Neue Abhör-Affäre: Telekom: Wir haben mitgehört

Neue Abhör-Affäre: Telekom: Wir haben mitgehört

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Der frühere Telekomchef Ron Sommer: Keine Stellungnahme zur Abhöraktion im Dezember 1996

Der Deutschen Telekom droht eine der größten Affären ihrer Geschichte. Frühere Topmanager stehen im Verdacht, Mitte der Neunzigerjahre in 121 Fällen vermeintliche Hacker illegal abgehört zu haben. Das damalige Bundespostministerium erfuhr davon, deckte aber den Mantel des Schweigens über den Vorfall.

Der Vermerk trägt das Kürzel „Interne FmÜ/Dez. 96“. Die elf eng beschriebenen Seiten wimmeln nur so vor Abkürzungen, Telekommunikationskauderwelsch und Juristendeutsch – keine Lektüre für Nicht-Fachleute.

Für die wurde die spröde Prosa auch nicht verfasst. Die Aufzeichnungen, die der WirtschaftsWoche zusammen mit umfangreichen Unterlagen vorliegen, stammen aus dem Innersten der Deutschen Telekom. Die Dokumente belegen, dass der einstige Staatskonzern in seiner 16-jährigen Geschichte zu weit mehr imstande war als bisher angenommen: zum möglichen Gesetzesverstoß und Verfassungsbruch, zur Selbstjustiz und zur Vertuschung. Und zu allem, das legen einschlägige Schriftstücke nah, drückte das damalige Bundesministerium für Post und Telekommunikation ein Auge zu, damit niemand in der Öffentlichkeit etwas von der Angelegenheit erfuhr.

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Insgesamt 121 Telefonate, so der Vorwurf, der sich aus den vorliegenden Unterlagen ergibt, soll die Deutsche Telekom Mitte der Neunzigerjahre abgehört haben, ohne eine richterliche Anordnung, geschweige denn selbst die Befugnis dazu besessen zu haben. Die Aktion trug den Tarnnamen „Bunny“ und lief im Dezember 1996. Gedacht war sie offenbar als Akt der Selbstjustiz, um vermeintliche Hacker ausfindig zu machen, die in dieser Zeit das Festnetz der Telekom angeblich anzugreifen drohten.

„Angesichts eines nach damaliger Einschätzung unmittelbar drohenden schwersten Eingriffs in die Rechnersysteme der Telekom hielt man wegen der besonderen Eilbedürftigkeit eigene Maßnahmen zur Gefahrenabwehr für unerlässlich“, bestätigt die Telekom in einer Stellungnahme. „So sollen mit Verweis auf den übergesetzlichen Notstand auch Telefonate von einer oder mehreren als Hacker dringend verdächtigen Personen mitgeschnitten worden sein.“

Unmittelbar beteiligt an der Abhöraktion war, so die vorliegenden Unterlagen, offenbar der damalige Telekom-Vorstand für Technik und Dienste, Hagen Hultzsch. Für die anschließende Vertuschung der Affäre sorgte anscheinend sein damaliger Vorstandskollege Heinz Klinkhammer, verantwortlich für Personal und Recht. Wie tief Telekom-Chef Ron Sommer verstrickt war, ist offen. Sicher ist nur, dass spätestens im Sommer 1997 auch die Bundesregierung von dem Fall wusste und Sommer deswegen angeschrieben hatte.

Kriminalstück in drei Akten

Ex-Telekom-Technikvorstand Hultzsch erklärte gegenüber der WirtschaftsWoche, ihm sei die Bezeichnung „Bunny“, so wörtlich „nicht bekannt“, sie „wurde während meiner Dienstzeit bei der Deutsche Telekom nach meiner Erinnerung in meiner Gegenwart nie verwendet“. Da die Vorfälle bereits zwölf Jahre zurücklägen, seien ihm Details „naturgemäß derzeit nicht präsent“ . Sommer und Klinkhammer waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar oder wollten keine Stellungnahme abgeben.

Die Abhörmaßnahmen, die sich aus den Unterlagen ergeben, gehen weit hinaus über die unlängst bekannt gewordenen Schnüffeleien der Telekom aus den Jahren 2005 und 2006 gegenüber Journalisten, die interne Papiere des Unternehmens erlangt und daraus zitiert hatten.

