Nahrungsmittelkrise: "Biosprit verdrängt den klassischen Getreideanbau"

Nahrungsmittelkrise: "Biosprit verdrängt den klassischen Getreideanbau"

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Hans Heinrich Driftmann

von Konrad Handschuch und Christian Ramthun

DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann über die Auswirkungen von Biosprit auf die Nahrungsmittelpreise und drohende Hungersnöte.

WirtschaftsWoche: Herr Driftmann, als geschäftsführender Gesellschafter der Köllnflockenwerke kennen Sie die Agrarmärkte aus dem Effeff. Welche Auswirkungen hat der Aufschwung von Ökosprit?

Driftmann: Wir bekommen in Deutschland so gut wie keinen Hafer mehr. Unser Getreide müssen wir jetzt teuer aus dem Ausland beziehen. Das sind die Folgen des Bioenergiebooms, der den klassischen Anbau verdrängt. Auch deshalb steigen die Nahrungsmittelpreise. Für uns in Deutschland ist das allenfalls ärgerlich, wir können uns die Brötchen trotzdem leisten. Aber was sich in vielen anderen Ländern der Welt abspielt, ist dramatisch.

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Wie dramatisch?

Ich befürchte, in spätestens drei Jahren könnten wir eine globale Hungerkatastrophe erleben. Die Tortillakrise 2007/08 war nur ein Vorspiel. Der aktuelle Umsturz in Nordafrika hat viele Gründe, aber ein Auslöser waren die steigenden Nahrungsmittelpreise. Europa droht der Ansturm von Millionen Hungerflüchtlingen und sollte sich darauf vorbereiten.

Wie können wir gegensteuern?

Wir müssen unsere Bioenergiesubventionen dringend hinterfragen und gegebenenfalls stoppen. Solange die Ernährung der Welt nicht gesichert ist, dürfen wir Agrarflächen nicht für andere Zwecke verwenden, auch nicht zur Energiegewinnung. Die Sicherung der weltweiten Ernährung ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit. Ansonsten bekommen auch die Wohlstandsländer Probleme.

Welche Hilfe sollten wir jetzt den Ländern in Nordafrika anbieten?

Eine dauerhafte Demokratisierung kann es dort nur geben, wenn die Wirtschaft auf die Beine kommt und Arbeitsplätze geschaffen werden. Dazu muss Europa den Anrainern südlich des Mittelmeeres die Hand reichen.

Ein Marshall-Plan für den Maghreb?

Ich denke nicht an Spenden. Wir sollten aber Darlehen zur Entwicklung dieser Länder gewähren, die diese später zum Beispiel mit Öl zurückzahlen können. Und der DIHK wird gemeinsam mit den Auslandshandelskammern, wenn die Unruhen vorüber sind, deutsche Unternehmen ermuntern, in arabischen Ländern zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen.

Derzeit lassen die Unruhen vor allem den Ölpreis steigen. Kann das unseren Konjunkturaufschwung stoppen?

Der Ölpreisanstieg ist nicht von langer Dauer. Sobald sich die Lage im Maghreb beruhigt, wird sich auch der Ölmarkt wieder normalisieren. Außerdem bereiten sich genügend andere Förderländer darauf vor, den Ausfall zu kompensieren. Unsere Konjunktur ist so robust, dass der aktuell hohe Ölpreis nur zu einer kleinen Delle führen wird. Die Wirtschaft wird 2011 trotzdem um drei Prozent wachsen. Und die Unternehmen stellen weiterhin Arbeitskräfte ein. Allein die mittelständische Wirtschaft dürfte in diesem Jahr 250 000 zusätzliche Stellen schaffen, bei den Großunternehmen rechnen wir mit 50 000 neuen Jobs, sodass wir auf 300 000 mehr Beschäftigte kommen. Das gibt eine Rekorderwerbstätigkeit.

Woher kommt die plötzliche Nachfrage nach Arbeitskräften, nachdem wir uns schon mit dem Phänomen des Jobless growth abgefunden hatten?

Wir Unternehmer sehen, dass der Nachwuchs knapp wird. Also sichern wir uns unsere Arbeitskräfte und stellen eher mehr als zu wenig Personal ein.

Haben Sie keine Angst mehr wegen des Kündigungsschutzes?

Unternehmen nutzen die bestehenden Befristungsmöglichkeiten, um neue Mitarbeiter zu testen, das erleichtert die Neueinstellungen.

Trotzdem boomt bei uns die Leiharbeit. Warum?

Zeitarbeit ermöglicht gerade im Aufschwung nach der Krise Flexibilität. Sicherlich gibt es auch Unternehmen, die überdurchschnittlich viele Zeitarbeiter beschäftigen. Wegen des künftigen Arbeitskräftemangels halte ich den Höhepunkt bei der Zeitarbeit aber für erreicht und bin sicher, dass sie perspektivisch zurückgehen wird. Da braucht die Politik nicht zu intervenieren, das regelt schon bald der Markt.

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