Medizin-Start-ups im Pitch: Von E-Rollatoren und smarten OP-Handschuhen

Medizin-Start-ups im Pitch: Von E-Rollatoren und smarten OP-Handschuhen

, aktualisiert 20. Februar 2016, 17:12 Uhr
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Sonovum aus Leipzig, Finalist in der Kategorie Start-ups des Innovationspreises der deutschen Wirtschaft, ermöglicht mit der Akustocerebrografie erstmalig die nicht-invasive Echtzeit-Beobachtung biochemischer Zustände und Veränderungen des Hirngewebes. Gegründet wurde Sonovum 2011 von Miroslaw Wrobel, Rafael Salzberger und Konrad Sell.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Innovative Gründer mischen die Gesundheitsbranche auf. Auf einem Pitch in Essen kämpfen zehn um die Gunst und das Kapital von Business-Angels. Vor so einigen Start-ups sollten sich Medizinkonzerne in Acht nehmen.

Essen Die Location für den Pitch ist passend gewählt. Die Gründer von zehn Medizin-Start-ups kämpfen in einem nüchternen Hörsaal des Elisabeth Krankenhauses in Essen um die Gunst von Business-Angels. So sieht die „Höhle der Löwen“ für Gründer im realen Leben aus – fernab des TV-Glamours. Genau sieben Minuten hat jedes Start-ups Zeit, seine Geschäftsidee zu präsentieren. Danach können interessierte Investoren fünf Minuten Fragen stellen.

Die Gründer sind sichtlich nervös – schließlich geht es um viel: Geld und Mentoren, um ihr Start-up zum Fliegen zu bringen. Denn Business-Angel helfen mit zwei Flügeln: Kapital und Know-how. Veranstalter ist die Business Angel Agentur Ruhr (BAAR), eine der ältesten Verbände dieser Art in Deutschland.

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Grund zur Nervosität haben nicht nur die Gründer – es sind vor allem die etablierten Pharmaunternehmen. Denn sie fürchten nach einer Umfrage nicht etwa ihre direkten Wettbewerber, sondern Start-ups am allermeisten als Konkurrenz. Der Gesundheitsmarkt befindet sich derzeit komplett im Umbruch.

Den Anfang beim Pitch macht Sonovum . Das Leipziger Start-up hat ein Stirnband entwickelt, das das Gehirn in Echtzeit per Ultraschall überwachen kann. „So lässt sich schnell eine Diagnose stellen – ohne OP und ohne Strahlenbelastung und dazu zu einem Bruchteil der Kosten von Computertomograph oder MRT“, wirbt Vertriebsleiter Konrad Sell. Die Business-Angels fragen kritisch nach Wettbewerbern. „Die gibt es, aber die messen nur den Zustand des Hirngewebes, nicht die Dynamik“, sagt Sell. Für bis zu zwei Millionen Euro Investment bietet Sonovum bis zu 17 Prozent der Anteile.

Emovements aus Stuttgart hat einen intelligenten E-Rollator entwickelt. Der Elektroantrieb macht das Bergauf- und Bergabfahren bequemer und kann Hindernisse wie Bordsteinkanten leichter überwinden. GPS-Notruf und Beleuchtung gehören zur Grundausstattung. „600.000 Deutsche kaufen im Jahr einen Rollator. Tendenz steigend“, sagt Ingenieur Max Keßler und wirft ein Bild an die Wand, auf dem sich ein Affe vom Urmenschen zum Homo Erectus und am Ende zum Rollator-Fahrer entwickelt. Gelächter im Saal.

Für 1700 Euro wollen die drei Gründer den smarten Rollator im Laden vertreiben. „Bei Aldi gibt es welche ab 65 Euro, unser einziger Konkurrent bietet Ähnliches, aber für bis zu 7.500 Euro. Viel zu teuer.“ Die Investoren fragen nach Lebenszeit des Akkus, Marge und Vertriebspartnern. Keßler pariert alle Fragen und sagt dann: „Ich lade Sie gerne zu einer Testfahrt ein. Der Rollator steht draußen.“


