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Mini-Kurzschlafkissen: Der Weckmann

von Stefan Merx Quelle: Handelsblatt Online

Einmal ins Silicon Valley und zurück: Karim Daghbouche hätte es südöstlich der Südhälfte der San Francisco Bay fast geschafft - aber eben nur fast. Nun wagt der Hannoveraner den Neustart mit einem Kurzschlaf-Minikissen, dass ihn zuerst wecken und dann reich machen soll.

Power-Napping an der philipinischen Börse: Schlafforscher wissen längst, dass Kurzschlaf kein Zeichen von Schwäche ist. Quelle: reuters
Power-Napping an der philipinischen Börse: Schlafforscher wissen längst, dass Kurzschlaf kein Zeichen von Schwäche ist. Quelle: reuters

Er hat es wieder getan. Gepennt, mitten am Tag. Karim Daghbouche tut es überall, wenn es ihn überkommt: "Im Auto, auf dem Sofa oder im Bett", sagt der Hannoveraner Geschäftsmann. Als überzeugter Kurzschläfer hat der zweifache Vater auch seine beiden Kinder im Quengelalter konditioniert. "Die sind absolut kooperativ", sagt er. Was bedeuten soll: "Sie schreien nicht rum und lassen mich schlafen." Sogar einen zärtlichen Namen für das mittägliche Abtauchen ihres Vaters in die Traumwelt haben die Kleinen erfunden: "Dodo klein."

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Nun wäre Karim Daghbouche kein verantwortungsvoller Vater und erst recht kein Geschäftsmann, wenn sich die halbstündige Auszeit nicht lohnen würde. Erstens: "Ich bin hinterher topfit - das spüren die Kinder." Und zweitens: Mit "Dodo klein" will Daghbouche Geld ranholen - im großen Stil. Geht der Plan auf, verdient Karim Daghbouche bald am Schlaf der anderen. Denn er ist der Weckmann.

Auf dem abgewetzten Holztisch vor sich hat der 40-Jährige zu Präsentationszwecken zwei Blatt Firmenpapier ausgebreitet: Darauf ruht ein kleines Kissen aus silberbedampftem Stoff, kleiner als eine Streichholzschachtel: Daghbouches Weckmaschine. Das angenehm anzufassende Teil ist befüllt mit Mikroelektronik und Sensoren. Wie einen Handschmeichler umfasst der Schläfer das Gerät und döst weg. Doch kurz bevor der tückische Tiefschlaf beginnt, reißt einen das Handkissen per Vibration aus dem Nickerchen. "Es meldet sich, wenn der Muskeltonus nachlässt. Das ermöglicht den kontrollierten, wirkungsvollen Kurzschlaf", sagt der Erfinder.

Schlafforscher wissen längst, dass Kurzschlaf kein Zeichen von Schwäche ist: "Das Thema wird von Firmen stark unterschätzt", sagt Ingo Fietze, Leiter des Schlaflabors an der Berliner Universitätsklinik Charité. Nur wenige Konzerne wie BMW, IBM oder Apple nehmen das Phänomen des Kantinenkomas ernst und gönnen ihren Leuten stattdessen ein motivierendes und leistungssteigerndes Nickerchen.

"Die Menschen akkumulieren Schlafschuld", sagt Karim Daghbouche - und er spricht aus Erfahrung. Der Mann, der zwei baugleiche Fliegeruhren an den Handgelenken trägt, steht schon eine Weile in den Startlöchern. Genau genommen war er schon einmal richtig im Rennen - und was sich in dieser Hannoveraner Altbauwohnung abspielt, ist sein Comeback. Er hat am Erfolg geschnuppert, die Begleitumstände schon gekostet. Doch der Reihe nach.

