Knorr-Baby trifft auf Stiftung Warentest: „Die Situation ist sehr schwierig, aber nicht unlösbar“

Knorr-Baby trifft auf Stiftung Warentest: „Die Situation ist sehr schwierig, aber nicht unlösbar“

, aktualisiert 30. Januar 2017, 07:22 Uhr
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Der Manager ist 47 Jahre alt und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Als Geschäftsführer für Knorr-Baby arbeitet er seit September 2016. Der mittelständische Kinderwagenhersteller beschäftigt in Niederfüllbach 50 Mitarbeiter und kommt auf einen Umsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Fotocredit: Mike Meyer Photography.

von Carina KontioQuelle:Handelsblatt Online

Die Stiftung Warentest warnt gerade vor einem Kinderwagen des Mittelständlers Knorr-Baby. Für Geschäftsführer Peter Hotz, frisch im Chefsessel, eine Zerreißprobe - doch er beweist Stärke und bietet den Testern die Stirn.

Die Tester von Stiftung Warentest prüfen zurzeit Kombi-Kinderwagen. Als sie das Modell Noxxter von Knorr-Baby unter die Lupe nehmen, stellen sie fest, dass man den Sportaufsatz unbemerkt falsch aufsetzen kann. Die Folge: Der Sitz im Gestell kann kippen – und das Kind sich verletzen. Noch vor Erscheinen des Tests geht die Stiftung Warentest mit dieser Information an die Öffentlichkeit, um die Eltern zu warnen. Auch die zuständige Marktaufsicht von Knorr-Baby wird informiert - für den Mittelständler aus Bayern, der zu den Top 5 in Deutschland gehört, ein heftiger Nackenschlag. Im Interview sprechen wir mit CEO Peter Hotz über die Macht der Tester, den Schock und einen drohenden Imageschaden durch die schlechte Bewertung.

Herr Hotz, erstes Suchergebnis zu “Knorr-Baby” im Netz ist derzeit: “Hohe Verletzungsgefahr: Test warnt vor diesem Kinderwagen”. Was macht es mit Ihnen, wenn Sie das lesen?
Ich war wirklich sehr betroffen. Schließlich bin ich selbst Vater und als solcher würde ich mich natürlich schon fragen, ob ich dieser Firma noch vertrauen kann.

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Können Sie?
Kann ich, ja. Wenn ich auf der Facebook-Seite der Stiftung Warentest, wo der Warnhinweis auch geteilt wurde, lese, was die User in den Kommentaren schreiben und wie sie dort sogar Partei für uns ergreifen, weiß ich, dass unser Produkt in Ordnung und der Test ein sehr unrealistischer Fall ist.

Inwiefern?
Kein Mensch setzt sein Kind im Sportwagenaufsatz auf das Gestell des Kinderwagens. Wir weisen schon in der Gebrauchsanweisung darauf hin, dass Kinder bei der Montage nicht in unmittelbarer Nähe sein sollen.

In einer Mitteilung an Ihre Kunden heißt es: “Bei ordnungsgemäßer Handhabung und Benutzung des Sportwagenaufsatzes besteht in keiner Situation Gefahr für Ihr Kind.” Ein Schuldeingeständnis klingt anders...
Wenn uns jemand kritisiert, sind wir offen und nehmen das Feedback gerne auf. Es kann ja wirklich auch vorkommen, dass mit einem Produkt etwas nicht stimmt. Dann sind wir auch sehr dankbar für den Test und reagieren sofort darauf. Aber unsere Gebrauchsanleitung war vorher nicht schlecht und wenn man alles richtig macht, besteht auch keine Gefahr.

Weiter schreiben Sie auf Ihrer Webseite: “Im von Stiftung Warentest beschriebenen Fall handelt es sich nicht um eine Fehlkonstruktion des Kinderwagens.” Trotzdem bauen Sie nun eine Kippsperre ein - wie passt das zusammen?
Weil wir möchten, dass alle auf der sicheren Seite sind. Daher arbeiten wir mit Hochdruck an der Kippsperre, die verhindert, dass der Kindersitz, wenn er versehentlich falsch eingesetzt wird, kippt. Und alle bestehenden Kunden bekommen von uns ein kostenloses Nachrüstset.

