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Facharbeitermangel: Auf Facebook Azubis finden

von Anne-Kathrin Keller, Saskia Littmann und Kristin Schmidt

Qualifizierte Arbeitskräfte werden knapp. Mit welchen pfiffigen Ideen Mittelständler im In- und Ausland um gute Leute werben.

Die spanischen Fachkräfte Campo (links) und Balcells im Akustikraum ihres Arbeitgebers IMST Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Die spanischen Fachkräfte Campo (links) und Balcells im Akustikraum ihres Arbeitgebers IMST Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

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Sein Deutsch ist brüchig. Die Fachausdrücke sitzen zwar, aber Matthias Geissler versteht nicht, was Jordi Balcells da gerade erklärt. Der Spanier gestikuliert wild mit beiden Händen. Dann lächelt Geissler, der beim Ingenieurbüro IMST aus dem nordrhein-westfälischen Kamp-Linfort die Entwicklung von High-Tech-Antennen verantwortet. Er hat jetzt verstanden, wie sein Mitarbeiter die Messung an den Antennen durchführen möchte. Die Zusammenarbeit mit dem Ingenieur aus Spanien muss sich erst noch einspielen. Aber das wird, ist sich Geissler sicher.

Der 33-jährige Balcells ist ein Glücksfall für das Ingenieurbüro, das sich auf Funktechnik und Mikroelektronik spezialisiert hat. Balcells hat ein Ingenieurdiplom der Polytechnischen Universität Barcelona, einen Doktortitel, spricht bereits etwas Deutsch – und war bereit, seine Heimat zu verlassen.

Die Hoffnung kommt aus dem Ausland

Seit mehr als zehn Jahren wirbt IMST (14 Millionen Euro Umsatz, rund 160 Mitarbeiter) um Hochschulabsolventen aus dem europäischen Ausland. Es geht um eines der wichtigsten Themen in der deutschen Wirtschaft, das von manchen Mittelständlern gerne verdrängt wird: Den Betrieben stehen künftig immer weniger und im Durchschnitt deutlich ältere Arbeitnehmer zur Verfügung als heute, warnt das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg. Bereits 2025 sollen demnach drei Millionen Arbeitskräfte fehlen. Absolventen der Studiengänge Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gelten bereits heute als Mangelware.

Drei von vier kleinen und mittleren Unternehmen haben aktuell Probleme, Stellen zu besetzen, ermittelte das RKW Kompetenzzentrum – eine gemeinnützige Forschungseinrichtung, die solche Betriebe unterstützt. Weil Stellen nicht besetzt werden können, rechnen kleine und mittlere Unternehmen mit Umsatzeinbußen von jährlich 33 Milliarden Euro, zeigt eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.

So sind deutsche Unternehmen immer stärker auf ausländische Zuwanderer wie Balcells angewiesen. Die Chancen, sie aus ihrer Heimat loseisen zu können, sind momentan günstig: Aufgrund der Wirtschaftskrise sind in Spanien, Griechenland und Portugal Hunderttausende ohne Job. Und seit Anfang Mai können Fachkräfte aus acht osteuropäischen Ländern ohne Einschränkungen in Deutschland arbeiten.

In der Schule auf Azubifang

Doch allein damit werden Mittelständler den Mangel nicht beheben können. „Sie müssen auch das inländische Potenzial besser abschöpfen“, sagt Peter Kranzusch vom Bonner Institut für Mittelstandsforschung. Um mit den oft als attraktivere Arbeitgeber geltenden Großunternehmen konkurrieren zu können und sich bekannt zu machen, ist Kreativität gefragt. Die kann reichen von der pfiffigen Nutzung sozialer Netze wie Facebook bis zur ganz frühen Kontaktaufnahme mit potenziellen künftigen Kollegen über Schulen in der Region.

Derzeit lohnt der Blick über die Grenzen: Fast jeder zweite Spanier unter 25 Jahren ist arbeitslos. Wer einen Job hat, ist oft nicht zufrieden: Viele sind überqualifiziert für ihre Stelle und arbeiten mit Zeitverträgen. „Wir haben in Spanien so viele Doktoren und nutzen sie nicht. In Deutschland werden sie gebraucht“, sagt Balcells.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 27.11.2011, 19:08 UhrAnonymer Benutzer: cbstorm

    Guter Artikel der eine ganz wesentliche Schwäche des deutschen Mittelstandes nicht aufzeigt:

    Soltau, Göppingen, Kamp-Lintfort? Wie sollen hier bitte Facebook, Xing oder Twitter helfen qualifizierte Fachkräfte anzuziehen?
    Bei allem Respekt vor diesen Orten, aber das Hauptproblem liegt gerade im deutschen Mittelstand in der mangelnden Bereitschaft den Unternehmenssitz oder Teile davon zumindest in die Nähe der größeren Städte zu verlagern.
    Fackkräftemangel und der Trend zur Landflucht sollten zusammen betrachtet werden. Auch in Deutschland wollen immer mehr Menschen in großen Städten leben.
    Wer in einer großen Stadt studiert hat und dann danach in einer Kleinstadt wie Soltau mit gut 20.000 Einwohnern leben und arbeiten soll, überlegt sich das doch dreimal. Auch die internationale Suche nach Fachkräften fällt sicherlich deutlich leichter wenn die möglichen neuen Kollegen die Orte bzw. die dazugehörige Metropolregion bereits kennen.
    Weite Landstriche in Deutschland vergreisen und auf örtliche Schützenvereine und Fußballkreisligateams haben nun mal leider die meisten jungen Leute keine Lust mehr. Da helfen auch Elternzeitangebote, flexible Arbeitszeiten und Home-Office Option wenig.

    In diesem Sinne sollten gerade im Interesse Ihrer eigenen Zukunft deutsche Mittelständler auch ihre - von Bewerbern so oft verlangte - "Mobilität" verbessern.

    Lars A.

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