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Eizelhandels-Dynastie: Die Albrechts - eine deutsche Erfolgsgeschichte

von Christoph Schlautmann und Sven Prange Quelle: Handelsblatt Online

Vom Tante-Emma-Laden zum Weltkonzern: Die Gebrüder Karl und Theo Albrecht setzten mit ihrem Konzept der Kargheit weltweit den Standard für Discounter im Lebensmittel-Einzelhandel. Ein bahnbrechender Erfolg, denn die beiden Brüder machte ihre Idee mit zu den reichsten Deutschen.

Quelle: dpa
Quelle: dpa

DÜSSELDORF. Die Verschwiegenheit währte bis zuletzt. "Dazu sagen wir nichts", beschied gestern Morgen eine Sprecherin von Aldi Nord ebenso freundlich wie bestimmt Anfragen der Presse. Diesmal aber besaß die Nachricht wenig Aussicht, wie vieles andere in dem abgeschotteten Discount-Imperium geheim zu bleiben. Theo Albrecht, neben seinem zwei Jahre älteren Bruder Karl Begründer des deutschen Discountkönigs, starb - wie erst jetzt bekannt wurde - am vergangenen Samstag in Essen. Er wurde 88 Jahre alt.

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Der nach seinem Bruder Karl und Michael Otto drittreichste Deutsche, dem das US-Magazin "Forbes" ein Vermögen von 16,7 Mrd. Dollar zurechnet, galt seit mehr als einem Jahr als schwer erkrankt. Anlass soll ein Sturz mit anschließendem Klinikaufenthalt gewesen sein, von dem sich der Bergmannssohn nicht mehr erholte. Sitzungen des Verwaltungsrats von Aldi Nord, dem auch die beiden Söhne Berthold und Theo junior angehören, konnte der Senior seitdem nicht mehr besuchen.

Am Mittwochnachmittag folgte dann doch noch eine Faxmitteilung aus der Essener Firmenzentrale. "Aldi trauert um einen Menschen, der gegenüber seinen Geschäftspartnern und Mitarbeitern bescheiden auftrat und immer respektvoll handelte", heißt es in der Mitteilung. "Wir verlieren mit ihm einen hoch geschätzten Unternehmensgründer und aufrichtigen Menschen." Unterzeichnet ist das seltene Schreiben an die Presse mit "Gesellschafter, Verwaltungsrat und Geschäftsführung der Unternehmensgruppe Aldi Nord", persönliche Namen nennt die Firma nicht.

Der in Essen geborene Handelspionier, von dem es kaum eine Handvoll vergilbter, meist unscharfer Fotos gibt, verdiente zu Lebzeiten sein Geld stets im Verborgenen. Nicht einmal das Geburtsdatum - neben dem 13. ist in einigen Quellen vom 28. März 1922 zu lesen - ist exakt überliefert.

Die Furcht vor der Öffentlichkeit hatte einen nachvollziehbaren Grund: Am 29. November 1971 kidnappten Entführer den Aldi-Gründer - und entließen ihn erst 17 Tage später wieder aus der Gefangenschaft. Das Lösegeld hatte den Gangstern Ruhrbischof Franz Hengsbach übergeben, zu dem die Albrecht-Brüder damals in freundschaftlichem Kontakt standen.

Theo und Karl, die als streng katholisch galten, waren bekannt als eifrige Kirchgänger in St. Markus, der Kirchengemeinde von Essen-Bredeney. Seiner Hauptstiftung, der Theo Albrecht schon vor Jahren sein Unternehmensvermögen anvertraute und damit den Fortbestand von Aldi Nord sicherte, trägt den Namen der Pfarrgemeinde. Bruder Karl, der sich ebenfalls für ein Stiftungsmodell entschied, gab dieser dagegen den Namen "Siepmann" - den Mädchennamen seiner Mutter Anna.

Der ohnehin publikumsscheue Theo Albrecht zog sich nach der Entführung noch weiter aus der Öffentlichkeit zurück - und ließ seine Chauffeure jeden Morgen einen anderen Weg zur Essener Firmenzentrale steuern. Knauserig hingegen blieb der Discount-Erfinder Zeit seines Lebens. Vor dem Düsseldorfer Finanzgericht klagte er wenige Jahre nach dem Kidnapping die volle steuerliche Absetzbarkeit seiner materiellen Entführungsschäden ein.

Nötig hätte er es schon damals nicht gehabt. Heute gehören Aldis Billigläden mit einem Marktanteil von 16 Prozent zu den führenden Lebensmittelhändlern Deutschlands. 25,5 Mrd. Euro setzten die Brüder hierzulande um - Karls Aldi Süd etwas mehr als die Läden seines verstorbenen Bruders. Hinzu kommen Auslandstöchter von den USA bis nach Australien. Heute kommen Aldi Nord und Aldi Süd zusammen auf 4 295 Filialen in Deutschland, weltweit besitzt der Billigheimer 9 400 Standorte in 18 Ländern.

