Interview mit Uli Hoeneß: „Ich bin die Lokomotive“

Interview mit Uli Hoeneß: „Ich bin die Lokomotive“

, aktualisiert 04. Oktober 2011, 16:36 Uhr
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Der Aufstieg des FC Bayern München zum Weltklasse-Klub ist eng mit dem Namen Uli Hoeneß verknüpft.

von Tanja Kewes und Peter BrorsQuelle:Handelsblatt Online

Was Uli Hoeneß anfasst, gelingt. Sei es beim FC Bayern, den er in 30 Jahren in der Weltspitze etablierte oder in seiner Wurstfabrik. Doch auch dem besten Manager sind manchmal die Hände gebunden, verrät er im Interview.

In der Allianz-Arena, der Heimspielstätte des FC Bayern München, lassen sich die beiden Welten besichtigen, in denen sich Uli Hoeneß bewegt: die Welt des wirtschaftlich wie sportlich erfolgreichsten deutschen Fußballvereins und die des guten deutschen Mittelstands. Unter dem Dach der Haupttribüne hat Hoeneß, der Vereins-Präsident und Vater des Erfolgs, wie ein x-beliebiger Unternehmer eine der 106 Arena-Logen gemietet, in der er Gäste seiner Nürnberger Wurstfabrik Howe empfängt und bewirtet. Die Loge ist eingerichtet, als wäre es Hoeneß' Wohnzimmer: barock, heimatverbunden, bodenständig. Doch tritt der Besucher aus dieser typisch bayerischen Bauernstube heraus, befindet er sich in der glitzernden Welt des internationalen Sports. Von weißen Ledersesseln auf kühlem Beton und von oben herab können die Ehrengäste das Spiel und damit die Arbeit von Hoeneß' kickenden Angestellten verfolgen.

Fußball und Fabrik, Schnürschuhe und Schafseitlinge, Schweiß und Show - all das symbolisiert seine Karriere und seine Persönlichkeit.

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Handelsblatt: Herr Hoeneß, führt man einen Fußball-Konzern anders als eine Wurstfabrik?

Uli Hoeneß: Ja, absolut. In einer Fabrik hat man einen direkteren Zugriff auf alles. Wenn du durch deine Werksräume gehst und einen Fehler siehst, kannst du dem Vorarbeiter sagen: Das muss jetzt geändert werden. Wohingegen, wenn ein Spiel angepfiffen worden ist, hat der Geschäftsführer keinerlei Einfluss mehr. Das ist der ganz große Unterschied. Ab einem gewissen Zeitpunkt bist du genauso Zuschauer wie die auf den Rängen, in den Logen oder zuhause vor dem Fernseher. Da sind dir Hände und Füße gebunden.

Handelsblatt: Stellen Sie sich folgende Situation vor ... Letztes Bundesligaspiel im Mai 2012, Köln gegen Bayern München, es steht 1:1, Ihre Mannschaft muss gewinnen, sonst ist die Qualifikation für die Champions League dahin. Es fällt ein Tor für Bayern in der 90. Minute, der Schiedsrichter gibt es nicht wegen vermeintlichen Abseits. Fehlentscheidung. Wie fühlen Sie sich in so einem Moment? Sie wissen genau, 20 Millionen Euro sind jetzt weg ...

Hoeneß: Wer im Fußball beschäftigt ist, muss sich im Klaren darüber sein, dass das passieren kann. Das ist Teil des Geschäfts, auch der Reiz des Geschäfts. Bei meiner Wurstfabrik ist das anders. Da hängt das Wohl und Wehe nicht von einem Tag ab. Da muss man das ganze Jahr gute Würste liefern, muss mit seinen Kunden gut umgehen und das Produkt immer wieder verbessern. Da kommt es nicht unbedingt auf den letzten Tag, die letzte Sekunde an.

Handelsblatt: Aber macht Sie das als Kaufmann nicht wahnsinnig, abhängig zu sein von Entscheidungen Dritter, also etwa den Schiedsrichtern?

Hoeneß: Was Schiedsrichterentscheidungen angeht, da habe ich immer die These vertreten, dass die sich in einem Jahr immer wieder ausgleichen. In einer Saison gibt es drei Fehlentscheidungen gegen dich und drei für dich. Und insgesamt finde ich, wenn du am letzten Spieltag in der 90. Minuten noch von einer Schiedsrichterentscheidung abhängig bist, dann hast du selbst schon vorher Fehler gemacht.