Daghbouches turbulente Geschichte beginnt in den 90er-Jahren: Seine Idee reift bei einem studentischen Nebenjob: Philosophie und Politik hatte er in Gießen schon abgeschlossen, nun war er Physikstudent in Hannover und finanzierte sein Leben mit einem Job in einer Digital-Druckerei "Ich war da der Manager", sagt er nicht ohne Stolz. Da das Management offenbar aufgefordert war, die Maschinen nachts selber in Gang zu halten, schlief Daghbouche auf einem Stück Pappe neben der Maschine. "Alle halbe Stunde gab es ein typisches Klicken und ich musste Papier nachlegen." Und das Erstaunliche: Ein halbes Jahr lang schaffte er den Job, ohne tagsüber im Hörsaal zusammenzubrechen. Die Maschine hatte sein Kurzschlafintervall getroffen, glaubt Daghbouche. Ein tragbares Gerät, das diese Funktion übernimmt, müsste doch der Renner sein.

Er legt seinem Vater, einem algerischstämmigen Medizintechniker an der MH Hannover, erste Ideenskizzen vor. "Das wird nichts", winkt der ab. Den Junior packt der Ehrgeiz, ihm das Gegenteil zu beweisen. Auch wenn er weiß, dass ein simpler Schlüsselbund als billige Alternative eigentlich genügt: Man pennt, bis einem das Bündel aus der Hand rutscht. Wenn es klimpert, steht man auf. Diese Methode wird Albert Einstein zugesprochen, einem Freund des Nickerchens.

Wenige Monate nach dem Einfall fährt Daghbouche nach München und meldet das Patent an. "Ein bewegender Moment." Doch die Schlafforschung, vor allem mit Blick auf Sicherheitsrisiken durch Übermüdung, spielt woanders - in den USA.

Daghbouche tritt in Kontakt mit dem Nasa Ames Forschungszentrum im Silicon Valley, die im Auftrag des US-Kongresses den strategischen Kurzschlaf erkundete. Die Ergebnisse spielen ihm voll in die Karten. Daghbouche, der selbst halbe Tage vor dem Flugsimulator verbringt, erkennt auf einmal seine Zielgruppe: Piloten, Lokführer, Lastwagenfahrer.

1998 siedelt Daghbouche über nach Kalifornien. Einen knappen Kilometer neben dem Yahoo-Hauptquartier gründet er in Sunnyvale die Jetlog Corporation - President & CEO steht auf seiner Visitenkarte.

"Alles lief, wir hatten sofort sechsstellig Risikokapital - mit einem Augenzwinkern floss das Geld." Auch der erste Kooperationspartner konnte sich sehen lassen: Der PDA-Hersteller Handspring verkaufte das Jetlog-Modul für 100 Dollar - es war so designt, dass es in den Slot des beliebten Taschencomputers "Visor" passte. "Man legte seine Hand auf den PDA und schlief am Schreibtisch, so war die Idee", sagt Daghbouche und demonstriert mit den sieben Jahre alten Gerätschaften, wie es mal gedacht war. "Total umständlich", sagt er heute schmunzelnd.

Immerhin: Das Teil brachte ihn in die New York Times, den US-Playboy und auf NBC Channel 4 zur besten Sendezeit. Es war die Zeit, als das Wort Powernapping noch Strahlkraft hatte und für einen Börsengang zu reichen schien. Die San José Mercury News tauften die Erfindung "Power Napping Enabler". Das gefiel Daghbouche, und er fügte hinzu, dass seine Aktiengesellschaft für "24 x 7 Readiness" sorge. Das liest man bis heute auf der Homepage von jetlog.com.

Bei kräftigem Instantkaffee erzählt er, was dann passierte. Die New Economy? Tot. Der Partner Handspring? Geschluckt von Palm. Das Geld? Irgendwann alle. Und Karim Daghbouche? Für eine Weile in Dubai. "Man muss hingehen, wo das Geschäft ist", begründet er. Aber die Idee? Die zieht immer noch, glaubt der umtriebige Mann mit dem Dreitagebart und der freundlichen Stimme. Nun wagt der President den Neubeginn, 62 Aktionäre sind noch an Bord.

Karim Daghbouche weiß: Um mit dem Gerät nicht im Gimmick-Regal zu landen, muss er den philosophischen Überbau gleich mit verkaufen - und das kann er. "So ein Tool hat eben mehr symbolische Kraft als ein Schlüsselbund." Im Grunde gehe es ja um die Harmonie von Natur und Arbeit. "Wenn sich der Müde Schlaf gönnt, ist er Herr seiner selbst."

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