
Manchmal würde Norbert Scheuch sich gerne vom Optimismus seiner Vorstandskollegen anstecken lassen. „Die sind“, staunt Scheuch noch immer, „einfach ausschließlich auf Wachstum eingestellt.“ Angst um Arbeitsplätze? Sparkonzepte für den Fall einer Rezession? Scheuchs Kollegen blinzeln ungläubig, wenn er solche Fragen stellt, und setzen ihre Tagesordnung fort.
Scheuchs Vorstandskollegen sind ausschließlich Chinesen. Seit Anfang des Jahres der chinesische Konzern Sany den schwäbischen Betonpumpenhersteller Putzmeister – Scheuchs Arbeitgeber – übernommen hat, ist er selbst zum Vorstandsmitglied eines chinesischen Konzerns aufgerückt. Und lernt seitdem das fernöstliche Manageralphabet. Die erste Lektion heißt: In Chinas Wirtschaft geht es grundsätzlich nur vorwärts. Abwägen? Knausern? Zögern? Fehlanzeige. „Man darf“, fasst Scheuch seine ersten Monate in Chinas Topetagen zusammen, „die kulturellen Gemeinsamkeiten nicht überschätzen.“
Das muss nicht heißen, dass deutscher Mittelständler und chinesischer Staatskapitalist zwangsläufig nicht miteinander können. Es zeigt nur, dass der Weg zum deutsch-chinesischen Gemeinschaftsunternehmen etwas schwieriger ist, als die Zahlen das vielleicht andeuten.
Die nämlich sind eindeutig: Das viele chinesische Geld und der florierende deutsche Mittelstand ziehen einander an. Nicht nur Putzmeister hat einen chinesischen Anteilseigner: Auch Konkurrent Schwing oder der fränkische Maschinenbauer Waldrich Coburg gehören bereits chinesischen Besitzern. Vergangene Woche kündigte Shandong Heavy Industry an, den hessischen Gabelstapler-Hersteller Kion übernehmen zu wollen, der rheinische Autozulieferer Kiekert steht ebenfalls unmittelbar vor der Übernahme durch Chinesen.
Und das dürfte erst der Anfang sein. Weil in der sich anbahnenden Konjunkturkrise bei vielen Mittelständlern das Geld knapp werden dürfte und viele chinesische Konzerne dank der Boom-Konjunktur dort in Geld schwimmen, werden massiv Investments aus China in den deutschen Mittelstand fließen. Die Unternehmensberatung Ernst & Young prophezeit nach einer entsprechenden Umfrage, dass mehr als die Hälfte der 400 größten chinesischen Konzerne in Deutschland investieren will.
Norbert Scheuch, der Mann mit den Betonpumpen, glaubt, dass das eine gute Nachricht ist. Seinen eigenen Arbeitgeber Putzmeister trimmen die Chinesen gerade auf Wachstum: Verdoppeln soll sich der Umsatz in den nächsten Jahren. Dafür haben beide Seiten einen fairen Deal geschlossen: Die Premium-Marke Putzmeister nutzt die Vertriebsressourcen von Sany auf dem Weltmarkt und dem gigantischen chinesischen Premiummarkt, der Mutterkonzern Sany bespielt das Massensegment.
Die Chinesen verehren deutsche Ingenieure
„Das ist in jedem Fall eine Win-win-Situation“, sagt Scheuch. „Wir hätten ohne Sany nicht so auf dem chinesischen Markt auftreten können und Sany ohne die Marke Putzmeister nicht so auf den westlichen Märkten.“
In der Tat schielen chinesische Investoren auf die versteckten Weltmarktführer aus der deutschen Provinz. Mit ihren starken Marken können die Chinesen auch in Marktsegmenten punkten, wo die eigenen Produkte noch als Billigmassenware gelten. „Die Chinesen verehren deutsche Ingenieure“, sagt Scheuch. Deswegen seien Ängste vor Arbeitsplatzverlusten übertrieben.
In der Tat loben in den meisten Fällen, in denen Chinesen in Deutschland das Ruder übernommen haben, selbst die örtlichen IG-Metall-Vertreter deren Auftreten. Bisher hätten sich viele Chinesen als langfristig denkende Investoren entpuppt, heißt es bei Arbeitnehmervertretern.
Die Frage ist nur, wie lange?
Noch ist kaum ein chinesischer Investor in der Lage, sofort die Kompetenzen der deutschen Töchter nach China abzuziehen. Aber mittelfristig? Scheuch will sich dazu nicht äußern. Auch andere Manager übernommener Konzerne räumen ein, allenfalls mittelfristig in die strategischen Überlegungen ihrer chinesischen Eigentümer eingebunden zu sein.
„Ob wir in fünf Jahren immer noch sagen können, es findet kein Know-how-Abfluss statt, kann ich keinem versprechen“, sagt ein Manager eines Mittelständlers.
























