Scheitern: Was ein Start-Up aus seinen Fehlern lernte

Fehlerkultur: Was Gründer aus dem Scheitern gelernt haben

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Gründerin Freya Oehle (rechts) neben Léa Steinacker (WirtschaftsWoche) bei ihrem Auftritt beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall.

von Sebastian Schaal

Auf dem Weltmarktführer-Gipfel treffen sich erfolgreiche Mittelständler, aber nicht jeder wird Weltspitze. Viele scheitern auf ihrem Weg. Das Beispiel Spottster zeigt, dass Scheitern nicht das Ende sein muss.

Es war ein Satz, der es in sich hatte. „Wir würden super gerne weitermachen, aber es wäre im Hinblick auf das mögliche Wachstum unvernünftig.“ Mit diesen Worten hat Freya Oehle im Mai 2017 das Aus für Spottster verkündet. Vier Jahre zuvor hatte Oehle zusammen mit Tobias Kempkensteffen das Start-up gegründet, über dessen Plattform die Nutzer die Preise in mehr als 5.500 Online-Shops vergleichen konnten.

Die Idee: Der Nutzer gibt für ein Produkt einen Wunschpreis an. Senkt einer der Onlineshops den Preis für das gefragte Produkt, bekommt der interessierte User eine Nachricht von Spottster. Kauft er dann, erhält das Start-up eine Provision. Das Geschäft funktionierte, zum Ende hin nutzten 220.000 Menschen die Plattform, das Team bestand als elf Mitarbeitern.

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Warum aber haben sich die Gründer entschieden, ihr junges Unternehmen abzuwickeln, obwohl keine Insolvenz drohte?

„Wir haben uns ehrlich die Frage gestellt, ob es das ist, wie wir arbeiten möchten und in welchem Tempo wir arbeiten wollen“, sagt die 28-Jährige jetzt mit einigen Monaten Abstand bei ihrem Auftritt beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall.

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Die Grundlage der Entscheidung: Spottster war profitabel, wuchs aber nur noch langsam. Deshalb hatten Oehle und Mitgründer Kempkensteffen das eigene, noch junge Geschäftsmodell in Frage gestellt. Statt passiv die Preise zu beobachten und auf einen Nachlass zu warten, wollten die Gründer die Rabattaktionen selbst herbeiführen. Die Idee: Sucht ein Spottster-Nutzer ein bestimmtes Produkt, bekommt er von den Shops ein individuelles Angebot ausgespielt. Die Shops steigern ihren Umsatz, Spottster Nutzerzahl und Provision.

Doch in den Verhandlungen mit den möglichen Kooperationspartnern wird schnell klar: Das dauert – und Spottster hat das Tempo nicht selbst in der Hand. Den passenden Ansprechpartner in Großkonzernen zu finden, dauert Monate. Eine Rabattaktion in der Vertriebsabteilung durchzusetzen nochmals genauso lange. Die Nachfrage nach dem Produkt kann da schon längst wieder gesunken sein.

„Wir hätten drei Jahre die Zähne zusammenbeißen müssen“, sagt Oehle. Deshalb fiel die Entscheidung, den Betrieb einzustellen. „Wir haben an unsere Investoren kommuniziert, dass wir in den kommenden Jahren wohl nicht die Erträge erwirtschaften können, die sie von uns erwartet haben. Deshalb haben wir das Unternehmen aufgelöst, solange sie noch etwas für ihr Investment bekommen haben.“ Eine Entscheidung, die die Investoren am Ende mittrugen.

Für die beiden Gründer war es ein schwerer, aber konsequenter Schritt. „Wir haben es für uns nie als Scheitern gesehen“, sagt Oehle. „Ich hatte den großen Vorteil, dass ich zwischenzeitlich in Amerika gelebt habe. Dort geht man deutlich offener mit dem Thema Scheitern um als in dem sehr auf Perfektion getrimmten Deutschland.“

Zusammen mit Kempkensteffen arbeitet sie bereits an einem neuen Projekt in der Datenanalyse – und auch ein Großteil der neun Angestellten ist an Bord geblieben. Das Vertrauen der eigenen Leute war ein großer Rückhalt – und eine weitere Bestätigung, dass die Entscheidung richtig war.

Doch die größte Überraschung sollte noch folgen. Ende 2017 gaben Oehle und Kempkensteffen dem Portal „Gründerszene“ ein Interview, in dem sie ausführlich über das Ende von Spottster und ihre persönliche Perspektive sprachen. „Kurz darauf hatten wir 37 Anrufe von Start-up-Gründern, aber auch von gestandenen Unternehmern jenseits der 60, die sich in einer ähnlichen Situation befanden und Rat gesucht haben.“

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Am Ende bricht es Oehle auf ein einfaches Rezept herunter, da die Lage bei einem jungen Unternehmen wie Spottster kaum vergleichbar ist mit dem Turnaround eines mittelständischen Unternehmens, das Dutzende oder Hunderte von Mitarbeitern beschäftigt und ein festgefahrenes Geschäftsmodell hat.

„Der größte Rat ist: Immer mit Leuten sprechen. Je mehr man sich austauscht und Transparenz schafft, desto mehr lernt man als Person und als Unternehmer“, sagt die Gründerin. „Nach außen stellen Gründer die Situation oft zu positiv dar, da müssen wir offener werden und auch Hilfe von außen suchen.“ Auf die Frage „Wie geht's?“ antworten Gründer immer „super“, anstatt offen über die Lage zu reden und sich Input von außen zu holen.

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