Missglückte Nachfolge: Der tiefe Fall des Rollstuhlgiganten Meyra

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Missglückte Nachfolge: Der tiefe Fall des Rollstuhlgiganten Meyra

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Zerstörte heile Welt. Meyra-Zentrale im ostwestfälischen Kalletal

Vom Marktführer zum Sinnbild für die gescheiterte Nachfolge in Familienunternehmen: Der westfälische Rollstuhlhersteller ist tief gefallen. Die Reste sollen nun nach Polen gehen.

Kalletal-Kalldorf präsentiert sich gern als heile Welt. Im Ortszentrum erinnert das Zieglerdenkmal an den seit 125 Jahren bestehenden Zieglerverein. Gleich dahinter ragt in Weiß und Blau die Zentrale des Traditionsunternehmens Meyra in den Himmel.

Doch der erste Eindruck täuscht. Die Straßen des ostwestfälischen Örtchens wirken verlassen, die Bewohner niedergeschlagen. Vorbei sind die Zeiten, in denen mehr als 1000 Menschen bei Meyra ihren Lebensunterhalt verdienten. Der einst größte Arbeitgeber der Region, der Hersteller hochwertiger Rollstühle, Marktführer in Europa, ist seit März insolvent. Seit fünf Jahren sind zwei Drittel der Belegschaft in Kurzarbeit. Von den verbliebenen 400 Mitarbeitern mussten zuletzt 150 gehen.

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Nun soll der ganze Stolz von Kalletal-Kalldorf an den polnischen Mitbewerber Medort fallen. Damit erhielte der Finanz­investor Avallon aus Lodz das Sagen. Dem 800 Millionen Euro schweren Private-Equity-Fonds gehören 75 Prozent von Medort. Wenn es gut geht, dürften rund 230 Arbeitsplätze übrig bleiben – weniger als ein Viertel der Belegschaft zu Glanzzeiten.

Blutsbande waren wichtiger als Managerkönnen

Die Geschichte von Meyra ist ein Lehrstück über eine dunkle Seite des deutschen Mittelstandes. Es zeigt, wie ein Familienunternehmen durch die Decke schießen kann, wenn der Gründer für seine Firma brennt. Und es beweist, dass Firmen scheitern, wenn der Patriarch bis zum Tod an seinem Lebenswerk klammert und meint, Blutsbande über Managerkönnen stellen zu müssen. Statt rechtzeitig die Nachfolge abzuschließen, verstrickte sich ein vergreisender Gründer in immer schlimmeres Missmanagement. Statt Kompetenz von draußen zu holen, fuhr erst der angegraute Sohnemann und dann der überforderte Enkel den Laden schließlich an die Wand.

Was verehrten die ostwestfälischen Dörfler den 2000 verstorbenen Meyra-Gründer Wilhelm Meyer. Er war Mäzen und Förderer, hatte ein Gespür für Produkte und den Markt. 1995 erhielt er für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz.

Lizenz zum Gelddrucken

Der gelernte Schlosser eröffnete 1936 im westfälischen Vlotho eine Werkstatt, die fahrbare Untersätze für Gehbehinderte herstellte. Nach dem Krieg sind Meyers Rollstühle und Elektromobile so gefragt, dass er mit der Produktion kaum nachkommt. Er expandiert, kauft die Krankenstuhlfabrik Petri + Lehr im hessischen Offenbach und eröffnet Zweigstellen in den Niederlanden sowie an der Grenze zur damaligen DDR. Um weiter wachsen zu können, zieht er 1983 in ein neues größeres Gebäude im benachbarten Kalletal.

Als die deutsche Wiedervereinigung kommt, scheint für Meyer nur der Himmel die Grenze. Meyra steigt zum europaweiten Marktführer für Mobilitätshilfsmittel auf. "Ende der Neunzigerjahre standen die Fachhändler bei uns vor dem Werkstor und haben gebettelt, dass wir sie beliefern", erinnert sich ein langjähriger Vertriebsmitarbeiter. "Auch Banker standen Schlange und wollten uns Kredite geben." Aber die brauchte Meyra nicht. "Wir hatten praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken."

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