Über welches Ausmaß sprechen wir?
Das betrifft etwa mehrere tausend Kunden.


"Wir haben in der Vergangenheit gut abgeschnitten"

Wird das sehr teuer für Sie?
In so einem Fall spielen Kosten nur eine untergeordnete Rolle. Sicherlich entstehen uns durch die Nachrüstung jetzt Kosten. Aber dadurch, dass wir in Europa produzieren und kurze Wege haben, sind wir auch sehr schnell und die Änderungen werden schon mit der nächsten Charge umgesetzt.

Wie haben Sie eigentlich von dem schlechten Abschneiden erfahren?
Der Ablauf ist so, dass das Ergebnis per Einschreiben geschickt wird. Allerdings sind das mehrere Seiten, die so trocken formuliert sind, dass man daraus noch gar nicht direkt schließen kann, wie gut oder schlecht man abgeschnitten hat.

Ist Ihnen nicht das Herz in die Hose gerutscht, als Sie ins Büro kamen und auf dem Tisch ein Einschreiben von der Stiftung Warentest lag? Was haben Sie denn in dem Moment gedacht?
Ich habe mich gefreut.

Das müssen Sie erklären!
Ich habe sogar schon auf den Brief gewartet. Wir sind in den letzten Jahren regelmäßig getestet worden und wussten seit Weihnachten, dass es wieder einen Kinderwagen-Test gibt und wir dabei sind. Da wir in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen gemacht und vor allem auch immer gut abgeschnitten haben, war das für uns eine sichere Bank.

Und dann der Schock...
Ich fühlte mich wie im falschen Film. Als wir in einem weiteren Schreiben darüber informiert wurden, dass es bei falscher Montage Probleme gibt und sogar schon die Behörden informiert wurden, baten wir um ein klärendes Gespräch. Wir wollten verstehen, was schief gelaufen ist. Bis dahin war auch alles noch sachlich und konstruktiv.

Dann drehte die Stimmung. Am 18. Januar 2017 veröffentlichte die Stiftung Warentest ein Video mit dem Test Ihres Kinderwagens und zeigte, wie der Sportwagenaufsatz bei falscher Montage kippt - was hat Sie daran geärgert?
Uns hat die Aggressivität und Dramatik irritiert, mit der das Video plötzlich in der Öffentlichkeit verbreitet wurde und wie dort mit uns umgegangen wird. Das hätte man auch anders regeln können. Ferner hat uns überrascht, dass so ein Case überhaupt hochkommt.

Weil sie unfehlbar sind?
Nein, weil wir den Noxxter schon seit Jahren verkaufen. Wir haben mehrere tausend zufriedene Kunden, die so eine Reklamation noch nie berichtet haben. Geschweige denn, dass es jemals einen Unfall gab, wie ihn die Tester beschreiben. Und wie ich schon sagte, bei den letzten Kinderwagen-Tests in 2015 und 2016 haben wir mit zwei Modellen (Anm.d.Red.: Voletto und Vero XL), eines davon mit dem absolut gleichen Arretiersystem, mit dem zweitbesten Ergebnis bzw. dem besten Preis-/Leistungsverhältnis abgeschnitten.


"Ich will einen reaktiven Modus vermeiden"

Wie ist es dann weitergegangen?
Innerhalb eines Tages konnten wir den Testern unsere aktualisierte Gebrauchsanweisung schicken, in der nun explizit nochmal auf diesen unrealistischen Fall hingewiesen wird. Das Risiko ist wirklich sehr gering.

Was macht Sie da so sicher?
Weil man nach der Montage immer überprüfen muss, ob der Sitz richtig montiert ist. Dafür müssen vier kleine Metallstifte einrasten - das hängt nicht alles nur an einem seidenen Faden.