Ihre Operationsgebiete teilten die beiden gesellschaftsrechtlich selbstständigen Aldi-Gesellschaften sauber voneinander getrennt auf. Schon Anfang der 60er-Jahre entschieden sie, auf ihrer Deutschlandkarte den Aldi-Äquator mitten durchs Ruhrgebiet laufen zu lassen. Auch auf dem Globus markierten sie exklusive Zonen. Aldi Nord regiert in Dänemark, Benelux, Frankreich, Spanien und Portugal. Die von Mülheim/Ruhr aus gesteuerte Süd-Schiene legt den Schwerpunkt auf Osteuropa, den Alpenraum und die englischsprachigen Länder.

Heute schätzen Brancheninsider die Rendite der beiden Gesellschaften auf rekordverdächtige vier bis sechs Prozent - mit einem leichten Vorsprung für Karls Aldi Süd. Dabei entwarfen die Brüder ihr Billigkonzept vor 50 Jahren aus blanker Not heraus. Das sagte Walter Vieth, der Anfang der 60er-Jahre als Bezirksleiter am Start der ersten Aldi-Läden beteiligt war, dem Handelsblatt.

Damals war das 1946 von Mutter Anna gegründete Familienunternehmen in arge Schieflage geraten, weil es den Wandel im Handel verschlafen hatte. Während "Kaiser?s" und "Deutscher Supermarkt" die Republik mit den neuen Selbstbedienungs-Supermärkten überzogen, blieben in den 300 Tante-Emma-Läden der Albrechts die Kunden aus.

Zunächst versuchte man sich in Neuss und Mülheim erfolglos an großflächigen Cash-&-Carry-Märkten, die unter dem Namen "Alio" starteten. Dann aber kam den Brüdern ein genialer Einfall: In den viel zu kleinen Läden schafften sie Platz, indem sie kurzerhand Fleisch- und Obsttheken ausräumten. An Stelle einer breiten Produktauswahl boten sie fortan eine karge Auswahl - dafür aber zu unschlagbar günstigen Preisen.

Doch nicht der Rotstift allein überzeugte die Kundschaft. "Günstige Preise allein machen es nicht, es muss Qualität dazukommen", fasst Matthias Queck von der Frankfurter Marktforschungsfirma Planet Retail das Konzept zusammen. Der besondere Aldi-Dreh sei zudem die Begrenzung des Sortiments gewesen.

Statt zehn Kaffeesorten boten die Discounter lange Zeit nur eine, was dann wegen der großen Liefermenge die Orderpreise senkte. Die geschickte Vorauswahl überzeugt bis heute. Mehr als 40 Prozent der Lebensmittelkäufe vereinten Deutschlands Discounter, zu denen inzwischen auch Lidl, Penny, Netto oder Norma zählen, im vergangenen Jahr auf sich.

Gestartet worden war die Revolution Ende 1961 mit einem ersten Laden in Dinslaken, erinnert sich der heute 73-jährige Walter Vieth. Weitere Läden folgten in Duisburg-Walsum, Hamborn, Wesel und Bocholt. Am Ende setzte sich in der Unternehmensführung der Name "Aldi" durch - eine Kurzform für "Albrecht-Discount". Die ebenfalls hoch gehandelte Alternative "Billi", kam letztlich nicht zum Zug.

Nicht nur der Deutsche Handelsverband HDE lobte gestern Theo Albrechts "großen Beitrag zur Wohlfahrt". Auch Erzrivale Lidl, der das Aldi-Konzept später kopierte und Aldi Nord inzwischen beim Deutschlandumsatz überholt hat, würdigte die Verdienste des Patriarchen. Mit Albrecht verliere der deutsche Lebensmitteleinzelhandel eine "erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeit", erklärte Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Unternehmensgruppe (Kaufland/Lidl). Und: "Wir zollen seiner Lebensleistung tiefen Respekt."

Das schwierige Erbe des Patriarchen

Sie haben das Arbeiten ohne den Unternehmenspatriarchen längst geübt. Wenn sich alle zwei Monate die obersten Führungskräfte von Aldi Nord in der Essener Konzernzentrale zur Strategietagung trafen, fehlte Theo Albrecht schon seit mehr als einem Jahr. Stattdessen führte Hartmuth Wiesemann das Wort. Der 65-Jährige, seit 51 Jahren bei Aldi, ist seit drei Jahren Generalbevollmächtigter - und gegenüber Theo Albrecht loyal bis zur Selbstaufgabe.