Online-Chat mit dem Psychologen

Testen kann man die Geschäftsidee von Helpsy noch nicht, ist sie doch erst kürzlich entstanden. Das Portal für individuelle psychologische Beratung per Videokonferenz soll eine Lücke schließen. „Die durchschnittliche Wartezeit für einen Therapeuten beträgt heute vier bis sechs Monate“, sagt Mitgründer Alexander Pevzner. Die Beratung soll anonym sein und kostet 1,49 Euro pro Minute – bezahlt vom Patienten oder Arbeitgeber. Von den Psychologen bekommt Helpsy 20 Prozent Provision. Die Investoren bohren nach: Was ist mit Abhörsicherheit? Schließlich geht es um intimste Probleme. Pevzner kann beruhigen: „Alles verschlüsselt.“ Die Gründer aus Essen wünschen sich 600.000 Euro, um 2017 mit dem Vertrieb zu starten.

Online geht es weiter mit der medizinischen Diabetes-Coach für die Hosentasche. Das Düsseldorfer Start-up Jommi hat bereits einen Broteinheiten-Rechner als App auf den Markt gebracht. Demnächst soll der digitale Diabetes-Berater folgen, der die Daten der Patienten analysiert und für sie Bewegung und Ernährung individuell managt. „Weltweit sind 380 Millionen Diabetiker betroffen“, sagt Fabian Oertel. „Die meisten nehmen teure Medikamente, allein in Deutschland kostet das 43 Milliarden Euro. Dabei können Diabetiker durch Bewegung und richtige Ernährung viel verbessern.“ Wie viel die App kosten soll? Vier bis fünf Euro. 100.000 Euro Kapital wünschen sich die Gründer von einem Business-Angel.

Intelligente chirurgische Handschuhe präsentiert das nächste Start-up, sMarterials aus Berlin. Die OP-Handschuhe sollen besonders schnitt- und stichfest sein und so vor Nadelstichverletzungen schützen. Von denen gibt es eine halbe Million im Jahr. „Pro Fall kostet das 1600 Euro, ohne gefährliche Infektionen mit HIV oder Hepatitis zu berücksichtigen“, sagt Mitgründer Martin Bothe. „Außerdem planen wir eine Faserverstärkung wie in schusssicheren Westen“. Drei Euro sollen die Handschuhe mit Formgedächtnis einmal kosten. Bis zur Marktreife 2018 sucht Bothe noch 475.000 Euro Kapital. Die Investoren sind beeindruckt, doch noch etwas skeptisch, was Vertrieb und Patentklau angeht. Denn produziert werden sollen die Handschuhe in Malaysia.

Petra Hartjes hat die Gründer von sMarterials für einen Businessplan-Wettbewerb gecoacht. Die ehemalige Industriemanagerin, seit Jahren als Business-Angel und Mentorin für Start-ups unterwegs, schaut sich rund 15 solcher Pitches im Jahr an. Etwa fünf Jungfirmen hat sie über die Jahre begleitet und dort investiert. „Nicht alle waren letztlich erfolgreich. Da musste ich auch schon Verluste einstecken“, räumt sie ein. Deshalb prüft die Betriebswirtin die Gründer gründlich auf Herz und Nieren.


Solarrucksack für steriles OP-Besteck

„Die Zusammensetzung des Teams ist entscheidend – ansonsten nutzt auch das beste Geschäftsmodell nichts“, so ihre Erfahrung. Die technische Idee sei meist ausgereift. Oft aber fehle im Team ein Unternehmertyp. Einer, der die Idee nicht nur offensiv verkaufen könne, risikobereit und stressresistent sei, sondern auch strategisch denken und operative Strukturen aufbauen könne.

„Als Business Angel kann ich zwar Einfluss nehmen durch mein Know-how und mein Netzwerk, aber wie ein Aktienkurs lässt sich die tatsächliche Entwicklung eines Start-ups nicht vorhersagen.“ Genauso gemischt wie das Gründerteam sollten auch die Investoren sein, meint Hartjes. Die Betriebswirtin investiert am liebsten mit anderen Business-Angels zusammen, die etwa von der technischen Seite kommen.

