Musikgenuss: Die Kunst eines gelungenen Klavierabends

Musikgenuss: Die Kunst eines gelungenen Klavierabends

Bild vergrößern

Ein gutes Programm für einen Klavierabend auf die Beine zu stellen ist eine Kunst für sich

Ein gutes Programm für einen Klavierabend auf die Beine zu stellen ist eine Kunst für sich. Ein Recital muss wachsen, eine innere Logik haben und Abwechslung bieten. Es muss Spannung aufbauen, zum Hinhören zwingen, darf aber Besucher keinesfalls abhängen. Pianist Piotr Anderszewski über die Kunst eines gelungenen Klavierabends.

Ein gelungener Klavierabend muss so widersprüchlich und vielschichtig sein wie die Musik selbst. Die Humoreske von Robert Schumann und eine Sonate von Wolfgang Amadeus Mozart, eingerahmt von zwei Partiten Johann Sebastian Bachs – das kommt einem idealen Programm ziemlich nahe.

Die Musik von Johann Sebastian Bach ist so kompliziert und offen wie vielleicht sonst keine, so klar strukturiert und förmlich aufgebaut wie unendlich bloß und frei: Man kann Bach auf viele Weisen spielen, es ist nie falsch oder richtig, weil einem die Regelhaftigkeit seiner Musik schier unendlich viele Möglichkeiten an die Hand gibt. Das macht die Beschäftigung mit Bach zu einem zeitlebens währenden Vergnügen. Bei Wolfgang Amadeus Mozart, meinem Lieblingskomponisten, verhält es sich anders. Es heißt oft, seine Sonaten seien für Kinder zu leicht und für Pianisten zu schwer – ich teile diese Einschätzung nicht. Mozart ist nicht schwer zu spielen. Man kann sich zwar einige Freiheiten nehmen, aber manche Dinge verbieten sich wie von selbst. Mozart abstrakt zu spielen etwa, in seinen Noten nichts als Noten zu sehen. Mozarts Musik ist Sprechtheater: fortdauernder Dialog, ständige Diskussion, naives Fragen und zorniges Antworten, heftiges Bitten und trauriges Bescheiden, liebendes Schmachten und vergnügliches Einsehen. Wobei Mozart einen erstaunlichen Sinn für menschliche Abgründe und Absurditäten entwickelt, das Leben in all seinen Auf- und Abschwüngen kennt – und von ihm auf engstem Raum brillant zu erzählen weiß. Die vordergründige Heiterkeit darf nicht missverstanden werden. Sie ist eine Heiterkeit zweiter Ordnung, die sich der Einsicht in den unausweichlichen, oft tragischen Lauf der Dinge verdankt. Und die ihr Gegenteil, die Traurigkeit, nur zu genau kennt.

Anzeige

Viel Musik höre ich übrigens nicht. Ich nehme sie oft als Störgeräusch wahr, habe das Gefühl, dass ich meinen Kopf freihalten muss von Verunreinigungen. Ich warte, bis sich mir ein Stück wieder empfiehlt – wenn ich es etwa im Radio höre oder es aus meinem Unterbewusstsein auftaucht. Bei Stücken, die ich neu einübe, halte ich mich an die Noten und mein Instrument, das reicht. Allenfalls in der letzten Woche vor der ersten Aufführung höre ich, wie es andere Pianisten mit dem Stück gehalten haben. Das kann inspirierend sein, baut auf den letzten Metern Spannung auf, gibt mir den richtigen Kick für die Premiere.

Die beiden Pianisten, die ich bis heute am meisten bewundere, sind Sviatoslav Richter und Arturo Benedetti Michelangeli. Richter hat so ehrlich, direkt und unverkünstelt gespielt, dass ihm fast alles glänzend gelang. Sein Beethoven-Spiel ist für mich unvergleichlich. Michelangeli suchte das Unmögliche zu erreichen: Objektivität. Sein Spiel war kalkuliert und kalt als ästhetisches Programm. Ihm sind unglaubliche Momente gelungen. Sein Schumann-„Carnaval“ im London-Recital von 1957 dokumentiert das ultimativ spektakulärste Klavierspiel, das es gibt.

Ich selbst habe mich in den vergangenen Jahren viel mit Karol Szymanowski beschäftigt, einem unterschätzten Komponisten, der mir viel bedeutet. Wenn man bei Bela Bartok oder Igor Strawinsky die Noten kennt und spielt, reicht das. Bei Szymanowski aber hat man Co-Komponist zu sein, muss in dem oft aufgewühlten, chaotischen Geschehen eine Linie herausmodellieren, die sich in den Noten versteckt. Szymanowski hat eine schwierige, vielschichtige und doch sehr einladende, reich belohnende Musik geschrieben. Einsteiger sollten es mit den „Metopes“ für Klavier solo versuchen. Oder mit dem „Stabat mater“, das Sir Simon Rattle so eindringlich aufgenommen hat.

Ich selbst nehme mir für die nächste Zeit mehr von Robert Schumann vor – auch, weil ihn so viel mit Szymanowski verbindet. Seine Musik hat Schwächen. Die aber machen Schumanns Musik noch berührender. Diese lichte Empfindsamkeit, ein nach innen geleiteter Aufruhr, gegenüber dem mir das Allermeiste von Beethoven oder Schubert fast profan erscheint. Außerdem möchte ich am Wohltemperierten Klavier weiterarbeiten – obwohl es mir ein bisschen Angst macht: Das Wohltemperierte Klavier ist ganz sicher die schwierigste, komplizierteste Klaviermusik, die es gibt. Was bleibt einem danach als Pianist? Vielleicht nur noch die Möglichkeit, Karotten zu ziehen.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%