Eine Frage des Formats: Das Revival der Vinyl-Platte

Eine Frage des Formats: Das Revival der Vinyl-Platte

, aktualisiert 06. November 2011, 19:11 Uhr
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Die Vinylindustrie schaut auf ein Absatzwachstum von 20 Prozent im vergangenen Jahr.

Quelle:Handelsblatt Online

Jenseits der billigen Massenproduktion von CDs feiert die Vinyl-Platte derzeit ihr Comeback. Der Griff zur Langspielplatte ist aber nicht nur eine Frage des Formats. Der Mehrwert liegt im Zubehör.

KölnDas Ungetüm ist so groß wie ein Erstklässler und wiegt stolze 220 Kilo. Mit seinen acht futuristisch anmutenden Beinen sieht der massive, aus handpoliertem Aluminium gefertigte Schallplattenspieler aus wie eine Landekapsel für Raumflüge zum Mond. Teuer ist er auch. So teuer, dass sich den „Artus FMD“ vorwiegend reiche Geschäftsleute aus China, Taiwan oder Hongkong als Statussymbol in ihre Wohnzimmer stellen.

Für bis zu 150.000 Euro verkauft Hersteller Transrotor den „König unter den analogen Laufwerken“, zu dem ihn eine Fachzeitschrift einst krönte. Dabei bringt das Gerät bloß ein Stück Vergangenheit zum Klingen: die Vinyl-Schallplatte.

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Die bereits totgesagte Langspielplatte zieht seit einigen Jahren wieder verstärkt Käufer an. Mit einem Absatzwachstum von 20 Prozent im vergangenen Jahr ist eine lukrative Nische entstanden, die sich erfolgreich gegen die Umsonst-Kultur auf dem Musikmarkt stemmt.

Apples iTunes verscherbelt Musikstücke mittlerweile zu Preisen von 69 Cent. Anbieter wie Simfy stellen völlig legal nahezu jeden Titel kostenlos zur Verfügung. Wer sich bei dem Unternehmen registriert, muss lediglich einige Werbeeinblendungen ertragen.

Hinzu kommt das noch immer ungelöste Problem der illegalen Musikdownloads: Drei Viertel der rund 62 Millionen heruntergeladenen Alben wanderten im vergangenen Jahr gesetzwidrig auf die Rechner der Internetnutzer, beklagt der Bundesverband Musikindustrie (BVMI).

Parallel dazu rauschen die CD-Verkäufe seit Jahren nach unten. Im Vergleich zu 2006 verkaufte die Branche nach BMVI-Zahlen im vergangenen Jahr gut 20 Millionen Scheiben weniger. Nur noch die Schallplatte erzählt eine kleine Erfolgsgeschichte: Innerhalb von fünf Jahren verdoppelte sich ihr Jahresabsatz in Deutschland auf 600 000 Exemplare. Im ersten Halbjahr 2011 setzte sich dieser Trend mit einem Umsatzanstieg von 17,4 Prozent fort.


Verkäufe der Schallplatte auf 600.000 verdoppelt

Auch in anderen Staaten startet die Schallplatte ein Comeback. In Großbritannien beispielsweise sind die Verkäufe im ersten Halbjahr um 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.

Dabei sind die 600 000 beim Musikverband registrierten deutschen Schallplattenverkäufe nur ein kleiner Ausschnitt des Markts. Die Zahlen von Recordsale beispielsweise, einem Online-Händler für Schallplatten, sind nicht in der Statistik enthalten. Das Berliner Unternehmen hat im vergangenen Jahr rund 60 000 Platten verkauft und seit fünf Jahren ein jährliches Absatzwachstum von 40 Prozent erzielt.

„Wir erleben zurzeit eine Rückbesinnung auf die gute alte Vinylplatte, bei der die Kunden sicher sind, dass sie sie noch in 40 Jahren hören können“, sagt Recordsale-Geschäftsführer Mathias Gordon.

Doch der Griff zum Vinyl ist mehr als eine Absage an die sich immer schneller drehende Formatfrage. Denn die Schallplatte von heute unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von ihren Vorgängern aus den 80er-Jahren. Damals produzierte die Branche vor allem einfache und entsprechend kostengünstige Vinyls.

Heute bieten die Platten allein schon durch das opulente Cover und das beiliegende Textheft einen Mehrwert zur digitalen Musik. Vom Ritual beim Auflegen ganz zu schweigen. „Das ist wie bei Büchern, bei denen sich Liebhaber die gebundene Ausgabe nicht entgehen lassen wollen, obwohl das gleiche darin steht wie im Taschenbuch“, sagt Gordon.


Käufer sind durchschnittlich jenseits der 30

Mittlerweile erscheinen deshalb auch wieder aktuelle Alben von Chart-Stürmern wie Adele oder Arctic Monkeys auf Vinyl. Das neue Radiohead-Album „King of Limbs“ verkaufte sich im ersten Halbjahr in Großbritannien über 20 000-mal. Der britische Händlerverbund Entertainment Retailers Association ermittelte in einer Untersuchung, dass die Konsumenten bereit sind, für ein Musikstück auf Schallplatte mehr als doppelt so viel zu zahlen wie für die CD-Variante.

Der Altersschnitt der Käufer liegt jenseits der 30 und ihr Einkommen immerhin so hoch, dass sie sich auch mal für 2500 Euro aufwärts einen Plattenspieler der Marke Transrotor kaufen. „Unsere Kundschaft zählt zu den Menschen, die sich auch eine teure Küchenmaschine zulegen“, sagt Transrotor-Vertriebsleiter Dirk Räke.

Das Unternehmen aus Bergisch Gladbach ist einer der wenigen Hersteller, die die große Flaute überstanden haben. „Die Techno-Szene hat die Schallplatte am Leben gehalten“, sagt Räke. „Ohne sie hätten alle Presswerke dichtgemacht.“

Mittlerweile zieht der Markt wieder spürbar an. 2002 setzte die Hi-Fi-Branche 75 000 Geräte ab. Im vergangenen Jahr waren es schon wieder 119 000 – vorwiegend im oberen Preissegment. Die 150 000 Euro für den raumschiffähnlichen Artus bringen aber nur wenige Fans auf – drei Exemplare pro Jahr verkauft Transrotor.

Quelle:  Handelsblatt Online
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