
Für die letzten und gewichtigsten Worte schwang Hartmut Mehdorn seinen Oberkörper noch einmal nach vorne, die Hände auf den Tisch gestützt und das Gesicht auffallend offen zum Publikum gewandt. Er habe den Aufsichtsratsvorsitzenden „um die Auflösung seines Arbeitsvertrages gebeten“, sagt der Bahn-Chef vor Journalisten. Viele Kritiker, die seit Langem auf dessen Absturz hingearbeitet haben, dürften heute Abend eine Flasche Champagner aufmachen.
Den Grund für die Begeisterung liefert Mehdorn gleich mit: Fehler machen immer die anderen, nicht er. Weder beim Abgleich von Mitarbeiter- mit Lieferantendaten, noch bei den Rechercheaufträgen an die Detektei Networks und auch nicht beim jüngst bekannt gewordenen Filtern und Mitlesen von E-Mails habe es strafrechtliches Verschulden gegeben, so Mehdorn. Es handele „sich nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmenspolitik", warf Mehdorn seinen Kritikern vor. Er wolle zurücktreten, weil die "zerstörerischen Debatten" dem Unternehmen, dem Standort Deutschland und dem ganzen Land schadeten.
Nie ein Diplomat
Diese Selbstüberhebung hat Mehdorn letztlich zu Fall gebracht. Der Druck aus Politik und Aufsichtsratskreise muss enorm gewesen sein in den vergangenen Tagen. In der Rede zu den Bilanzzahlen des Geschäftsjahres 2008 weist Mehdorn immer wieder auf seine Verdienste hin, um sich als Macher zu präsentieren: „Im Jahr 1999, als ich zur Bahn gekommen bin, betrug der Konzernumsatz 15,6 Milliarden Euro“. Bis heute habe er ihn verdoppelt. Beim Gewinn vor Zinsen und Steuern von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2008 „lohnt wieder der Blick auf 1999“. Damals lag dieser bei 1,5 Milliarden Euro minus. Und die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg gehört zu den „wichtigsten Anliegen des Vorstands“.
Diplomat wollte Mehdorn nie werden. Auch das ist eine letzte Botschaft des noch amtierenden Bahn-Chefs. Fehler eingestehen ist nicht Mehdorns Stärke. Gleichzeitig kehrt er seine Erfolge hervor.
Mehdorns Leistung kann nicht in einem Satz zusammengefasst werden. Zu komplex ist das System Bahn, zu unterschiedlich sind die Bewertungen der einzelnen Ergebnisse von Mehdorn. Er hat aus der maroden Staatsbahn ein kapitalmarktfähiges Unternehmen geschustert, das ist eine große Leistung; gleichzeitig nutzt er die Monopolmacht im Schienennetz gnadenlos zum eigenen Konzernvorteil. Er hat die Qualität auf der Schiene mit den eingesetzten ICE-Zügen eindeutig nach oben gesetzt; gleichzeitig ist die Auslastung der ICE-Züge im internationalen Maßstab zu gering und die Preise zu hoch. Er präsentiert mehr als zwei Milliarden Euro Gewinn; gleichzeitig verschweigt er, dass die Investitionen in das Schienennetz der Steuerzahler übernimmt, die Gewinne aber im Bahnkonzern verbleiben.
Nun wird ein Nachfolger gesucht. Wie soll der eigentlich aussehen? Schon heute ist klar, dass er sich im politischen Wirrwarr der unterschiedlichsten Bahnkonzepte durchschlängeln muss. Die Gewerkschaften lehnen einen Börsengang ab und fordern mehr Staat, ebenso weite Teile der SPD. Die CDU hingegen drängt weiterhin auf einen Börsengang. Der neue Bahn-Chef muss seinen Weg der Kapitalmarktfähigkeit durchsetzen. Einfach wird das nicht.
Mehdorns Geberqualitäten, an denen sich Politiker, Kunden, ja die gesamte Republik aufgerieben haben, werden dann plötzlich wieder en vogue. Die Bahn braucht einen Chef, der anecken kann und auch entsprechende Nehmerqualitäten besitzt. Die Bahn braucht einen neuen Mehdorn, aber mit mehr Gespür für Diplomatie, Kommunikation und Selbsteinschätzung.













