Nahrungsmittel: Lebensmittelwerbung wird zum EU-Bürokratiemonster

Nahrungsmittel: Lebensmittelwerbung wird zum EU-Bürokratiemonster

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Danone-Produkte: Danone hat den Antrag für seinen überzuckerten Joghurtdrink Actimel zurückgezogen.

von Silke Wettach

Die neuen EU-Regeln zur Werbung mit der Gesundheit erweisen sich als Bürokratiemonster. Sie verwirren den Verbraucher und nutzen den großen Lebensmittelherstellern.

Für einen Marketingprofi wie Joachim Mann müsste es eigentlich ein Traumprodukt sein. Der 50-Gramm-Beutel Studentenfutter steckt voller Naturbelassenem: Weinbeeren und Mandeln, Cashewkerne und Walnüsse. „Der Fruchtzucker liefert kurzfristige Energie, die Nüsse langfristige“, erklärt der Leiter Produktmanagement beim über 160 Jahre alten Traditionsunternehmen Seeberger in Ulm. Hinzu kommen lebensnotwendige Stoffe wie Magnesium, Kalium und mehrfach ungesättigte Fettsäuren.

Doch als gesund kann der Mittelständler Seeberger, in Deutschland Marktführer bei Studentenfutter, seine Produkte bald nicht mehr verkaufen – weil die Nüsse zu viel Fett enthalten. „Über Studentenfutter könnten wir viel Positives sagen, dürfen es aber nicht“, bedauert Marketingexperte Mann.

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Auslöser für die Werbezensur in bisher ungekanntem Ausmaß ist ein EU-Gesetz mit dem sperrigen Titel „Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben für Lebensmittel“. 2006 haben es die EU-Verbraucherschutzminister, darunter auch der damalige Bundesernährungsminister Horst Seehofer (CSU), verabschiedet, um Verbraucher vor zu fantasievollen Versprechen der Nahrungsmittelhersteller zu schützen. „Der Schleier an irreführenden und zweifelhaften Behauptungen wird gelüftet“, kündigte der Ire David Byrne an, der das Gesetz als EU-Kommissar angestoßen hatte.

Gesetz baut eine bürokratische Maschinerie ungekannten Ausmaßes auf

Doch drei Jahre später ist die Politik weit von ihrem begrüßenswerten Ziel entfernt, verwirrende gesundheitsbezogene Werbung einzudämmen. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, baut das Gesetz vielmehr eine bürokratische Maschinerie ungekannten Ausmaßes auf. Davon profitiert allenfalls die Großindustrie, die die Regeln zu umgehen weiß – und dadurch nebenbei mittelständische Wettbewerber loswerden könnte.

Die Politik hat sich mit einem gewissen Größenwahn ans Werk gemacht: Das gesamte Ernährungswissen der Welt wollte sie in ein Gesetz pressen. Künftig sollen alle Werbeslogans für Nahrungsmittel verboten sein, wenn sie nicht ausdrücklich erlaubt wurden. Zum obersten Richter schwang sich die EU-Kommission in Brüssel auf. Auf ihr Geheiß hin werden Lebensmittel bald in gesund und ungesund eingeteilt, wenn sie bestimmte Höchstwerte für Zucker, Salz und Fett überschreiten. Erfüllen sie eine Vorgabe nicht, darf ein Produkt nicht mehr als gesund vermarktet werden – auch wenn es viele positive Eigenschaften aufweist.

Nicht nur, dass die vorgegebenen Werte, wann Lebensmittel gesund und nicht gesund sind, höchst umstritten sind. „Die Zahlen sind politisch motiviert, nicht wissenschaftlich“, empört sich die Europaabgeordnete Renate Sommer (CDU).

Auch die Bürokratie hinter der Verordnung ist geeignet, allen voran Mittelständler in die Verzweiflung zu treiben. Um allem einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen, hat die Kommission die Kontrollarbeit an die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) im italienischen Parma ausgelagert, wo Lebensmittelfachleute derzeit die Werbeslogans europäischer Unternehmen, im Brüsseler Jargon „Health Claims“, vergeben.

So prüfen Experten etwa, ob sich wissenschaftlich untermauern lässt, dass das jahrtausendealte Gewürz Basilikum Harn treibt (nein) oder das ebenso bekannte Eisen die kognitive Entwicklung von Kleinkindern fördert (ja).

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