Vernetzte Produktion bei Festo: Lernen für die digitale Zukunft

Hannover Messe

Vernetzte Produktion bei Festo: Lernen für die digitale Zukunft

, aktualisiert 18. April 2016, 17:34 Uhr
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Bundeskanzlerin Angela Merkel begutachtete im März bei einer Werksführung durch die Hallen der Maschinenbau-Firma Festo in Ostfildern einen Roboterarm.

von Martin WocherQuelle:Handelsblatt Online

Der Mittelständler Festo hat eine Fabrik in der Fabrik entwickelt, in der Mitarbeiter laufend digital geschult werden. Das Thema Weiterbildung 4.0 steht ganz oben auf der Agenda der Hannover Messe.

So könnte sie aussehen, die Fabrik der Zukunft: luftig, hell und aufgeräumt. Jede Menge Freiflächen rechts und links, von Stress ist hier bei den 1.200 Mitarbeitern in den Montageinseln wenig zu spüren. Der Automatisierungs- und Steuerungsspezialist Festo fertigt in Ostfildern seit einem halben Jahr rund 10.000 unterschiedliche Produkte aus der gut dreimal so großen Angebotspalette.

Was das Werk so besonders macht, ist das Konzept: Hier wird nicht nur schon nach den Grundprinzipien einer digital vernetzten Produktion gefertigt. Festo bereitet seine Mitarbeiter auch auf die Arbeitswelt der Zukunft vor - in einer eigens errichteten und integrierten Lernfabrik und im laufenden Betrieb.

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"Die Digitalisierung bringt eine erhebliche Zunahme der Dynamik. Die Menschen darauf vorzubereiten, erreicht eine neue Dimension", sagt Theodor Niehaus, Vorstand von Festo Didactic, dem Bildungsstandbein des Automatisierungsspezialisten.

"Diese Mitarbeiter brauchen ganz andere Kompetenzen." Denn Entwicklung, Produktion und Vertrieb immer stärker über IT und Software technisch zu vernetzen, ist die eine Herausforderung im Zeitalter von Industrie 4.0. Die Beschäftigten darauf vorzubereiten, die andere. In den Chefetagen der Industrie dämmert langsam die Erkenntnis, dass die klassischen Ausbildungswege dafür nicht mehr ausreichen könnten. Ein wichtiges Thema auf der diesjährigen Hannover Messe.

Denn die Anforderungen wachsen. Zwar lernen die mit Sensoren gespickten und softwaregesteuerten Maschinen immer besser, sich selbst zu organisieren und auch zu korrigieren. Wie die autonom arbeitende Montagestraße für die Herstellung von Ventilen beispielsweise. Über 40 Meter lang und modular so aufgebaut, kann die Anlage gleich 76 Produktvarianten produzieren lassen, ohne dass sie einmal umgerüstet werden muss.

Autobauer und Industrie 4.0 Wie Daimler seine Produktion neu organisiert

Daimler organisiert seine Produktion künftig in globalen, architekturbasierten Fertigungsverbünden. Folge: Die Hierarchien werden flacher, die Produktion flexibler. Sie rückt so nah an die Kunden wie nie zuvor.

Daimler baut im Werk Sindelfingen die Mercedes-Benz S-Klasse. Quelle: dpa

Wenn es irgendwo hakt, meldet sich die Fertigungsstraße automatisch, auch wenn die Qualität mal nicht der Norm entsprechen sollte. Gut 450 einzelne IP-Adressen sind hier verbaut, um jedes fertige Teil über die Anbindung an das Internet zurückverfolgen zu können, so eine vorausschauende Wartung zu ermöglichen oder den Energieverbrauch jedes Moduls einzeln zu messen. Ein Mechaniker kommt nur noch, wenn er gerufen wird.

Doch wenn es hier mal hakt, wird es kompliziert: Ist es die IT, die für den Aussetzer verantwortlich ist? Was sagen mir die Echtzeitdaten, die die Anlage unaufhörlich liefert? Muss ich die ganze Anlage stilllegen, um ein defektes Teil auszutauschen? "Künftig wird es keine festen Lösungswege mehr geben", sagt Niehaus.

Wie einfach war da noch die alte, die analoge Berufswelt. Da reichte es für einen Mechatroniker aus, sich an den vorgegebenen Wartungsplänen abzuarbeiten und dann einzuspringen, wenn die Maschine oder Anlage einmal aufmuckte.

"Früher lief der Betriebselektriker mit dem Lötkolben rum, heute kommt er mit dem iPad", sagt Niehaus. Im digitalen Zeitalter muss er viel stärker Entscheidungen mit großer Tragweite selbstständig treffen, sich in der IT, Elektronik, Mechanik und der virtuellen Realität gleichermaßen gut auskennen und idealerweise ein Grundproblem - sollte es eines sein - so erfassen können, dass er gleich eine allgemeingültige Lösung auch für andere Maschinen gleichen Typs entwickeln kann.

Wo die Maschine den Mensch ersetzt

  • Über die Liste

    Die folgenden Branchen und Berufe werden laut der Studie "The future of employment" von Forschern der Oxford University mit hoher Wahrscheinlichkeit in einigen Jahren von Automatisierung erfasst werden – in Gestalt von Maschinen, Robotern oder Programmen, ganz oder in Teilen.

  • Transportwesen/Personenverkehr
    • Taxifahrer
    • Chauffeure
    • Busfahrer, allgemeine Beförderung, U-Bahnen
    • Kuriere
    • Piloten

    Quelle: The future of employment, Oxford University

  • Transportwesen/Güterverkehr
    • Schwertransporte
    • Lokführer
    • Kranführer
    • Baggerfahrer
    • Logistiker, Disponenten, Lagertätigkeiten
  • Finanzwesen
    • Analysten
    • Finanzmathematiker
    • Buchhaltung/Rechnungswesen
    • Steuerberater
    • Controller
  • Industrie und Produktion
    • gefährliche Berufe
    • Arbeiter in Diamant- und Metallminen
    • Buchhaltung/Rechnungswesen
    • Konstruktion, Wartung, Reparatur, Installation
    • Verpackungswesen
    • Uhrreparaturen
    • Controller
  • Gesundheitswesen
    • Laborarbeiten
    • Diagnostik
    • Biologen
    • Pflegekräfte
    • Operateure in der Medizin
  • Dienstleistung allgemein
    • Bedienungen
    • Call-Center (alle Bereiche), Telefonagenten
    • Makler
    • Landschaftsgärtner
    • Parkwächter
  • Landwirtschaft
    • Düngen, Säen, Ernten
  • andere Bereiche
    • Einzelhandel: Verkäufer, Kassierer
    • Journalisten (Teile der Sportberichterstattung, Roboterjournalismus)
    • Anwälte, Anwaltsgehilfen
    • Berufe in Hotels und Großküchen
    • Bibliothekare
    • Straßenbau

Festo hat aus diesen neuen Anforderungen der digitalen Arbeitswelt seine Schlüsse gezogen und gleich neben den Produktionsanlagen unter demselben Hallendach eine kleinere Lernfabrik installiert. Während des laufenden Betriebs melden sich die Festo-Arbeiter aus der Produktion ab, um sich mit neuen Problemstellungen vertraut zu machen - mal 20 Minuten, mal eine Stunde, vielleicht auch für einen ganzen Tag.

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