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Neues Pfandsystem: Jetzt ist die Flasche überall zuhause

von Von Sibylle Schikora Quelle: Handelsblatt Online

Seit einem halben Jahr gilt das neue Einwegpfand-System. Händler müssen auch Flaschen der Konkurrenz akzeptieren. Automatenhersteller, Recyclingfirmen und IT-Dienstleister hoffen auf steigende Umsätze.

Seit dem 1. Mai gilt das neue Einwegpfand-System. Quelle: dpa
Seit dem 1. Mai gilt das neue Einwegpfand-System. Quelle: dpa

BAMBERG. Der Chef des Automatenherstellers Tomra Systems plant in großen Dimensionen: "Vor dem neuen Pfandsystem lag der Bedarf an Rücknahmeautomaten in Deutschland bei rund 10 000 Stück", erklärt Heiner Bevers. "Wir rechnen damit, dass die Nachfrage in absehbarer Zeit auf 40 000 Systeme steigt."

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Dass sich der Absatz des mittelständischen Herstellers von Leergut-Sammelautomaten vervierfachen könnte, liegt am neuen Einwegpfandsystem, das seit dem 1. Mai von der Deutschen Pfand Gesellschaft (DPG) organisiert wird. Händler müssen seitdem auch Einwegdosen und -flaschen zurücknehmen, die Kunden anderswo gekauft haben. Die Rückgabe von Pfandgut ist für den Verbraucher so einfach, weil die DPG bereits Vorarbeit geleistet hat. Denn dank des neuen Systems ist es Händlern, Abfüllern und Getränkeproduzenten möglich, das Pfand direkt untereinander zu verrechnen, damit jeder am Ende den Pfandbetrag erhält, der ihm zusteht. Dazu müssen alle Getränkehersteller und Abfüller ihre Produkte mit einem neuen einheitlichen Symbol versehen. Und die Pfandpflicht gilt nun auch für Einweggetränkepackungen mit Getränken ohne Kohlensäure und Alkohol-Mischgetränke.

Nicht nur, dass nun das Interesse des Handels an Rücknahme-Automaten neu erwachen könnte. Die neue Pfandregelung hat eine ganze Reihe neuer Märkte eröffnet: Dosen, PET- und Glasflaschen mit Pfand müssen nun sortiert werden - in speziellen Zählzentren. Die Interseroh AG hat bisher schon zwölf dieser Anlagen errichtet, um die Rücknahme, Zählung und Verwertung von Flaschen und Dosen aus dem Einwegpfand zu organisieren. Vor allem während der Umstellung im Mai war das Interesse der Händler an dem System von Interseroh groß, da im Handel erst wenige Automaten aufgestellt waren. "Es ist absehbar, dass der Bedarf an unseren Zählzentren nach dem Boom in diesem Jahr wieder sinkt", sagt Vorstandsmitglied Roland Stroese. "Viele Wettbewerber hat das bereits im Vorfeld zurückgeschreckt. Wir sind also eine der wenigen Unternehmen, die Zählzentren in ganz Deutschland betreiben. Wir rechnen damit, dass rund 15 Prozent der Gesamtmenge des Leerguts in unseren Zählzentren ankommt."

Der norwegische Automatenhersteller Tomra stellt in Deutschland seit 25 Jahren Rücknahmeautomaten für Leergut her und ist nach eigenen Angaben Marktführer. "Unser Marktanteil ist zwar auf 60 Prozent gesunken, da mit dem neuen Pfandsystem weitere Automatenhersteller auf den Markt kamen", sagt Deutschland-Chef Heiner Bevers. "Gleichzeitig konnten wir in diesem Jahr ein höheres Auftragsvolumen verzeichnen."

Weil er es jetzt mit mehr Einwegverpackungen zu tun hat, musste Bevers sich allerdings umstellen. Er brauchte Systeme, in denen Kunststoffflaschen auch zusammengepresst werden. "Das war bei Mehrweg noch kein Thema", sagt Bevers.

Ein weiterer Automatenherrsteller ist die Tectron RVT GmbH, die ein eigenes System zur Einwegpfandrücknahme entwickelt hat. Das Besondere am Modell von Tectron: Der Automat steht vor dem Verkaufsgebäude des Händlers. Im Boden sind Behälter von der Größe einer Pkw-Garage eingelassen, in denen der Händler das Leergut sammeln kann. Falsche Flaschen werden automatisch geprüft, sortiert und zusammengepresst. Die ersten 14 Anlagen von Tectron sind bereits im Einsatz. "Die Testphase ist gut gelaufen", sagt Unternehmenssprecher Roland Kohler. "Wir rechnen damit, dass die Nachfrage im nächsten Jahr steigt."

Egal, ob das Leergut in Zählzentren oder an Rücknahmeautomaten gezählt wird. Es erfolgt immer eine Datenerfassung. Sie ist Grundlage des komplexen Pfandverrechnungssystems der DPG.

Die C-Clearing GmbH hat sich darauf spezialisiert, mit einem eigenen System die Pfandkonten der Händler untereinander auszugleichen. "Für einen Händler ist der Aufwand, die Pfandverrechnung selbst zu machen, viel zu hoch", sagt Geschäftsführer Martin Reiß. Für weniger als einen Eurocent pro Pfandeinheit erfasst C-Clearing die Pfandansprüche und verwaltet mit Hilfe einer eigenen Software die Forderungen der einzelnen Händler. "Hier ist auch noch die Schwachstelle des Systems", erklärt Reiß. "Jedes der acht Clearingunternehmen arbeitet mit einer anderen Software." Manche Firmen könnten mit dem komplizierten Verfahren noch nicht umgehen, beklagt sich Reiß. Außerdem würden die Daten häufig erst mit Verzögerung erfasst, wodurch Fehler entstünden. Das verhindere, dass die Pfandverrechnung automatisiert werde. Es sei kaum möglich, die Kosten optimal zu senken. Die Weiterentwicklung geht demnach weiter.

Einen positiven Effekt hat das neue Pfandsystem jedenfalls schon: Auf die Dosenindustrie. Beim Berliner Dosenhersteller Rexam ist man froh, dass sich der deutsche Markt in dieser Hinsicht wieder aufwärts entwickelt. "Seit der Einführung des Zwangspfands Anfang 2003 hatten wir 90 Prozent des Inlandmarktes verloren", sagt Peter Splanemann, Verkaufsdirektor Deutschland bei Rexam. "Mit der vereinfachten Rückgabe und dem Wegfall der Insellösungen ist die Dose nun wieder salonfähig." Da sich die Dose im Ausland immer als geschätzte Verpackung gehalten hat, erwartet Rexam, dass die Beliebtheit auch in Deutschland wieder steigt. Eine Umfrage der TNS Emnid belegt diesen Trend. Danach halten 70 Prozent der Verbraucher Dosen und Einwegverpackungen nach wie vor für praktisch.

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