
Michael Süß weiß nicht mehr weiter. Seit Oktober 2007 versucht der Potsdamer Steuerberater, einen Kreditgeber für ein Energietechnikunternehmen im Raum Berlin zu finden. „Wir haben drei Banken angesprochen“, sagt er. „Die eigene Hausbank reagiert nicht, die anderen beiden Banken wissen seit Januar nicht, welche Unterlagen sie noch brauchen.“
Dabei müsste längst alles über die Bühne gegangen sein. Die drei Förderbanken, die KfW Mittelstandsbank, die Investitionsbank des Landes Brandenburg/ILB und die Bürgschaftsbank Brandenburg, hätten schon signalisiert, dass sie die anstehenden Investitionen fördern würden, sagt Süß. Allerdings brauche das Unternehmen dazu ein Institut, das den Kredit abwickelt und teilweise dafür ins Risiko geht, eine sogenannte Hausbank. „Die Aufträge liegen vor, die Grundstücke, auf denen die Fertigungshallen gebaut werden können, stehen bereit“, sagt Süß, „das Unternehmen könnte seinen Umsatz verdreifachen, aber die Banken blockieren.“
Für Süß, dessen Mandant seinen Namen nicht in der Presse lesen will, ist das Unternehmen nur ein Beispiel von vielen. „Die Banken machen auf Igelstellung“, sagt der Potsdamer, „ab in die Furche.“ Was sich die Geldhäuser dort einfallen lassen, ist gekennzeichnet von Misstrauen, Angst und Argwohn – und vom Bemühen, in Zeiten der Finanzkrise alle Risiken für die Bank zu mindern. Die Leidtragenden der von Ramschhypotheken in den USA ausgelösten so genannten Subprime-Krise sind die Kleinen und Schwachen, die stärker als etwa börsennotierte Unternehmen auf das Wohlwollen einer Bank angewiesen sind.
Das aber geht, verstärkt von dem Vertrauensschwund durch die Finanzkrise, in den Keller. „Egal, wie gut die Zahlen sind, die Banken wollen immer noch mehr Sicherheiten und Informationen“, klagt eine Unternehmerin aus Ostdeutschland, die anonym bleiben möchte. Die Frau hatte 2007 einen Bankkredit aus dem Jahr 2004 zurückgezahlt. Damals steckte das Elektronikunternehmen in einer Krise.
Die Firma läuft zwar seitdem wieder in geordneten Bahnen. Trotzdem will die Bank weitere Sicherheiten und zusätzliches Eigenkapital sehen. „Die ignorieren einfach, dass sich die Situation für uns gebessert hat“, sagt die Unternehmerin, „und wollen am liebsten alles doppelt besichern.“
Die Sucht der Banken nach immer mehr Sicherheit ist nicht auf Ostdeutschland beschränkt. Auch Michael Keller, Partner der Unternehmensberatung Klein & Coll im hessischen Griesheim, die Mittelständler bei der Finanzierung und Firmenübernahmen berät, klagt über rigide Kreditinstitute. „Die Banken wollen auf einmal an interne Informationen, an die sie früher nie gedacht hätten, und das nicht nur monatlich“, sagt er. „Und wenn dann die Zahlen nicht in das Branchenraster der Bank passen, werden die Zinsen erhöht.“ Der Berater stellt fest, dass sich die Covenants für mittelständische Unternehmen in den vergangenen Monaten deutlich verschärft haben. Darunter verstehen Finanzexperten die Zusicherungen, die ein Kreditnehmer für die Laufzeit eines Kreditvertrages der Bank abgeben muss, zum Beispiel ein bestimmtes Maß an Eigenkapital im Betrieb zu belassen, den Verschuldungsgrad konstant zu halten, einen bestimmten Cash-Flow oder eine Mindestrentabilität zu erreichen. Parallel dazu drohten die Banken immer häufiger, die Kreditlinien zu kürzen, wenn Unternehmen diese nicht nutzen.
Dennoch: Von einer allgemeinen Kreditkrise für den Mittelstand wollen die Fachleute nicht reden – eher von einer Zweiklassengesellschaft. „Die Schere geht immer weiter auf. Unternehmen, die gerade gut dastehen, sind bei den Banken als Kreditnehmer sehr begehrt“, sagt Norbert Winkeljohann, Mitglied des Vorstands und Leiter des Bereichs Mittelstand bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. „Diejenigen aber, die ein schlechtes Rating haben, werden umso kritischer beäugt – falls sie überhaupt Kredite bekommen.“
In dieser Situation bleibt den Mittelständlern nur, Alternativen zu klassischen Krediten zu suchen. Die einen verkaufen ihr Anlagevermögen und leasen es zurück. Andere weichen auf ausländische Banken aus oder verkaufen ihre Forderungen, bedienen sich also des Factorings. Selbst die in den vergangenen Monaten oft totgesagten Mezzanine-Finanzierungen, eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital, bleiben für viele Mittelständler interessant.
