
Es war für Strobel nur ein kleiner Schritt zurück von Schnittke – und er war mittendrin in der russischen Filmmusik. Jeder Cineast kennt „Alexander Nevsky“, Sergei Eisensteins Agitationsstreifen aus dem Jahre 1938: ein schlecht erhaltener Tonfilm, gedreht mit den ästhetischen Mitteln des Stummfilms. Und jeder Musikfreund kennt „Alexander Nevsky“, Prokofievs siebensätzige Kantate für Mezzosopran, Chor und Orchesterstück: Musik voller Inbrunst und Pathos. Allein der Partiturenschatz der Filmmusik lagerte unbesehen im russischen Glinka-Museum – bis Strobel ihn nach 65 Jahren hob.
Strobel restaurierte den Film und die Musik, nahm das gegenüber der Kantate fast doppelt so lange Stück auf – und brachte das verloren gegangene Filmmusikwerk im Berliner Konzerthaus zur Uraufführung: als Kinoevent mit Orchester. Wie nebenbei leistete Strobel dabei einen wichtigen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte: Prokofiev hat die Filmpartitur viel durchsichtiger angelegt als seine Kantate, auf den Schlusschoral verzichtet – und auf die Bratschen, was die Musik seltsam hohl klingen lässt. Es ist, als habe Prokofiev Kritik am stalinistisch verordneten Pathos üben wollen.
„Bewegte Bilder machen die Musik drahtiger“, sagt Strobel, „sie verleihen ihr eine Dynamik, die mich so manche Partitur in neuem Licht sehen lässt.“ Etwa die des „Rosenkavaliers“. Richard Strauss komponierte die Oper 1911, anderthalb Jahrzehnte später nahm Robert Wiene die Verfilmung in Angriff. Strauss selbst half damals mit, die Instrumentalfassung der Oper zu erarbeiten. Am 10. Januar 1926 feierte der Stummfilm Premiere an der Dresdner Semperoper.
Rehabilitation des Filmkonzerts
Drei Jahre später aber war der „Rosenkavalier“-Film vergessen. In den USA war die Tonspur erfunden worden; sie machte kurzen Prozess mit dem Stummfilm – und mit der Kunstform des Filmkonzerts. Der Tod traf das blühende Genre unverhofft. Allein Berlin zählte Mitte der Zwanzigerjahre 30 Lichtspielhäuser, die Orchester mit 50 Musikern unterhielten. Lag keine Filmmusik vor, griffen die Musiker auf ein archiviertes Reservoir auskomponierter Themen zurück („Verfolgungsjagd“, „Sturm“, „erster Kuss“) – und hangelten sich anhand von Modulationstabellen von Szene zu Szene. „Ich weiß nicht, wie viele Orchester dazu heute in der Lage wären“, sagt Strobel.
80 Jahre nach der Premiere des „Rosenkavaliers“ hat er das Filmkonzert 2006 in der Dresdner Semperoper rehabilitiert – und dabei erneut ein wichtiges Kapitel der Rezeptionsgeschichte aufgeschlagen: „Der Film gibt uns viel schnellere Tempi vor als die Oper“, sagt Strobel, „dadurch scheint das Licht der Moderne hinter der romantischen Musik viel schärfer auf.“
Hugo von Hofmannsthal, Strauss’ kongenialer Librettist, hat diese Moderne, den Verlust der Einheit von Natur und Kunst, Körper und Seele, Vernunft und Empfindung, früh erfasst: „Mein Fall ist in Kürze dieser“, schrieb er 1902: „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken...“ Hofmannsthal spürte, dass die Ordnung der Welt in drei Teile zerbrach: in die materielle Welt des zivilisatorischen Fortschritts, der Wissenschaft und Technik, die positivistisch ins Innerste und Äußerste vordrang; in die politisch-institutionelle Welt einer zugleich gottlos und global gewordenen Menschheit, die vor der Aufgabe stand, ihr eigener Herr zu werden – und in eine künstlerische Welt des Zweifels am Projekt der Aufklärung, in der man mit existenzieller Poesie, literarischer Lebensführung und bewusstseinserweiternden Denkabenteuern das utopische Erbe der Romantik retten wollte.
Dass man diesem Erbe heute auch wieder im Filmkonzert begegnen kann, ist das Verdienst von Frank Strobel. Seinen nächsten „Rosenkavalier“ gibt’s am 25. Oktober im Berliner Konzerthaus.











