Morgan-Stanley-Deutschland-Chef Dirk Notheis: "Fahrt im Grenzbereich"

Morgan-Stanley-Deutschland-Chef Dirk Notheis: "Fahrt im Grenzbereich"

von Reinhold Böhmer

Dirk Notheis, Deutschland-Chef der US-Bank Morgan Stanley, über Regulierung und neue Gier, die Exzesse bei Porsche und Schaeffler sowie die Zukunft der Landesbanken und der Bahn.

WirtschaftsWoche: Herr Notheis, auf dem G20-Gipfel in Pittsburgh vor gut einer Woche wurden neue Leitlinien für die Bankenregulierung beschlossen, ohne dass sich die Regierungen auf gemeinsame harte Vorgaben einigen konnten. Ist damit die Gefahr für neue Finanzkrisen gemindert?

Notheis: Keineswegs. Wir brauchen aber etwas Geduld für die Definition eines neuen global gültigen Regelwerks. Die Auswirkungen jeder Regelung müssen sehr detailliert analysiert und abgewogen werden. Sorgfalt geht hier vor Geschwindigkeit. Es hat Jahre gebraucht, um die Liquiditätsblase aufzupumpen und Regelungslücken auszunutzen, dies ist nicht über Nacht zu heilen.

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Wird die geplante verschärfte Anwendung der Eigenkapitalvorschriften für Banken, wie sie im sogenannten Basel-II-Regelwerk stehen, nicht eine Kreditklemme heraufbeschwören, die am Ende der Staat auflösen muss – entweder indem er als Bank einspringt oder sich an Banken als Geldgeber beteiligt?

Es gilt auch hier der alte Grundsatz: Bedenke das Ende. Wir dürfen bei den neuen Eigenkapitalregeln nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und den Banken den notwendigen Sauerstoff nehmen, ihrer wichtigen Aufgabe der Kreditversorgung der Wirtschaft nachzukommen. Ein Ansatz wären daher Eigenkapitalanforderungen, die sich stärker an den jeweiligen Finanzprodukten und Risiken orientieren.

Eines der großen Streitthemen über die Ursachen der Finanzkrise sind die Boni, also die Zusatzvergütungen, die Banker für erfolgreiche, aber riskante Deals bekommen. Was halten Sie von den bisherigen Versuchen, Exzessen einen gewissen Riegel vorzuschieben?

Es gibt für mich überhaupt keinen Zweifel, dass die Vergütungsstrukturen unserer Branche einer Anpassung bedurften. In unserem Hause ist das bereits im vergangenen Jahr geschehen. Das ist eine kathartische, also eine reinigende Entwicklung, die ich begrüße. Die Boni für Kollegen in leitenden Positionen werden bei uns zu über 50 Prozent in Aktien bezahlt, über die die Betroffenen schrittweise und erst nach fünf Jahren verfügen dürfen. Den Rest erhalten sie in Cash...

...50 Prozent von viel Geld bar auf die Hand, da bleibt einem Zocker immer noch ein schöner Batzen, wenn sich der Deal wenig später als Flop erweist.

Deshalb gibt es bei uns seit der Pleite der ehemaligen US-Investmentbank Lehman Brothers auch für den Baranteil der Boni zu weiten Teilen eine Rückholklausel. Das heißt, das Geld wird auf ein Sperrkonto überwiesen. Wer sich in den nächsten drei Jahren nicht im Interesse des Unternehmens und der Kunden verhält, bekommt nichts. Es gehört ein für alle Mal der Vergangenheit an, dass ein Händler mit hohem Risiko und Milliarden spekuliert, um seinen Bonus zu erhöhen, und wenn es schiefgeht, er dann zwar seinen Job verliert, sich mit den kurz zuvor verdienten Millionen aber in den Ruhestand verabschiedet.

Das war bei Ihnen also möglich?

Das ist sicher ein Extremfall, aber durchaus branchenweit zu beobachten gewesen.

Zu den risikoreichen Geschäften zählt auch der Eigenhandel der Banken mit Wertpapieren. Wie finden Sie es, dass viele in Ihrer Branche das Geschäft gerade wieder massiv hochfahren?

Wir gehören nicht dazu. Wir haben den Eigenhandel im Gegenteil stark reduziert. Unser Ansatz ist konservativ, und es macht uns nichts aus, dass andere Häuser im letzten Quartal im Eigenhandel schon wieder sehr viel Geld verdient haben...

 ...also weitermachen wie vor der Finanzkrise?

Es steht mir nicht an, über Dritte zu urteilen. Ich bin aber tief davon überzeugt, dass sich unser Haus klug und lernfähig aus dieser Krise herausentwickelt hat. Wir haben unseren Fremdkapitalanteil und damit unser Risiko deutlich zurückgefahren. Wir sind außerdem mit der Gründung des Joint Ventures Morgan Stanley Smith Barney zum größten Vermögensverwalter der Welt aufgestiegen. Über 20.000 Kollegen betreuen nunmehr im Vertrieb vermögende Privatkunden, vornehmlich in den USA, Großbritannien und Asien, künftig aber auch verstärkt in Kontinentaleuropa. Das ist ein hochsolides Geschäft mit geringem Eigenkapitalbedarf und guten Renditen. Die dadurch generierten Spareinlagen und Kundengelder werden uns langfristig auch ein erhebliches Maß an Unabhängigkeit von der reinen Refinanzierung durch den Kapitalmarkt bescheren.

Und das wollen Sie durchhalten, während die anderen wieder das Zocken anfangen?

Der Markt beginnt zu verstehen, dass unser künftiges Geschäftsmodell sehr nachhaltig sein wird.

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