Für Unruhe unter den Mittelständlern sorgen die Fernausläufer der Finanzkrise allemal. So hat die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in einer Umfrage unter 4000 vornehmlich kleineren Mittelständlern herausgefunden, dass 75 Prozent befürchten, die Finanzkrise könne auf die Realwirtschaft überschwappen, und dass 30 Prozent bereits gemerkt haben, dass es schwieriger ist, Kredite zu bekommen.
„Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht“, meint Carl von der Goltz, Chef von Maturus Finance, einer bankenunabhängigen Finanzierungsgesellschaft in Hamburg. „Es kommt noch immer zu Ausfällen bei den Banken. Ausbaden muss das dann der kleine Mittelstand, weniger der große, denn da tun sich die Banken schwerer, den fallen zu lassen, weil meist noch andere Banken drinstecken.“
Hinzu kommt, dass die Institute die gegenwärtige angespannte Situation nutzen, um ihre Kundenkartei zu bereinigen. „Die Banken kündigen, sobald sie können, Kredite – auch wenn sich in den Unternehmen keine Probleme abzeichnen, weil sie sich anders aufstellen wollen“, sagt Wolf-Dietrich Fugger, Vorstand der Firma EquityNet in Köln, die auf die Kapitalbeschaffung für mittelständische Unternehmen spezialisiert ist. Die Grenzfälle, die im vergangenen Jahr noch Chancen gehabt hätten, gingen nun leer aus, finanziell gut ausgestattete Unternehmen bekämen leichter einen Kredit. „In der Summe ist das Kreditvolumen der Banken damit nicht geringer“, sagt er. „Es verteilt sich nur anders.“
Auf den Kapitalmärkten sieht es für den Mittelstand nicht viel besser als auf dem Kreditmarkt aus. „Der Markt liegt seit Beginn der Subprime-Krise danieder“, sagt Michael Auracher, Mezzanine-Experte bei der Bank HSBC-Trinkaus in Düsseldorf. „Das fehlende Vertrauen und der Zwang, durch Marktbewertungen Bewertungsverluste aufzudecken, haben den Verbriefungsmarkt austrocknen lassen.“ Mezzanine-Finanzierung wie stille Beteiligungen, handelbare Genussscheine oder Wandel- und Optionsanleihen gelten als Zwitterform zwischen Eigen- und Fremdkapital und bieten den Vorteil, dass die Banken die Mittel als Eigenkapital werten.
Allerdings sieht HSBC-Trinkaus-Experte Auracher Licht am Ende des Tunnels: „Die Gesamtsituation ist noch immer nicht optimal, aber wir müssen jetzt in den Markt gehen, um für die Investoren wie für den Mittelstand ein Signal zu setzen, das standardisiertes Mezzanine-Kapital noch existiert.“ Es wäre bedauerlich, wenn dieser Finanzierungsweg für mittelständische Unternehmen nicht mehr existieren würde.
HSBC-Trinkaus hat sich deshalb mit der Capital Efficiency Group aus dem schweizerischen Zug zusammengetan, um eine Mezzanine-Finanzierung aufzulegen. Das Portfolio besteht aus 60 mittelständischen Unternehmen und umfasst ein Volumen von rund 250 Millionen Euro. Die Platzierung soll Anfang Juli abgeschlossen sein.
Jürgen Schafstein, Vorstandsvorsitzender des Elektrowerkzeug- und Armaturenherstellers Brüder Mannesmann in Remscheid bei Düsseldorf, wartet schon seit Herbst auf ein neues Mezzanine-Programm und hat daher Investitionen auf Eis legen müssen. „Der Einsatz verbriefter Kreditprodukte muss erst mal wieder ans Laufen kommen“, meint er, „durch die Subprime-Krise lassen sich solche Produkte bei den Investoren schlecht vermitteln.“ Dabei hält er das Mezzanine-Kapital für eine ideale Finanzierungsmöglichkeit. „Das Geld wird in der Regel bei einem Festzins auf sieben Jahre vergeben, sodass man seine Investitionen langfristig planen kann“, sagt er. Die Banken bündeln das Mezzanine-Kapital für die Unternehmen und reichen es über den Verbriefungsmarkt an die Investoren weiter. Gerade die aber fehlten in den vergangenen Monaten.
„Das Vertrauen muss wieder her“, meint Schafstein, der nun auf die Mezzanine-Transaktion von HSBC-Trinkaus und Capital Efficiency Group hofft, an dem er sich mit seinem Unternehmen beteiligt. Brüder Mannesmann hat noch selbstständige Tochtergesellschaften, in die Schafstein gern Mezzanine-Kapital investieren würde. Zwar war die Prozedur, die er durchlaufen musste, komplex. Schafstein musste eine mehrstufige Prüfung bestehen, von der Ratingagentur über die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bis zum bankinternen Kreditausschuss, um an der Mezzanine-Finanzierung teilnehmen zu dürfen, hält den Aufwand aber für gerechtfertigt.