Die zweite Runde läutet ein Start-up mit viel Pitch-Erfahrung ein: Mynoise hat gerade erst den zweiten Platz im internationalen Wettbewerb „Get in the Ring“ errungen. Der Duisburger HNO-Arzt Uso Walter hat verschiedene Online-Therapien für Patienten mit chronischem Tinnitus entwickelt. Weltweit sind rund 100.000 Menschen von Störgeräuschen im Ohr betroffen. Demnächst will Mynoise auch eine Trainings-App gegen Schwerhörigkeit auf den Markt bringen. Dafür brauchen die Gründer noch eine halbe Million Euro. Die Investoren lauschen gespannt.

Auch beim nächsten Start-up horchen sie auf. Ossfitec aus Witten hat das weltweit erste Implantat für die Wirbelsäule entwickelt, das sich im Körper nach fünf bis sechs Jahren vollständig abbaut. Mit „Schrott“ im Körper, der später wieder herausoperiert werden muss, soll dann Schluss sein. Das Material, entwickelt mit dem Fraunhofer Institut, basiert auf einer geheimen Formel. Allerdings brauchen die Gründer Roland Streuf, Dariusz Kosak und Martin Pabst für die Entwicklung noch fünf Millionen Euro. Petra Hartjes findet das Konzept zukunftsweisend, aber wegen des großen Kapitalbedarfs sollten sich die Gründer potente Wagniskapitalgeber zusätzlich zu Business-Angels suchen.

Nur ein Zehntel an Kapital, nämlich 500.000 Euro, suchen die Gründer von RSO Technology aus Kassel für ihre ungewöhnliche Geschäftsidee „Rucksackspende“. Steriles Operationsbesteck und reines Wasser sind in Schwellenländern rar. Zwei von drei Patienten infizieren sich dort bei einer OP. Mitgründer Martin Reh zeigt ein Schock-Foto von einem rostigen Ölfass über einem Feuer: „Darin wird das OP-Besteck ausgekocht.“ Der medizinische Solarrucksack soll Abhilfe schaffen und gefährliche Infektionen vermeiden. Der Vertriebsweg ist ungewöhnlich: Ab Ende 2016 soll der Rucksack auf den Markt kommen – als Spende für Stiftungen und Entwicklungshilfeorganisationen.


„Das Bloomberg der Gendaten“

Die Welt verbessern will auch die Rostocker Firma Limbus Medical Technologies. Sie möchte Gendiagnostik-Labore per Software vernetzen und so effizienter machen. „Wir sind das Bloomberg der Gendaten“, meint Mitgründer Ben Liesfeld. Gendiagnosen sind immer noch sehr fehleranfällig, die Gendatenbank Allexes will aus den genetischen Varianten vieler Labore eine weltweite Referenzdatenbank aufbauen. Die Labore könnten dadurch ihre Diagnosen erheblich verbessern und beschleunigen. Bei 2000 Fällen würden sie rund 400.000 Euro im Jahr sparen, meint Liesfeld. Auf Business-Angel Hartjes wirkt das Konzept zukunftsweisend, es braucht aber viel Kapital – allein in diesem Jahr 600.000 Euro.

Ohne Software kommt die Geschäftsidee von Kluba Medical aus Düsseldorf aus, das einzige Start-up beim Pitch, das von Frauen gegründet ist. Die drei Gründerinnen haben dem „Baby-Schiefschädel“ den Kampf angesagt. Immerhin rund 45 Prozent aller Babys haben laut Studien einen schiefen Kopf. Das patentierte Ringkissen „Babyshell“ soll dies lindern und vermeiden. Entwickelt hat der Ring die Ärztin Susanne Kluba. Sie sucht nun mit ihren Mitgründerinnen Nicole Klingen und Kathrin Elges Kapitalgeber für das patentierte Ringkissen. Das soll einmal 49,90 Euro im Laden kosten. Petra Hartjes ist unsicher, denn Ein-Produkt-Firmen hält sie für schwierig. Auch wenn die Gründerinnen noch bunte Bezüge vermarkten wollen.

Die Zeit ist um. Die Nervosität vorbei. Am Ende des langen Abends knüpfen Business-Angels und Gründer bei Häppchen und Bier im Foyer nähere Kontakte. Ob sich daraus furchtbare Geschäftsbeziehungen entspinnen? Das ist genauso ungewiss wie in der „Höhle der Löwen“.

Quellle:  Handelsblatt Online
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