Nestlé: Pizza statt Probiotik

KommentarNestlé: Pizza statt Probiotik

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Eine Mitarbeiterin kontrolliert bereits verpackte Pizzen. Nestlé kaufte kürzlich die Tiefkühlpizza-Sparte von kraft Foods und machte dadurch sein Image "Good Food, Good Life" unglaubwürdig.

von Mario Brück

Lange waren Lebensmittel mit vermeintlichem Zusatznutzen für die Gesundheit ein Verkaufsgarant. Nun werden die Werbeversprechen kritisch geprüft und prompt setzt Nestlé auf die ungesunde, heißgeliebte Tiefkühlpizza. Ein Zufall?

So richtig nachvollziehen konnte ich den Hype um diese funktionalen Lebensmittel, diese probiotischen Joghurts, die die Abwehrkäfte stärken, die ACE-Vitamindrinks, die gegen Krebs vorbeugen und die Margarinen, die den Cholesterinspiegel senken sollen, noch nie. Vielleicht auch deshalb, weil es noch keine Antifalten-Marmeladen, Bauchweg-Biere oder Haarwuchs-Bonbons gibt.

Kaum eine dieser Zusatzfunktionen ist bewiesen, das meiste ist Marketing- und Werbe-Firlefanz. Functional Food bewege sich im Spannungsbogen von Pharmazie und Scharlatanerie, sagt ein Unternehmensberater. Recht hat er!

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Der einzig bewiesene Zusatznutzen lässt sich in den Bilanzen von Nestlè, Danone oder Unilever ablesen: die verdienen sich dumm und dusselig.

So kostet Cholesterin senkende Margarine drei bis zwölfmal mehr als normale Vollfett-Margarine, ein probiotischer Joghurt schnell doppelt so viel wie ein herkömmlicher Fruchtjoghurt. Nestlè konnte den Umsatz mit den gepimpten Herta-Würsten und Nestlè-Cornflakes zwischen 2004 und 2007 jedes Jahr um über 20 Prozent steigern. Buitoni-Nudeln, Thomy-Senf und Knusperflocken, die einfach nur schmecken oder satt machen, dümpelten im gleichen Zeitraum nur bei einem Zuwachs von schlappen sechs Prozent.

Lebensmittel halten ihre Versprechen nicht

Ob nun aber die Behauptungen der Hersteller stimmen, dass Omega 3-Fettsäuren wirklich die Hirnleistung steigern oder Danones Activia-Joghurt für guten und geregelten Stuhlgang sorgt, dass überprüft derzeit die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit in Brüssel.

Auslöser für Werbezensuren in bisher ungekanntem Ausmaß ist ein EU-Gesetz mit dem sperrigen Titel "Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben für Lebensmittel". 2006 haben es die EU-Verbraucherschutzminister verabschiedet, um Verbraucher vor allzu fantasievollen Versprechen der Nahrungsmittelhersteller zu schützen.

Nun werden auch die Verbraucher skeptischer, die Zahl derjenigen, die einmal und dann nie wieder zu den vermeintlichen Wunderprodukten greifen, steigt. Behindernde Behörden, abtrünnige Verbraucher: Es hagelt Dämpfer für die Branche mit ihren aufgemotzten Lebensmitteln.

Nachdem es viele Jahre hoch her ging, heißt es jetzt: Vorsicht vor allzu viel Euphorie. Ist das der Anfang vom Ende der designten Lebensmittel?

Nestlé setzt auf Pizza

Einer ahnt, dass sich da Ungemach zusammenbraut. Und reagiert: Paul Bulcke, Chef des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers Nestlè, dem selbst erklärten Gralshüter für gesunde Ernährung (Slogan: Good food, good life), kaufte vor Wochenfrist seinem Konkurrenten Kraft Foods das nordamerikanische Tiefkühlpizza-Geschäft ab und wurde damit über Nacht zum Fast-Food-Weltmeister.

Ja, ganz genau: Tiefkühlpizza! Haben doch fetttriefende Tombstone Original Extra Cheese-Pizza und Knusper Fitness-Müsli soviel gemeinsam wie die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach mit dem Horst-Wessel-Lied. Der gefrorene Italo-Fladen ist nun wirklich über jeden Verdacht erhaben, zu den funktionalen, neuen Lebensmitteln zu gehören, die uns vor Husten, Demenz oder Fettleibigkeit schützen.

Im Trend sind Pizzen trotzdem und Geld verdienen lässt sich damit auch. Die wachsende Zahl von Singlehaushalten und die Nachfrage nach einer schnellen, preiswerten Mahlzeit lassen den Markt seit Jahren wachsen. Allein in Deutschland stieg der Pizzaabsatz von 133 000 Tonnen in 1998 auf 246 000 in 2008 – ein Plus von satten 80 Prozent.

Recht so, Herr Bulcke! Pizza statt Probiotik! Wenn ich krank bin, dann gehe ich zu Doc Morris, und nicht zu Professor Danone. Oder braue mir einen Hustensaft aus Zwiebeln und Kandiszucker. Der schmeckt zwar fürchterlich, hilft aber und ist billiger.

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