„Offenbar ist hier Aufklärung mit Mitteln erfolgt, die nur dem Staat zustehen“, sagt der ehemalige Bundesinnenminister und Rechtsanwalt Gerhart Baum (FDP), dem die WirtschaftsWoche die Dokumente vorlegte. „Und der Vorgang ist hinterher zum Nachteil der Betroffenen vertuscht worden.“ Für ihn ähnele diese Vorgehensweise sehr der Grundeinstellung der Verantwortlichen 2005 bis 2006, gegen die zur Zeit die Staatsananwaltschaft ermittelt.

Aus heutiger Sicht wirkt die Affäre vor knapp zwölf Jahren wie ein Kriminalstück in drei Akten mit fast tragikomischen Zügen. Erst schreiten die Akteure, wie es scheint, wider Gesetz und Einwände forsch zur Tat. Sodann wird die Untat verdreht, beschönigt und vertuscht. Schließlich deckt der Staat nach etwas Wortgetöse den Mantel des Schweigens darüber. Die Hauptrollen des Stücks geben

Hagen Hultzsch

, allem Anschein nach als der Anstifter: Im Vorstand der Telekom war es für das Ressort Technik und Dienste zuständig und nicht als Draufgänger bekannt. Er kümmerte sich vorwiegend um Innovationen im Internet und galt als Multimedia-Visionär, der „auch schon mal über den Wolken schwebt“, wie ihn ein ehemaliger Vorstandskollege beschreibt. In seinen Verantwortungsbereich fiel auch das Zentrum für Netzsicherheit in Darmstadt, das insbesondere Hackerangriffe abwehren soll. Heinz Klinkhammer, für den außenstehenden Betrachter der Vertuscher: Der DGB hatte das IG-Metall-Mitglied im Februar 1996 als neuen Vorstand für Personal und Recht durchgedrückt. Bis zu seinem Ausscheiden galt der Mann mit dem struppigen Vollbart als verlängerter Arm der SPD im Konzernvorstand und stand immer wieder wegen zu hoher Personalkosten in der Kritik. In seine Zuständigkeit fiel die Konzernsicherheit. Jürgen Haag, der Mann fürs Grobe: Der studierte Nachrichtentechniker gehört zum Urgestein der Telekom und war schon in den Achtzigerjahren bei der Digitalisierung des Festnetzes und dem Aufbau des Mobilfunknetzes D1 dabei. Mitte der Neunzigerjahre stieg er zum Leiter des Zentrums für Netzsicherheit auf. Den Hackern des Chaos Computer Clubs stellte er sich bei seinem Antrittsbesuch als „armer Schwachstrom-Ingenieur, normaler Mensch mit Vornamen Jürgen“ vor.

Dezember 1996, in der Telekom-Zentrale in Bonn liegen die Nerven blank. Seit Wochen tauchen immer wieder Hinweise auf, dass Hacker das Hitnet, das zentrale, konzerninterne Datennetz der Telekom, ins Visier genommen haben. Womöglich befürchteten die Telekom-Oberen einen Angriff auf das Herz des Konzerns. Spezialisten der Telekom sind sicher, einige Verdächtige identifiziert zu haben, die sich vor allem nachts an den Rechnern des Konzerns zu schaffen machten. Wenn schnell gehandelt würde, so hofft das zuständige Zentrum für Netzsicherheit in Darmstadt, ließen sich die Störenfriede finden.

Ausgestattet mit diesen Informationen treffen sich am Abend des 11. Dezember 1996 Technik-Vorstand Hultzsch, Chefjustitiar Gottfried Herbig, der Leiter des konzerneigenen Zentrums für Netzsicherheit, Jürgen Haag, sowie einige andere Mitarbeiter zu einer Krisensitzung. Ausweislich eines nachträglich verfassten Ablaufprotokolls mit dem Vermerk „Vertraulich“ wies Hultzsch Netzsicherheitschef Haag an, die Aktion „Bunny“ anlaufen zu lassen. Im Klartext: Die Verdächtigten sollten abgehört werden.

Einige Teilnehmer der Krisensitzung empfehlen jedoch die Einhaltung des gesetzliche vorgeschriebenen Weges, wollen also die Staatsanwaltschaft einschalten, um einen richterlichen Abhörbeschluss zu erwirken. Da verweist Hultzsch auf Chefjustitiar Herbig. Der habe das eigenmächtige Eingreifen abgesegnet, heißt es in einem nachträglich erstellten Ablaufprotokoll, weil Notwehr nach Paragraph 32 des Strafgesetzbuches erlaubt sei. Eine Deutung, die sich später als höchst strittig erweisen wird. Herbig war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme hierzu nicht zu erreichen.

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