Handelsblatt: Was empfinden Sie in solchen Situationen?

Hoeneß: Ich empfinde Ohnmacht. Es ist schrecklich. Man ist hilflos. Da hockst du und meinst, das könnte man vielleicht so und so machen. Aber du kannst nichts machen. Das ist der Vorteil, wenn du selber Spieler bist. Da kannst du vielleicht noch einen Schritt mehr laufen, noch einmal zum Kopfball hochgehen, einen auf die Aschenbahn hauen.


Lokomotive und Kommunikator

Handelsblatt: Sie gelten als dominante Persönlichkeit. Wie nehmen Sie Ihre Leute, Ihre Mannschaft mit?

Hoeneß: Ich bin ein unglaublich starker Kommunikator. Ich treffe nie einsame Entscheidungen, ich versuche immer alle mitzunehmen. Ich bin einer, der die Leute teilhaben lässt am Entscheidungsprozess. Ich frage auch oft: ,Was meinst du?' Ich bin keiner, der Entscheidungen im stillen Kämmerlein fixiert und morgens verkündet.

Handelsblatt: Wie führen Sie überhaupt? Geben Sie eher die große Linie vor oder gehen Sie stark ins Detail?

Hoeneß: Überhaupt nicht. Ich mache keine Vorgaben. Ein Beispiel: Als mein Sohn in der Wurstfabrik die Betriebsleitung übernehmen sollte, da habe ich ihm gesagt: Wir haben einen Betriebsleiter, gehe zu ihm, höre ihn dir an, schaue ihm über die Schulter, frage ihn. So war das bei mir auch. Da war keiner, der stundenlange Vorträge gehalten hat.

Handelsblatt: In Ihrer Amtszeit hat sich der Umsatz von Bayern München von 10 Millionen D-Mark Ende der 70er-Jahre auf fast 350 Millionen Euro gesteigert …

Hoeneß: Ich bin die Lokomotive. Meine große Stärke ist der Vertrieb, das Verkaufen eines Produkts. Hier ist es der Fußball, da war es die Wurst.

Handelsblatt: Würde Sie auch eine Position in der Wirtschaft interessieren?

Hoeneß: Jetzt nicht mehr. Ich werde im Januar 60.

Handelsblatt: Haben Sie denn mal mit einem Wechsel geliebäugelt?

Hoeneß: Ich hätte mir den Vertrieb jeglicher Art in jedem deutschen Unternehmen zugetraut.

Handelsblatt: Egal ob Autos, Schokoriegel, Zeitungen oder Telekom?

Hoeneß: Schokoriegel sind kein Problem. Auch Autos verkaufen oder Zeitungen, in einer Bank arbeiten, im Finanzmanagement - das könnte ich schon alles mit dem entsprechenden Vorlauf. Bei der Telekom wäre es schon schwieriger. Ich bin kein großer Techniker. Mit Internet und Wlan da habe ich so mein Problem.

Handelsblatt: Dass Sie kein Techniker sind, klingt leicht untertrieben. Sie nutzen kein Internet, keine E-Mails ...

Hoeneß: So ist es. Weil mich das vom eigentlichen Geschäft abhalten würde. Ich habe den Verein ohne diese Dinge entwickelt und werde das weiter so machen. Außerdem gewähren einem diese Kommunikationsmittel keine Pausen. Wie soll ich da neue Geschäftsideen finden? Ich brauche Pausen - auf- und abseits des Platzes.


Der Wunsch nach Kontinuität

Handelsblatt: Wer ist wichtiger für den Erfolg eines Fußball-Unternehmens? Die kaufmännische Leitung oder die sportliche, also der Trainer?

Hoeneß: Eindeutig der Trainer. Weil sich oft erst durch den sportlichen Erfolg auch neue wirtschaftliche Perspektiven auftun.

Handelsblatt: Erfolgreiche Konzerne wie Siemens mit Peter Löscher oder Volkswagen mit Martin Winterkorn zeichnet aus, dass sie in der Führung Kontinuität zeigen. Beim FC Bayern hat das, was die sportliche Leitung angeht, zuletzt nie funktioniert. Felix Magath, Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal - fast jede Spielzeit kam ein neuer Trainer. Was ist schief gelaufen?

