Mutmaßliches Medikamenten-Opfer: Gericht weist Pharma-Klage gegen Bayer Schering ab

Mutmaßliches Medikamenten-Opfer: Gericht weist Pharma-Klage gegen Bayer Schering ab

von Jürgen Salz

Ein Lehrer aus dem Allgäu ist seit seiner Geburt geschädigt. Jetzt wollte er klären, ob seine Missbildung mit einem früheren Schering-Medikament zusammenhängt. Die Klage wurde abgewiesen. Sein Anwalt kündigt Berufung an.

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Prozesse am laufenden Band: Patienten klagen häufiger gegen Pharma-Firmen wie Bayer wegen möglicher Schäden durch Medikamente. Im Bild das Bayer-Kreuz in Leverkusen.

Alle Schadensersatzansprüche seien inzwischen verjährt, argumentierte das Berliner Landgericht. Der Grundschullehrer Andre Sommer aus Pfronten im Allgäu hatte gegen Bayer Schering auf Akteneinsicht geklagt. Sommer wurde 1976 mit einer Blase geboren, die sich statt in seinem Bauch an dessen Außenseite befand. Schon als Kind wurde er zigmal operiert, die Ärzte legen ihm einen Harnleiter. Sommer muss ständig einen Urinbeutel tragen.

Sommers Mutter hatte das Präparat Duogynon eingenommen. Der Arzt hatte es ihr als Schwangerschaftstest verordnet. In dem Mittel sieht Sommer die Ursache für sein Leid. Er fand weitere Geschädigte, die mit Behinderungen geboren wurden – etwa einem offenen Rücken oder verkürzten Gliedmaßen. Ihre Mütter hatten jeweils  Duogynon verwendet. Der heute 34-Jährige Sommer gründete eine Initiative, baute eine Website auf. Bislang meldeten sich 280 mutmaßliche Duogynon-Opfer.

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Nur: Beweisen kann Sommer einen Zusammenhang zwischen den Missbildungen und dem Mittel nicht. Deswegen hat er gegen Bayer, das 2006 den früheren Duogynon-Hersteller Schering übernahm, auf Herausgabe der Akten geklagt. So will Sommer, der inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes ist, endlich Klarheit darüber gewinnen, ob das Unternehmen für sein Schicksal verantwortlich ist.

Anwalt wirft Bayer "gezielte Fehlinformation" vor

Bayer bestreitet einen Zusammenhang. Die Staatsanwaltschaft Berlin habe ein entsprechendes Verfahren bereits 1980 eingestellt. „Wenn Frau Sommer das Mittel noch 1975 als Schwangerschaftstest verschrieben bekam, war das von der Indikation nicht abgedeckt“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. 1981 nahm Schering das Präparat vom Markt.

Jörg Heynemann, Sommers Anwalt, wirft Bayer „gezielte Fehlinformationen“ vor. Er fragt, warum die Akten nicht offengelegt werden, wenn doch kein Zusammenhang bestehe. Und das Ermittlungsverfahren der Berliner Staatsanwaltschaft, so Heynemann, sei eingestellt worden, weil damals die Leibesfrucht noch nicht strafrechtlich geschützt war. Bayer Schering habe auch nicht erklären können, warum auf den englischen Packungen bereits 1970 ein Warnhinweis  angebracht wurde – in Deutschland jedoch nicht.

Warum erst jetzt eine Klage eingereicht wird, erklärt der Anwalt damit, dass erst in jüngster Zeit die Beweispflichten für mutmaßliche Medikamenten-Opfer gelockert wurden.  Heynemann hat jetzt angekündigt, beim Berliner Kammergericht Berufung einzulegen.

Zur Unterstützung des Geschädigten war auch die Sängerin Nina Hagen vor Gericht erschienen. „“Hoffentlich verjährt die Würde des Menschen nicht“, rief sie nach der Urteilsverkündung.    

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