Aber was die Warentester kritisieren ist ja, dass Eltern die Sitzschale aus Versehen falsch montieren können. Insofern ist doch die Kritik nicht unberechtigt, oder?
Richtig, die Eltern bekommen ein Klicksignal, wenn nur zwei Stifte einrasten und ja, das ist die Gefahr. Wenn sie dann aber nochmal den Test machen, ob die Schale richtig sitzt, merken sie sofort, wenn etwas nicht stimmt. Nichts desto trotz nehmen wir das Ergebnis sehr ernst. Wir haben zusätzlich nochmal eigene Tests veranlasst und sind aktiv auf die Behörden zugegangen, um auch an der Flanke transparent zu sein. Was ich vermeiden will ist, in einen reaktiven Modus zu geraten.

Kritiker werfen der Stiftung Warentest immer wieder vor, bewusst Ängste zu schüren, die teils völlig unberechtigt sind. Fühlen Sie sich unfair behandelt?
Grundsätzlich denke ich, dass es wichtig ist, solche unabhängigen Testinstitute zu haben, die Missstände aufdecken. Das ist ihre Aufgabe. Und wir Hersteller müssen Produkte entwickeln, die die gesetzlichen Normen erfüllen. Wenig zielführend ist es aber meiner Ansicht nach, wenn Institute eigene Regeln definieren, die nach außen nicht transparent sind. Und wenn sie Produkte testen und abwerten und in reißerischen Berichten und Videos der Marke Schaden zufügen.

Die Test-Mechanik wird den teilnehmenden Firmen nicht offen gelegt?
Wir haben extra nochmal nachgefragt, um zu verstehen, wie ein Produkt mit demselben Mechanismus vor zwei Jahren der zweitbeste Kinderwagen im ganzen Test sein konnte und jetzt plötzlich deswegen durchfällt. Die Antwort war, dass sie jetzt eben mit erfahrenen Laien getestet haben.

Knorr-Baby wurde letztes Jahr von einer Investorengruppe gekauft, die Sie im September als neuen Geschäftsführer eingesetzt hat. Böse Zungen behaupten gerne, dass Investoren ihr Engagement häufig auf Profitmaximierung reduzieren - und Qualität plötzlich keine Rolle mehr spielt...
In allen Gesprächen, bei denen ich bis jetzt dabei war, war das wichtigste Schlagwort immer die Nachhaltigkeit. Glauben Sie mir, unsere Besitzer sind daran interessiert, langfristig zu investieren.


Kaum als Chef an Bord, brennt die Hütte

Guter Zweck statt Rendite?
Natürlich haben sie ein großes Interesse am Wachstum, aber dieses Wachstum soll wieder in die Firma und in das Vertrauen der Marke investiert werden und damit auch in Qualität und die Produktsicherheit. Unsere Investoren sind keine Heuschrecken - auch da steckt im Prinzip eine Familie dahinter, der es nicht um Profitmaximierung geht.

Aber kaum ist der neue Geschäftsführer an Bord, brennt die Hütte. Wie hat denn die ehemalige Geschäftsführerin von Knorr-Baby reagiert?
Sie ist zwar offiziell Ende letzten Jahres aus der Geschäftsführung von Knorr-Baby ausgeschieden, aber sie steht uns im Moment natürlich mit ihrer Erfahrung zu 100 Prozent zur Verfügung - etwas, das mir gerade sehr hilft.

Da bekommen Sie in Ihren ersten Amtstagen direkt so einen Schuss vor den Bug. Wie stecken Sie das persönlich weg?
Meinen Start habe ich mir ehrlich gesagt auch ein bisschen anders vorgestellt. Aber auch wenn die Situation gerade sehr schwierig ist - sie ist nicht unlösbar.

