Hannover Messe: Verkrustete Strukturen bremsen Industrie-Start-ups

Hannover Messe

ThemaMaschinenbau

Hannover Messe: Wie Polen das Billiglohn-Image ablegen will

Verkrustete Strukturen bremsen Industrie-Start-ups

Das Frühwarnsystem ist ein Paradebeispiel für Industrie 4.0 – und wurde hier in Tarnow entwickelt. „Das betriebliche Vorschlagswesen von früher ist Zeitverschwendung“, findet Maier, „wir ermutigen unsere Mitarbeiter stattdessen, ihre Ideen selbst umzusetzen.“ Polnische Mitarbeiter gelten als gut ausgebildet und engagiert und Lenze will ihnen das Beste aus dem Westen bieten. Zum Beispiel Schulungen, bei denen sie ausgerüstet mit einer Datenbrille neue Arbeitsprozesse in einer virtuellen Umgebung erlernen können.

Ein Startup-Kultur gibt es in Polen dennoch nicht. Obwohl gerade mit der Digitalisierungsrevolution gute Chancen bestünden. Doch Eigeninitiative war in 50 Jahren Planwirtschaft nicht erwünscht, erst jetzt nehmen junge Polen ihr wirtschaftliches Geschick selbst in die Hand.

Dabei treffen sie immer noch auf verkrustete Strukturen. Wie der Absolvent von Mariusz Olszewski, der einen medizinischen Operationsroboter entwickelt hatte, in seiner Heimat aber nicht zum Zuge kam, unter anderem mangels Kapital. „Der hat sein Unternehmen dann in der Schweiz gegründet“, bedauert der Mechatronik-Professor.

Reicht der neue Industrie-Plan der Regierung?

Solche Geschichten möchte Tadeusz Koscinski künftig nicht mehr hören. Der Vizeminister im Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung richtet seinen bulligen Körper auf und doziert über die Pläne seiner Regierung. Ein Ausschuss soll die Transformation der Industrie vorantreiben, eine polnische Plattform für Industrie 4.0 wird derzeit aufgebaut.

Der Regierungsplan soll aus fünf Säulen bestehen: Reindustrialisierung, Innovation, Kapital zur Verfügung stellen, Export ankurbeln sowie faires Wachstum garantieren, das nicht nur den bereits gut entwickelten Ballungsräumen im Westen und Süden zugutekommen soll, sondern auch den nach wie vor unterentwickelten Regionen im Osten. Ein guter Plan, den vermutlich jeder sofort unterschreiben würde. Aber ob das reichen wird, um vom Billiglohn- zum Innovationsland aufzusteigen?

Und dann wird sie doch noch gestellt, die Frage, die allen auf der Zunge liegt: die Frage nach dem Rechtsruck der Regierung und den zweifelhaften verfassungsrechtlichen Entscheidungen. Koscinski, ganz Politprofi, hat die Frage bereits erwartet und gibt gelassen die vorgedrechselte Antwort. Auf die Industriepolitik habe das keinen Einfluss, man bekenne sich klar zum Westen und überhaupt wolle er jetzt lieber die ambitionierte Wirtschaftsstrategie vorstellen.

„Regierungen kommen und gehen, man darf sich da nicht verrückt machen lassen“, findet auch Lenze-Vorstand Frank Maier. Auch bei den deutschen Branchenverbänden herrscht Entspannung. „Der polnische Markt ist dynamisch und stark in Bewegung“, sagt Yvonne Heidler, Osteuropa-Expertin beim Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer.

Virtuelle Realität Wie Datenbrillen die Industrie erobern

Egal ob Produktion, Logistik, Entwicklung: Virtuelle Realität hält Einzug in die Industrie. Den Herstellern eröffnet sich ein Milliardenmarkt. Bereits in den 90er-Jahren gab es Experimente zu Datenbrillen.

Gemeinsam mit der verwandten virtuellen Realität (VR) ist die Augmented Reality ein vielversprechender Zukunftstrend für Unternehmen. Quelle: dpa - picture-alliance

Die VDMA-Mitglieder scheinen mit der Situation ganz zufrieden zu sein. Die deutschen Maschinenbauer haben 2016 aus Polen für 2,6 Milliarden Euro Waren importiert – vor allem Zulieferteile. Die wurden in Deutschland zusammengebaut und vorwiegend als fertige Maschinen nach Polen exportiert, im Wert von 5,7 Milliarden Euro. Billig aus Polen einkaufen und teuer nach Polen verkaufen – eine zumindest aus deutscher Sicht kluge Strategie.

Anzeige

Doch wie lange noch? Wenn die Regierungsstrategie aufgeht und die Wirtschaft selbst innovative Produkte entwickelt, wie sich das bereits in der Elektromobilität und der Bahnindustrie abzeichnet, könnte Polen von der verlängerten Werkbank zum Konkurrenten werden, auch wenn damit die Löhne stiegen. „Früher hat der deutsche Kunde einen Konstruktionsplan gezeigt und der polnische Betrieb hat das gebaut“, erinnert sich Yvonne Heidler vom VDMA. Das ändere sich gerade: „Heute kommen zunehmend eigene Innovationen aus Polen.“

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%