
MettlachSeit 264 Jahren produziert das börsennotierte Familienunternehmen Villeroy & Boch feines Geschirr und edle Badezimmerkeramik wie Waschbecken und Badewannen. Aus der operativen Führung hatten sich die Familien Villeroy und Boch 2007 jedoch verabschiedet. Der bis dahin aktive Vorstandsvorsitzende Wendelin von Boch-Galhau wechselte in den Aufsichtsrat, die operative Leitung übernahm mit Frank Göring ein familienfremder Manager.
Doch jetzt ist ein Nachfahre der Gründerfamilien, die bis heute alle Stammaktien und damit auch Stimmrechte besitzen, in die Führungsriege zurückgekehrt. Nicolas Luc Villeroy, ein Spross der siebten Generation, ist nach 25 Jahren im Unternehmen zum Vorstandsmitglied berufen worden. Und der Franzose, der in Nizza aufwuchs, hat nichts Geringeres vor, als an alte, bedeutende Zeiten des Traditionshauses anzuknüpfen.
Und das ist auch nötig. Denn die Geschäfte liefen zuletzt nicht gut. Das Unternehmen musste drei Werke schließen, eines verkaufen und 1 200 Mitarbeiter entlassen. Im Jahr 2010 musste zudem eine EU-Kartellstrafe wegen angeblicher Preisabsprachen in Höhe von 78,5 Millionen Euro gezahlt werden. Ein Kampf ums Überleben sei das gewesen, sagt Villeroy. Der 50-Jährige verantwortet den Bereich "Tischkultur", der gut ein Drittel des Umsatzes ausmacht - und weiter wachsen soll.
Das ist keine leichte Aufgabe: Die Marke muss exklusiv positioniert und zugleich verjüngt werden. "Unsere Konkurrenz besteht nicht nur aus anderen Keramikherstellern wie Rosenthal oder Kahla, sondern auch aus Ikea oder Tchibo", sagt er. Und: Ein Porzellanservice sei nicht mehr so attraktiv wie ein iPhone oder eine Fernreise. Studenten will er deshalb mit Einsteigersets ansprechen und den Vertrieb übers Internet stärken.
Seine und Frank Görings Strategie kommt gut an. In Mettlach herrscht wieder Aufbruchsstimmung. 2011 erwirtschaftete der Keramikhersteller nach zwei verlustreichen Jahren wieder Gewinn - 18 Millionen Euro bei einem Umsatz von 743 Millionen Euro.
Expansion in Fernost
Nicolas Luc Villeroy ist seinen eigenen Weg gegangen. Sein Großvater und sein Vater waren nicht im Unternehmen aktiv. Der eine war Bergsteiger, der andere Banker. Er selbst nahm mit 17 Jahren zum ersten Mal an einem Gesellschaftertreffen teil.
Seine Karriere startete der Betriebswirt bei einem Geigenbauer, zu Villeroy & Boch kam er fast wie ein Familienfremder über eine Stellenanzeige. Das war 1987. Drei Jahre später ging das Unternehmen an die Börse - allerdings nur mit stimmrechtslosen Vorzugsaktien. Mit den erzielten 400 Millionen Mark wurde die Internationalisierung vorangetrieben.
Heute sollen die finanziellen Mittel für die neuen Pläne aus dem Verkauf der mittlerweile geschlossenen Werke in Luxemburg und Schweden kommen. Diese könnten bis zu 50 Millionen Euro bringen. Mit dem Geld will Villeroy aber nicht nur die Position hierzulande weiter stärken, sondern auch in Asien expandieren.
Den anstehenden Verkauf des Besteckkonzerns WMF hat er genau beobachtet. Bis Mitte 2013 will der Finanzinvestor Capvis seinen Anteil von 52 Prozent loswerden. Doch Nicolas Luc Villeroy winkt ab: "Aus strategischen Gründen haben wir uns entschlossen, das Thema nicht weiterzuverfolgen." Analysten wie Wais Samadzada vom Researchhaus Montega würden zumindest eine Zusammenarbeit begrüßen: "Die Marken ergänzen sich. WMF stellt hochwertiges Besteck her, Villeroy & Boch edles Geschirr."
Ob Kauf von WMF oder Expansion in Asien: Für den neu formierten Vorstand ist es die erste große, gemeinsame Entscheidung.