Nun hat die Stiftung Warentest allerdings angekündigt, noch einen weiteren Mangel zu veröffentlichen, der in der in Folge zu einem Produktrückruf führen könnte. Müssen Sie sich Sorgen um Ihre Verkaufszahlen machen?
Das wäre für Knorr-Baby der absolute Worst Case. Für jeden mittelständischen Betrieb geht es sehr schnell um Arbeitsplätze. So eine Situation ist natürlich grundsätzlich immer ungut für die Verkaufszahlen, aber es geht auch noch um viel mehr. Am Ende des Tages steht das ganze Image einer Marke auf dem Spiel und das wäre dann letztlich auch etwas, das sich auch auf unsere europäischen Zulieferer auswirkt. Aber davon sind wir Gott sei Dank im Moment noch weit entfernt.

Zuletzt zog Ritter Sport 2014 gegen die Stiftung Warentest vor Gericht – und gewann. Dass sich Unternehmen gegen ein schlechtes Testurteil wehren, ist jedoch selten. Wie steht’s mit Ihnen: Würden Sie den Machtkampf mit der mächtigen Verbraucherschutzorganisation wagen?
Wir nehmen diese Situation jetzt erst einmal als Ansporn, um noch besser zu werden für unsere Kunden. Die Stiftung Warentest ist wichtig und immer dann gut, wenn es um eine zusätzliche Qualitätskontrolle geht. Das gilt allerdings nur so lange, wie sie fair und unabhängig ist. Was uns gerade merkwürdig aufstößt ist, dass die Mechanik der Tests nicht offengelegt wird. Außerdem gibt es noch ein Gremium, dessen Besetzung nicht bekannt ist, und die Einfluss auf die Testergebnisse nehmen können…


"Mutmaßung wäre ein falscher Berater"

Es könnte also auch sein, dass Ihnen ein Rivale besonders übel mitspielt?
Mutmaßung wäre hier ein falscher Berater. Zudem pflegen wir grundsätzlich mit den Mitbewerbern ein gutes Verhältnis. Am Ende wissen Sie jedoch nie, was hinter einer solchen Kampagne wirklich steckt. Fakt ist: Wir wissen nicht, wer da genau als Jury mit am Tisch sitzt. Diese Tatsache bekommt für mich bei einer Stiftung, die auch von der Bundesregierung in 2016 100 Millionen Euro zusätzliches Kapital bewilligt bekam, einen speziellen Beigeschmack. Der CDU/CSU Fraktionsvorsitzende Volker Kauder und Justizminister Maas haben in diesem Zusammenhang die Arbeit der Stiftung außerordentlich gelobt. Ich würde gerne wissen, ob sie sich einmal die Art und Weise der Kommunikation von Stiftung Warentest angesehen haben. Aber wissen Sie, wir fokussieren uns jetzt mit ganzer Kraft darauf, die Sicherheit unserer Produkte zu verbessern. Das ist das, was mich in meinem noch sehr jungen Amt als Geschäftsführer hier in der Firma antreibt.

Sie würden nicht rechtlich gegen die Test-Ergebnisse vorgehen?
Wenn etwas justiziabel Falsches behauptet würde, das unserem Ruf und unserem Image schadet, dann eventuell schon. Allerdings wäre so eine Entscheidung ziemlich kostspielig.

Nicht mehr lange, dann liegt das Heft der Warentester überall am Kiosk. Wie gehen Sie mit der Angst vor dem um, was da noch auf Sie zukommt?
Es ist im Prinzip keine Angst, sondern uns alle treibt im Unternehmen die Haltung, jeden Tag etwas Besseres machen zu wollen. Das gilt auch ganz unabhängig von der aktuellen Krise. Seit meinem Einstieg hier beschäftigen wir uns deswegen auch eingehend mit dem Thema Nachhaltigkeit und sind dabei, auch für unsere Lieferanten einen Verhaltenskodex zu erarbeiten. Und ich bin sehr entschlossen, Knorr-Baby aus der Krise zu führen. Die Marke hat ihren Ursprung vor über 70 Jahren gehabt und ist fest im Handel und auch bei den Eltern etabliert. Diese lange Tradition werde ich fortsetzen.

Herr Hotz, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Quelle:  Handelsblatt Online
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