Übernahmen: Deutschlands Mittelstand verabschiedet sich nach China

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Übernahmen: Deutschlands Mittelstand verabschiedet sich nach China

von Philipp Mattheis

Immer mehr chinesische Unternehmen kaufen deutsche Mittelständler. Die Übernahme durch Fernost ist oft das geringere Übel - wäre da nicht der große Einfluss des chinesischen Staates.

Chinas Einkaufstour in Deutschland geht weiter. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der deutsche Mittelständler Aweco an das börsennotierte chinesische Unternehmen Sanhua verkauft wird. Der Kaufpreis des Allgäuer Unternehmens aus Neukirch am Bodensee mit einen Umsatz von 110 Millionen Euro liegt zwischen 21,9 und 55 Millionen Euro. Der exakte Wert hängt vom Erfolg in den nächsten zwei Jahren ab.

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Der börsennotierte Mischkonzern aus China produziert vor allem Komponenten für Kühlschränke und Klimaanlagen und hatte bereits im Mai 2011 die Kühlschranksparte von Aweco übernommen. Sanhua machte 2011 einen Umsatz von 1,3 Milliarden US-Dollar und beschäftigt weltweit über 6000 Mitarbeiter. Es ist die jüngste, aber sicher nicht die letzte Übernahme eines deutschen Mittelständlers durch ein chinesisches Unternehmen.

China und EU handeln jeden Tag für mehr als eine Milliarde Euro

  • Gegenseitige Abhängigkeit

    China und Europa sind voneinander abhängig. Das Reich der Mitte wird in diesem Jahr zum größten Exportmarkt der Europäer aufsteigen und damit die USA überholen. Umgekehrt ist die Europäische Union der größte Abnehmer chinesischer Ausfuhren. Beide Seiten handeln jeden Tag mit Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.

  • Ausfuhren gestiegen

    Nach einem Zuwachs von 37 Prozent 2010 stiegen die europäischen Ausfuhren nach China im vergangenen Jahr von Januar bis November um 21 Prozent auf 124 Milliarden Euro. Deutschland hat mit deutlichem Abstand und knapp der Hälfte der EU-Ausfuhren nach China den größten Anteil daran, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. 60 Prozent der EU-Ausfuhren waren Maschinen und Fahrzeuge.

    Während die 27 EU-Länder im Jahr 2010 rund 19,8 Millionen Autos produzierten, waren es in China nicht viel weniger: rund 18,3 Fahrzeuge.

  • Weltgrößte Devisenreserven

    Die Importe aus China kletterten nach einem Anstieg von 31 Prozent 2010 im vergangenen Jahr bis November um weitere fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 244 Milliarden Euro. Seit Jahren gibt es ein großes europäisches Defizit im Handel mit China, das 2010 noch bei 168 Milliarden Euro lag. Aus diesem Überschuss sammelt China die Euros in seinen weltgrößten Devisenreserven im Wert von insgesamt 3,18 Billionen US-Dollar an. Rund ein Viertel sollen Euros sein.

  • Negative Leistungsbilanz

    Während die Leistungsbilanz der 27 EU-Länder im vergangenen Jahr bei minus 24 Milliarden Euro lag, konnte China einen deutlich positiven Saldo von 258 Milliarden Euro verbuchen. Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro).

  • Schlechter Marktzugang

    Die Wirtschaftskooperation zwischen Europa und China ist rasant gewachsen. Doch beklagen europäische Unternehmen in China schlechten Marktzugang, ungleiche Wettbewerbsbedingungen, mangelnde Transparenz und Rechtsunsicherheiten.

  • Urheberrechte verletzt

    Schlechter Schutz des geistigen Eigentums ist unverändert ein großes Problem. Sieben von zehn in China tätigen europäischen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben schon Opfer von Urheberrechtsverletzungen mit teils erheblichen Verlusten. Mehr als die Hälfte aller Raubkopien, die der Zoll in Europa sicherstellt, stammt aus China.

  • Zögerliche Investitionen

    Die 27 EU-Staaten zählen mit 7,1 Milliarden Euro 2010 zu den fünf wichtigsten Investoren in China - neben Taiwan, Hongkong, USA und Japan. Rund 20 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China stammen aus Europa. China investiert aber nur sehr zögerlich in Europa. Zwar stiegen die chinesischen Investitionen 2010 von 0,3 auf 0,9 Milliarden Euro, doch stammen nur 1,7 Prozent aller ausländischen Investitionen in Europa aus China.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers nehmen die Investitionen Chinas in Europa zu. Im ersten Quartal 2012 belief sich der Wert von Merger&Aquisitions auf vier Milliarden Euro. Auf das Jahr hochgerechnet beträgt das Übernahmevolumen 16 Milliarden Euro. Weitaus weniger Geld fließt in die entgegengesetzte Richtung: So betrug das Übernahmevolumen europäischer Unternehmen in China im ersten Quartal 2012 lediglich 1,8 Milliarden Euro. Deutschland ist dabei das begehrteste Ziel: 28 Prozent der Transaktionen betrafen deutsche Unternehmen, gefolgt von britischen, französischen und italienischen.

Ängste vor China sind oft unbegründet

Während sich in der Vergangenheit die chinesische Investitionspolitik stark auf den Energiesektor konzentrierte, sichern sich jedoch mittlerweile zunehmend private chinesische Investoren über Zukäufe industrielles Know-how und den Marktzugang nach Europa, heißt es in der Pwc-Studie. "Europäische Unternehmen sind aufgrund der Krise momentan günstig", sagt Edward Tse von der Unternehmensberatung Booz in Shanghai. "Deutsche Mittelständler sind wegen ihrer Technologie besonders interessant."

Dass gerade viele deutsche Hidden Champions zum Verkauf stehen, liegt an drei Faktoren: Zum einen leiden viele Unternehmen an einer Unterkapitalisierung. Viele Banken sind vorsichtig bei der Kreditvergabe. Die Nachfrageschwäche in Europa tut ihr Übriges. "Hinzu kommt eine Nachfolgeproblematik", sagt Georg Stieler von der Unternehmensberatung STM in Shanghai. "Viele Erben verkaufen lieber, als das Unternehmen weiterzuführen." 

Als im Januar dieses Jahres der deutsche Betonmaschinenbauer Putzmeister vom chinesischen Konkurrenten Sany übernommen wurde, war dies für manche Mittelständler ein Schock. Ein Jahr zuvor hatte der - damals noch Konkurrent - den Deutschen den Rang als Weltmarktführer abgelaufen. Solche Nachrichten wecken Ängste. "Ausverkauf des deutschen Mittelstands", ist ein Kampfbegriff, der immer wieder in der Presse auftaucht. Im Hinterkopf der Deutschen dämmern Geschichten von heuschreckenartigen Überfällen, bei denen Chinesen ganze Fabriken abmontieren und nach China bringen. Oft aber sind die Ängste unbegründet.

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