Verbandschef Otto Lindner: „Viele Hoteliers arbeiten bis zur Selbstaufgabe“

Verbandschef Otto Lindner: „Viele Hoteliers arbeiten bis zur Selbstaufgabe“

, aktualisiert 11. Oktober 2016, 11:24 Uhr
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Mehr als 436 Millionen Übernachtungen zählten die deutschen Hoteliers im Jahr 2015.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Eigentlich steht die deutsche Hotelbranche gut da. Trotzdem kämpfen viele familiengeführte Häuser ums Überleben. Otto Lindner, Vorsitzender des Hotelverbands, erklärt im Gespräch die Gründe für die Konsolidierungswelle.

DüsseldorfSeit Juni 2016 ist Otto Lindner Vorsitzender des Hotelverbands Deutschland (IHA). Dort ist er schon seit vielen Jahren im Vorstand aktiv. Der 54-jährige Düsseldorfer führt in zweiter Generation die Lindner Hotels mit 33 Häusern.

Herr Lindner, der Deutschlandtourismus erlebt einen Boom. Viele ausländische Touristen wie Chinesen und Araber kommen hierher. Aber auch die Deutschen urlauben wieder gerne im Inland – nicht zuletzt wegen der Terrorgefahr am Mittelmeer. Inwieweit profitieren die deutschen Hotels vom Gästeansturm?
Der deutschen Hotellerie geht es gut. Sie steht deutlich besser da als zur Finanzkrise 2009. Die Zahl der Übernachtungen ist 2015 um drei Prozent auf 436,4 Millionen erneut gestiegen. In diesem Jahr dürfte die Branche einen Umsatz von rund 27 Milliarden Euro machen. Im Krisenjahr 2009 waren es gerade mal 19 Milliarden Euro.

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Ist auch die Zahl der Beschäftigten gestiegen?
Unsere Branche hat in den vergangenen Jahren rund 30.000 neue Arbeitsplätze geschaffen und in Milliardenhöhe investiert. Hotellerie und Gastronomie sind enorm wichtige Arbeitgeber. Sie beschäftigen unmittelbar 1,4 Millionen Menschen, das sind doppelt so viele wie in der Automobilindustrie arbeiten. Allerdings wird noch nicht in ausreichendem Maße gewürdigt, was Hotels fürs Bruttosozialprodukt und die Wirtschaft in Deutschland leisten.

Trotzdem geht es längst nicht allen Hotels gut. Nicht wenige wirtschaften am Existenzminimum. Woran liegt das?
Etwa 85 Prozent der deutschen Hotels sind Kleinstbetriebe, die privat geführt sind. Ihr Problem: Den meisten fehlt ein klares Profil, um genügend Gäste locken und auskömmliche Zimmerpreise verlangen zu können. Viele Familien arbeiten bis zur Selbstaufgabe, weil sie enorm unter Konkurrenzdruck stehen. Und die Kinder wollen den Betrieb dann oft nicht übernehmen, weil sie nicht wie ihre Eltern 16 Stunden sieben Tage die Woche im Betrieb stehen wollen.

Wer macht den kleinen Familienbetrieben das Überleben so schwer?
Die internationale Kettenhotellerie beschränkt sich längst nicht mehr auf Metropolen und Top-Lagen. Die großen Ketten expandieren auch immer mehr in B- und C-Lagen und machen dort den kleinen privat geführten Hotels Konkurrenz. In der Branche ist eine beispiellose Konsolidierungswelle im Gange. Die kleinen Familienbetriebe drohen, unter die Räder zu kommen.

Welche privat geführten Hotels können sich gegen die internationalen Ketten noch behaupten?
Es gibt starke Nischenanbieter wie zum Beispiel den familiengeführten Bayerischen Hof in München. Mittelständische Hotelgesellschaften wie Althoff, Lindner, Maritim oder Motel One, die ein unverwechselbares Profil in ihrer jeweiligen Kategorie haben, können ebenfalls gut mithalten.


„Wir unterliegen nicht mehr dem Diktat der Portale“

Ein Ärgernis, unter dem alle Hotels gleichermaßen gelitten haben, waren die Bestpreisklauseln der Buchungsportale. Die hat das Bundeskartellamt inzwischen gekippt.
Viele nutzen unser Geschäftsmodell, um an uns Geld zu verdienen. Unser Hotelverband hat maßgeblichen Anteil daran, dass das Bundeskartellamt die Bestpreisklauseln gerichtsfest gekippt hat. Das ist ein riesiger Erfolg für die ganze Branche! Online-Reisebüros wie HRS und Booking haben über lange Jahre von Hotels verlangt, dass sie dem Portal immer den besten Preis geben müssen. Doch damit wurde die Marktwirtschaft völlig ausgehebelt.

Was hat sich seit dem Verbot der Bestpreisklauseln für die Hotels verändert?
Das ist ein riesiger Befreiungsschlag, weil wir nicht mehr dem Diktat dieser Portale unterliegen. Booking und HRS nehmen 15 Prozent des Zimmerpreises – und auch gerne noch mehr. Das Geschäftsmodell der Portale an sich darf man nicht verteufeln. Es bringt Hotels zusätzliche Buchungen, doch es schafft auch Abhängigkeiten. Es kommt halt auf die richtige Mischung an.

Wie sieht die Mischung denn bei den Lindner Hotels aus?
Die Hälfte der Buchungen kommt über externe Portale herein, die andere Hälfte über unsere eigene Homepage. Nirgendwo bekommen sie das Zimmer günstiger als direkt bei uns. Das ist bei den meisten Hotels inzwischen so. Und das verstehen immer mehr Gäste.

Die Bestpreisklauseln sind gekippt. Nun ärgern sich viele Hoteliers über die geplante Novelle des Pauschalreisegesetzes. Was konkret stört Sie?
Brüsseler Bürokraten haben sich ausgedacht, jede Übernachtung mit Nebenleistungen wie einem Wellness-Paket den Richtlinien einer Pauschalreise zu unterwerfen. Das würde für eine simple Übernachtung mit Massage eine Flut vorvertraglicher Informationspflichten, Sicherungsleistungen etc. auslösen. Ein irrsinniger bürokratischer Aufwand. Das geht völlig an der Realität – und auch einem wohl verstandenen Verbraucherschutz - vorbei.

Allerorten werden neue Hotels gebaut. Schließlich gelten in Zeiten der Niedrigstzinsen Immobilien als gute Anlage. Fördert das nicht mittelfristig Überkapazitäten in der Branche?
Schon heute gibt es Überkapazitäten auf dem deutschen Hotelmarkt. Doch der Investmentmarkt ist derzeit überflutet mit Geld. Ich sehe mit Sorge, dass heute viele riskante Hotelprojekte finanziert werden, die ich nicht nachvollziehen kann. Auf der anderen Seite beobachte ich mit Sorge, dass viele Hotelbetreiber Pachtverträge unterschreiben, die aus meiner Sicht kaufmännisch keinen Sinn machen.

Herr Lindner, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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