Musik: Großes Kino: Stummfilm-Konzerte neu entdeckt

Musik: Großes Kino: Stummfilm-Konzerte neu entdeckt

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Stummfilm "Metropolis", Orchester der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Dirigent Strobel in Shanghai

Der „Rosenkavalier“ auf Leinwand, „Metropolis“ mit Neuer Musik – Frank Strobel lässt mit Stummfilm-Konzerten die Zwanzigerjahre hochleben.

Es ist schnell still geworden um den Stummfilm – vielleicht weil es sich beim Stummfilm um die einzige künstlerische Ausdrucksform handelt, die nicht der ästhetisch-schöpferischen Evolution zum Opfer fiel, sondern dem technischen Fortschritt. Seinen kurzen Auftritt auf der Weltbühne hatte der Stummfilm in den Jahren 1910 bis 1929. Die Tonspur war sein Tod.

Es gibt so viele Zeugnisse aus jener Zeit, die uns noch heute zu erschüttern vermögen. Im Konzertsaal hören wir, wie die Musik ihren Halt verlor, die verrutschten Harmonien Gustav Mahlers, die entgleiste Tonalität Arnold Schönbergs. Im Museum sehen wir, wie die Menschen ihrer Umwelt entrückten, die Farbenfuriosi Emil Noldes, die hohlen Selbstbildnisse Max Beckmanns. In Büchern lesen wir, wie die Moderne uns die Ruhe raubte, irrlichternde Figuren im „Dickicht der Städte“, heimatlose Gestalten in „Berlin Alexanderplatz“. Nur im Kino war die größte allgemeine Verunsicherung der Menschheitsgeschichte und die rauschhafte Diesseitsparty, die ihr folgte, die fiebrige Dekadenz und der lebenshungrige Nihilismus der Zwanzigerjahre, lange Zeit nicht zu besichtigen. Dachten wir an Stummfilm, dachten wir an tonlose Schwarz-Weiß-Bilder – und nicht an eine farbenfrohe Welt aus den Fugen.

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Frank Strobel hat sich damit nie abfinden können. Sein Vater war Professor für Kommunikationswissenschaften, seine Mutter Filmjournalistin; die beiden betrieben ein Programmkino in München, in dem der kleine Frank sich täglich Filme vorspielte – bevor er auf den Schoß seiner Oma, einer Pianistin, krabbelte, um Bach und Chopin zu lernen. Aus ihm selbst ist auf diese Weise so etwas wie die Summe seiner Vorfahren geworden: ein Dirigent mit Faible für Filmmusik und einer doppelten Mission. Einerseits sucht Strobel die Filmmusik aus der Soundtrack-Falle zu befreien und zu einem seriösen Bestandteil des Konzertbetriebs zu machen; andererseits lässt er den Stummfilm und seine Musik in einer Art historischen Aufführungspraxis wieder auferstehen: als Dirigent von Filmkonzerten, live vor Leinwand und Orchester – und vor 2.000 Zuschauern.

Die Filmmusik-Konzerte sind Strobels Brot-und-Butter-Geschäft. Das Opernhaus in Sydney ist dreimal ausverkauft, wenn er mit Melodien von Bernard Herrmann („Vertigo“, „Psycho“), Jerry Goldsmith („Basic Instinct“) und James Newton Howard („The Sixth Sense“) zur „Crime Time“ lädt. Rund 30 dieser Konzerte dirigiert Strobel im Jahr – und er beharrt darauf, dass sie ihn nicht unterfordern, im Gegenteil: „Man muss den Tönen nur die Bilder rauben – schon klingen sie ambitioniert.“

Die Stummfilm-Konzertbranche boomt

Umgekehrt gilt das Gleiche. Kinobesucher, sagt Strobel, ertragen Dissonanzen leicht, ja genießen sie sogar als spannungsvoll – während Konzertbesucher dieselben Dissonanzen zum Anlass nehmen, türeschlagend den Saal zu verlassen. Die zweieinhalbstündige Filmmusik, die der Berliner Komponist Bernd Schultheis 2001 für Fritz Langs „Metropolis“ schrieb, sei „absolut avantgardistisch“, sagt Strobel. Bei einer Live-Aufführung des Filmkonzerts in Hamburg seien dennoch alle bis zuletzt gebannt gewesen von der Kraft des Filmes – und der Musik. „Die Ohren sind offener, wenn die Augen was zu sehen bekommen“, sagt Strobel, und: „Man kann das Publikum durch die Hintertür mit Klängen vertraut machen, denen es sich unter anderen Umständen nicht aussetzen würde.“

Strobel ist mit diesen Klängen groß geworden. Im Alter von 17 Jahren gab er sein Operndebüt – als Dirigent der „Flammen“ von Franz Schreker. Seine Liebe gehörte schon damals der Musik der Décadence,der gebeugten Tonalität: Richard Strauss, Alexander von Zemlinsky, Ludwig Thuille, Siegfried Wagner – und Erich Wolfgang Korngold, der nicht nur die „Die tote Stadt“, sondern auch zwei Dutzend Filmmusiken komponiert hat. „Ob ich über den Film zur Musik gekommen bin oder über die Musik zum Film – schwer zu sagen“, sagt Strobel.

Manchmal schien ihn das Schicksal seiner Bestimmung entgegenzuführen – etwa als Alfred Schnittke ihm seinen Nachlass anvertraute und seine 60 Filmmusiken zur Bearbeitung empfahl. Strobel hatte sich mit dem deutsch-russischen Komponisten befreundet, während er 1992 Schnittkes Musik für den Stummfilm „Die letzten Tage von St. Petersburg“ (1927) einstudierte. Sechs Jahre später hinterließ Schnittke seinem Bewunderer 100 Stunden Filmmusik, „das Laboratorium seines Schaffens“, sagt Strobel. 14 Filmmusiken hat er zu Konzertsuiten kondensiert und auf vier preisgekrönten CDs eingespielt.

Heute sitzt Strobel ein bisschen wie die Spinne im Netz des Geschäfts mit Filmkonzerten. Die Branche boomt. In Wuppertal und Heidelberg sind Filmkonzerte Teil der Abonnementprogramme, in Osnabrück ist ein Cinematografisches Orchester entstanden, in Potsdam-Babelsberg residiert das Deutsche Filmorchester – gegründet 1918 von den UFA-Studios. Strobel war bis 1998 der Chefdirigent des Klangkörpers – bevor er 2000 die Europäische Filmphilharmonie mitbegründete, ein Verbund aus selbstverwalteten Orchestern, der Filmpakete anbietet und sich dabei von der Kopie über Aufführungsrechte und Technik bis hin zum Konzert um alles kümmert. Mehr als 50 Klassiker führt die Filmphilharmonie im Katalog, einige mit Originalmusiken neu eingerichtet, andere mit Neukompositionen versehen, darunter „Die Sinfonie der Großstadt“, „Die Nibelungen“, „Romeo und Julia“ – und „Alexander Nevsky“.

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