Wiesemann wird, das sagen alle Eingeweihten im abgeschirmten Essener Aldi-Reich, Albrechts Nachfolger werden. Zwar hieß es gestern in einer Pressemitteilung, Albrecht habe mit einer Nachfolgeregelung die Zukunft der Unternehmensgruppe, die weltweit mehr als 50 000 Mitarbeiter beschäftigt, abgesichert. Was der Discounter aus Essen aber unerwähnt ließ: Auch im Einzelhandel herrschen raue Zeiten. Die Konkurrenz wird immer härter, der Marktanteil der Aldi-Märkte sinkt.

Auch das Auslandsgeschäft, dessen Wachstum lange sogar das Inlandsgeschäft stützte, zeigt erstmals in der Geschichte der Discounter-Kette leichte Schwächen. Nach Schätzungen des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK ging der Aldi-Umsatz im ersten Quartal 2010 nach Jahrzehnten des Wachstums um drei Prozent zurück. Konkurrent Lidl holt nicht nur seit Jahren auf, sondern hat Aldi Süd und Nord, wenn man sie getrennt betrachtet, inzwischen in Deutschland auch als Umsatzkönig abgelöst. Und im vergangenen Jahr entstand dadurch, dass Netto (Edeka) Plus (Tengelmann) übernahm, ein dritter, großer Discounter in Deutschland, der sich bislang besser schlägt als erwartet.

Aldi kann, anders als die Konkurrenten, kaum noch durch neue Läden in Deutschland wachsen, weil das Filialnetz ohnehin schon sehr dicht ist. Hinzu kommen hausgemachte Probleme: Ob Bio-Produkte oder Waren jenseits des Lebensmittelgeschäfts - sämtliche Trends im Einzelhandel setzten zuletzt die Wettbewerber, nicht Aldi, durch. Aldi war mal das Original in der Discounter-Branche. Jetzt wirkt es oft wie seine eigene Kopie.

Das gilt für Theos Nord-Gruppe genauso wie für die Märkte seines Bruders Karl im Süden der Republik. Die letzten erfolgreich eingeführten neuen Produktgruppen waren PC-Zubehör und Elektroartikel. Das war vor zehn Jahren. Versuche, mit Reisen oder Frisch-Backwaren neue Kunden zu ködern, erwiesen sich zuletzt nicht nur als Flops, sondern gefährdeten nach Ansicht von Fachleuten auch das Discount-Prinzip: "Aldis Stärke sind die schlanken Strukturen - das geht aber nur mit einem kleinen Sortiment", sagte ein Branchenexperte.

Bisher hatten Albrecht und sein Vertrauter Wiesemann deswegen die Parole ausgegeben: ab ins Ausland. Dort schienen die Wachstumsperspektiven grenzenlos. Aber auch das erwies sich in den vergangenen Monaten als schwierig. Die Geschäfte in Frankreich und den Niederlanden kriseln seit Monaten, heißt es in dem Unternehmen. Nicht gerade optimistisch stimmt auch die Tatsache, dass Theos Bruder Karl sich in der vergangenen Woche mit Aldi Süd aus Griechenland zurückzog - und damit erstmals einen kompletten Markt aufgab.

Neue Geschäftsideen könnten also nicht schaden. Doch woher sollen die kommen? "Seit einigen Jahren wird die Unternehmensgruppe durch erfahrene Aldi-Manager geführt", teilte das Unternehmen gestern lediglich mit. Dessen oberster Vertreter, Wiesemann, gilt aber gerade nicht als großer Erneuerer. Er machte schon seine Lehre bei Aldi und hat den Konzern nie verlassen. Auch die anderen Mitglieder des Verwaltungsrats - Marc Heußinger, Oliver Elsner, Werner Feddern sowie die Albrecht-Söhne Berthold und Theo junior - kommen aus der Aldi-Gruppe. Der Verwaltungsrat managt 35 Regionalgesellschaften, eine Einkaufsgesellschaft und neun Auslandstöchter mit insgesamt 2 700 Filialen. Die Funktion eines Aufsichtsrats übt die Markus-Stiftung aus, in die Theo sein Vermögen überführt hat.

Doch von Krise kann auch keine Rede sein. Die Geschäfte boomen nicht, aber sie florieren. Die Rendite liegt stabil über fünf Prozent. Das Aldi-Prinzip ist seit jeher auch eines, das auf Beständigkeit und Verlässlichkeit beruht. Mode und Zeitgeist sind keine Vokabeln, die in diesem Unternehmen von großer Bedeutung wären.

Wiesemann ist mit Einkaufschef Jürgen Schwall sogar gelungen, eine Art Nachfolgelösung für sich selbst zu finden. In welchem Zeitraum Schwall in die Aufgabe hineinwachsen soll, ist jedoch unklar. "Wiesemann dürfte seinen Posten als Chefaufseher und als Mann für die strategischen Entscheidungen einnehmen, während sich Schwall um das operative Geschäft kümmert", glaubt Aldi-Experte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Aldi will die Personalie Schwall, wie gewohnt, nicht bestätigen.

Mitarbeit: Thorsten Giersch

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