Hoeneß: Ich habe einen Traum für Bayern München. Ich wünsche mir, einen Trainer zu haben, der fünf, sechs, sieben Jahre am Ball bleibt. Einen Trainer, der sich um die Mannschaft kümmert, und wir im Management und Aufsichtsrat können uns darauf konzentrieren, dass das Geld da ist, dass das Ambiente passt. Ausschlaggebend dafür ist, dass ein Trainer nach zwei, drei, vier Jahren der Mannschaft noch etwas zu sagen hat, man sich gegenseitig noch respektiert. Wenn das nicht mehr gegeben ist, und das war zuletzt leider häufig so, dann musst du als Manager was tun.

Handelsblatt: Ja, aber Sie wussten doch, um die, sagen wir mal, charakterlichen Eigenheiten der Trainer Klinsmann, Magath und van Gaal ...

Hoeneß: Ja, das Risiko war uns bewusst. Bei Magath und van Gaal hatten wir ja zumindest sportlichen Erfolg. Aber die Charaktere waren nicht so, dass man darauf hätte eine Ära begründen können. Und das hätten wir antizipieren können. Das war ein Fehler.

Handelsblatt: Wie wichtig ist es, dass Sie im Aufsichtsrat des Vereins Manager wie Rupert Stadler von Audi und Herbert Hainer von Adidas haben?

Hoeneß: Unser Aufsichtsrat ist ja besetzt wie bei kaum einem Dax-Konzern, und darauf bin ich stolz und glücklich. Etwas Besseres als mit Stadler und Hainer zu arbeiten, kann einem gar nicht passieren. Wir besprechen die Lage des Clubs, diskutieren über Spieler und Manager, über neue Geschäfte in Fernost, all das ...

Handelsblatt: Es lässt sich ja nicht immer alles ausdiskutieren ... Gab es Situationen, wo Sie selbst sagen würden, da habe ich als Führungskraft versagt?

Hoeneß: Natürlich, habe ich schon Fehlentscheidungen getroffen. Das Wichtigste ist dabei, dass man Fehler zugibt. Das Schlimmste ist, wenn du siehst, du hast einen Fehler gemacht, und auf Teufel komm raus sagst: Augen zu und durch. Obwohl jeder Blinde merkt, dass du einen Fehler gemacht hast, und du machst trotzdem weiter, nur um das Gesicht nicht zu verlieren.

Handelsblatt: Ein Fehler-Beispiel bitte ...

Hoeneß: In der Wurstfabrik habe ich mich mal verzockt. Ich habe auf Kontrakt viel Fleisch gekauft. Da habe ich gemeint, die Preise sind ziemlich tief, und habe ordentlich zugelangt. Doch das war erst der Anfang. Die Preise sind weiter gefallen.


„Wenn ein Fußballer nicht laufen will, hilft auch Geld nicht“

Handelsblatt: Wenn Ihr Sohn jetzt auf die Idee käme, einen großen Deal zu machen. Sind Sie dann so eine Art Aufsichtsrat für ihn?

Hoeneß: Sicher. Im Moment ist es zum Beispiel ganz schwierig Schafseitlinge, in die die Wurst abgefüllt wird, zu bekommen. Die sind im Preis in den letzten zwölf Monaten um 400 Prozent gestiegen. Das hat natürlich die Kalkulationen verhagelt.

Handelsblatt: Wie konnte das passieren?

Hoeneß: Es gibt einfach weniger Schafe. Und es gibt nur ganz wenige Großhändler, die den Markt unter Kontrolle haben, und die verlangen statt drei oder vier Euro pro Hank, das ist die Maßeinheit oder 96 Meter, nun zwölf bis 15 Euro. Wenn du dann für eine Grillsaison mit drei oder vier Euro kalkuliert hast, und dann aber zwölf zahlen musst, dann kostet dich das schnell eine siebenstellige Summe …

Handelsblatt: Wie suchen Sie für den Verein nach Nachwuchs? Auf dem Rasen?

Hoeneß: Ich beobachte die Burschen schon genau, die da rumlaufen und ordne sie ein: Könnte der was für Bayern sein oder nicht? Für bestimmte Managementaufgaben wie Marketing oder Präsident oder Chairman sollte es nämlich jemand sein, der selbst gekickt hat. Denn eines bekommt man an der Uni definitiv nicht: die Akzeptanz der Fans. Die aber ist unheimlich wichtig. Jetzt aber partout einen zu nehmen, der gekickt hat, wo er nichts im Hirn hat, das macht auch keinen Sinn. Einen Verein zu führen ist nur mit Hirn und Fuß zu schaffen.

