacher Schloss.

Quelle:Handelsblatt Online

Das Handelsblatt und das Magazin Vinum stellen die besten deutschen Winzer vor. Weinexperte Pit Falkenstein über eine Region, die einst Heimat vieler schlechter Schoppen war und heute Weinkultur atmet: die Südpfalz.

DüsseldorfIn diesem Jahr wurde Gerhard Schwetje, Pfarrer am Krankenhaus St. Elisabeth in Saarlouis, 75 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag erhielt er die Ehrenbürgerwürde des Landkreises Südliche Weinstraße. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck gratulierte persönlich.

Was mag diese Nachricht wohl mit der Liste der 100 besten deutschen Weingüter zu tun haben, die jetzt im 26. Jahr erscheint, zeitgleich im „Handelsblatt“ und im Fach-Magazin „Vinum“? Doch, da gibt es einige Verbindungen. Schwetje hat viel dazu beigetragen, dass die Südliche Weinstraße in der Pfalz, vor 40 Jahren noch Heimat vieler schlechter Schoppen, heute Weinkultur atmet. Zwei Güter von dort sind jetzt sogar in die Bestenliste aufgestiegen, Kranz in Ilbesheim und Siegrist in Leinsweiler. Nun stehen acht Betriebe aus dieser anmutigen Region an der Spitze der deutschen Winzerschaft (von insgesamt 18 Pfälzer Adressen).

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Sollte Pfarrer Schwetje diese Nachricht vernehmen, dann wird er sich gewiss freuen. 1969, da war er eben 33 Jahre alt und aufstrebender Regionalpolitiker in Rheinland-Pfalz, wurde er von dem damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl beauftragt, die beiden Pfälzer Landkreise Bad Bergzabern und Landau zu verschmelzen. Der neue Landrat brachte viel frischen Schwung in diese verschlafene - oder drastischer ausgedrückt: verstockte Gegend. Neue Straßen, Schulen und Kliniken entstanden. Die Aktion „Saubere Landschaft“ sorgte dafür, dass sich Besucher zwischen Wald und Reben wohlfühlten.

Ein besonders wichtiges Werkzeug für die Entwicklung der Region aber war die Einrichtung des Vereins Südliche Weinstraße, der die Winzer und auch die Gastwirte dort zu besseren Leistungen ermunterte. Die Südpfalz, die mit einer atemberaubend schönen Landschaft auftrumpfen kann, sollte neben Wanderern auch Genießer locken. Zu den regionalen Spezialitäten wie „Saumagen“, ein mit Wurstbrät und Kartoffelstücken gefüllter und im Ofen gebackener Schweinemagen oder „Fleeschknöpp“, Klöße aus Hackfleisch mit Meerrettich, gab es endlich gehaltvollen trockenen Riesling und Silvaner ohne „dienende Süße“.

13 Jahre wirkte Schwetje dort. Dann stieg er auf zum Regierungspräsidenten in seiner Trierischen Heimat. 1994, nach dem Tod seiner Frau, ließ der gläubige Mann die Politik Politik sein und wurde Geistlicher.

Als die Liste der 100 besten deutschen Weingüter 1985 zum ersten Mal erschien, damals im Verbrauchermagazin „DM“, da wurden nur zwei Betriebe von der Südlichen Weinstraße aufgenommen, Dr. Wehrheim und Ökonomierat Rebholz.

Dr. Karl Wehrheim war zu der Zeit „Borchermeeschter“ (Bürgermeister) von Birkweiler. Der umtriebige Mann brachte Leben in das altersmüde Dorf. Auf sein Betreiben wurden vergammelte Fachwerkhäuser wieder herausgeputzt. Die Schule bekam ein neues Inventar. Ein properes Hotel entstand. Zunehmend interessierten sich Touristen für das grundsätzlich hübsche Gemeinwesen.


„Nichts schönen, was die Natur freiwillig gibt“

In der Rückschau meint der 89-Jährige, der immer noch im Familiengut die Bücher führt, dass diese Arbeit einfach gewesen sei gegenüber dem Bemühen, die Winzerkollegen im Ort zu ermuntern, mehr Natürlichkeit bei der Bereitung ihrer Weine walten zu lassen. Es gab wohl da und dort trockene Schoppen, die aber meist so kratzbürstig schmeckten, dass der Zecher schon über einen sehr abgehärteten Gaumen verfügen musste. Üblich war es, „Süßreseve“ hinzuzukippen, was nichts anderes ist als pasteurisierter Traubenmost. Wehrheim predigte, dass Birkweiler doch mit dem Kastanienbusch eine der besten Pfälzer Lagen besitze. Da müssten doch wahrlich bessere Weine zu erzeugen sein. Er selbst ging mit Beispiel voran, pflegte und stutzte seine Reben, weil weniger Menge mehr Qualität in die Flasche bringt. Heute bieten die Winzer in Birkweiler durchweg klar-fruchtigen Riesling und auch gehaltvollen Burgunder an, meist in der Geschmacksrichtung trocken.

Wehrheims großes Vorbild war Hans Rebholz in der Nachbargemeinde Siebeldingen. Der hagere, ernste Mann hatte von seinem Vater Eduard, dem Ökonomierat, die Devise übernommen: „Nichts verbessern, nichts schönen, nur was die Natur freiwillig hergibt.“ Es gab bei ihm ausschließlich trockene Weine, höchstens mal ganz selten eine edelsüße Beerenauslese. Grundsätzlich reicherte er keinen Most mit Zucker an, auch wenn in einem trüben Jahr die Oechsle-Grade bedenklich niedrig ausgefallen waren. Reichte der Alkohol nicht für einen Qualitätswein, dann schrieb er eben „Tafelwein“ auf die Flasche. Von seinen Kollegen wurde er verlacht. Doch altgediente Zecher liebten seinen dünnen Silvaner, der auch bei nur acht bis neun Prozent noch eine Menge Aroma auf die Zunge brachte.

Rebholz starb Anfang 1978. Er wurde nur 58 Jahre alt. Sein Sohn Hansjörg ging damals noch zur Schule. Die Nachbarwinzer sorgten dafür, dass der Junge eine gute Ausbildung bekam. Sie halfen im Herbst bei der Ernte und im Keller. Die Weine wurden so staubtrocken und federleicht hergerichtet, wie es der verrückte Hans immer gehalten hatte.

Hansjörg Rebholz führt heute den Betrieb, eingerichtet in einem prächtigen Fachwerkanwesen, ganz im Sinne der Vorväter weiter. Die Mitglieder des Verbandes der Prädikatsweingüter, die früher in der noblen Pfälzer Mittelhaardt unter sich blieben und voller Verachtung auf die Südliche Weinstraße herabschauten, haben ihn in diesem Jahr zu ihrem Vorsitzenden gewählt.

Schön für die Südpfalz ist die Nachricht, dass die „Fünf Freunde“ nun auch in der Bestenliste vereint sind. Diese Gruppe entstand vor 20 Jahren. Gemeinsam suchten da fünf Winzer nach Möglichkeiten, die Qualität ihres Spätburgunders zu verbessern durch gezielten und sparsamen Einsatz von Barriques. Was damals ein lockerer Arbeitskreis war, ist heute an der Südlichen Weinstraße eine Institution. Durch den Wiederaufstieg des Gutes Siegrist in Leinsweiler sind die fünf nun auch an der Spitze komplett.

Quelle:  Handelsblatt Online
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