Handelsblatt: Haben Sie eigentlich jemals einen Transfer, von dem Sie sportlich überzeugt waren, nicht gemacht, weil Sie charakterliche Probleme sahen - und damit Probleme für die Mannschaft?

Hoeneß: Ja, schon. Wir gehen aber erst gar nicht in die Tiefe eines Transfers, wenn wir schon gehört haben, dass dieser Spieler als Persönlichkeit nicht passen würde.

Handelsblatt: Ist Geld ein geeignetes Führungsinstrument für Fußballer?

Hoeneß: Wenn einer nicht laufen will, hilft auch Geld nicht.

Handelsblatt: Ist es eigentlich besonders schwierig, Fußballern eine Art gemeinsame Unternehmens- oder Vereinskultur zu vermitteln? Es gibt ja schon etliche, die neigen dazu, sich als Diva zu geben.

Hoeneß: Bei uns gibt es natürlich ein Sammelsurium von relativ vielen und auch extrovertierten Typen. Wenn in einer durchschnittlichen Mannschaft ein, zwei Superstars sind, dann ist die Gefahr natürlich groß, dass die sich besonders fühlen. In einem Verein wie Bayern München, wo es 20 Stars gibt, stoßen die sich die Hörner aber leichter ab.


Kein Alleingang bei Nachfolgeregelung

Handelsblatt: Wo soll der Verein stehen, wenn Sie einmal aufhören?

Hoeneß: Die Allianz-Arena sollte abbezahlt sein. Denn Bauen ist leicht, Bezahlen ist schwer. Und was ich mir jetzt noch zum Ziel gesetzt habe: Ich möchte, so wie es mir in Nürnberg in der Wurstfirma gelungen ist, auch im Verein die Nachfolge regeln. Wenn die Generation um unseren Finanzchef Karl Hopfner, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und mir als Präsident mal nicht mehr ist, dann sollen an dieser Stelle die richtigen Leute sitzen, die den Verein führen.

Handelsblatt: Wie ist da Ihr Zeitplan?

Hoeneß: Wenn wir in fünf, sechs, sieben Jahren, dieses Stadion, das 340 Millionen Euro gekostet hat, finanziert haben, dann ist der FC Bayern noch stärker. Denn dann können wir die Gelder, die wir jetzt für Zins und Tilgung verwenden, komplett in die Mannschaft stecken. Die Infrastruktur ist ja einfach wahnsinnig. Ins Trainingsgelände haben wir in den letzten fünf Jahren ja auch noch einmal fast 20 Millionen Euro gesteckt.

Handelsblatt: Aber noch mal zurück zur Führung ... Wer ist der nächste Hoeneß?

Hoeneß: Da bin ich noch gar nicht festgelegt. Ich lasse sehr viele Kandidaten auf mich wirken, ich spreche viel, ich diskutiere viel, dann verwerfe ich wieder eine Idee. Und irgendwann werde ich hoffentlich sagen: Ich glaube, jetzt habe ich denjenigen welchen. Und dann werde ich noch Folgendes machen, auch etwas sehr Wichtiges: Ich entscheide nicht allein. Den Kandidaten werde ich im kleinen Kreis, also etwa Stadler und Hainer, präsentieren und ihn erklären lassen, wie er Bayern München führen würde. So tasten wir uns an diese wichtige Personalie heran. Das ist zwar ein bisschen traumhaft, aber ich glaube, das ist der richtige Weg.

Handelsblatt: Adidas-Chef Hainer wäre doch ein idealer nächster Bayern-Chef.

Hoeneß: Absolut. Herbert Hainer wäre einer, der das sofort könnte. Nur, wenn er in fünf Jahren bei Adidas vielleicht aufhört, wird es nicht gerade der Wunsch seiner Träume sein, Bayern München zu führen. Ich glaube nicht, dass er dann noch einen so heißen Job übernehmen möchte. Aber das wäre zum Beispiel einer, wo ich sagen würde: Haken dran, ja!

Handelsblatt: Und der müsste dann auch nicht selbst Fußball gespielt haben …

Hoeneß: Nein. Hainer hat genau das, was ich suche: totale Identifizierung mit Bayern München, Affinität zur Sache, Management- und Fußball-Know-how. Auch VW-Chef Martin Winterkorn könnte ich mir vorstellen.

Handelsblatt: Herr Hoeneß, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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