Neue Deutsche Welle: Der Praktiker vom Millerntor

Neue Deutsche Welle: Der Praktiker vom Millerntor

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Der Vorsitzende der Monopolkommission, Justus Haucap, auf einer Pressekonferenz in Berlin.

von Bert Losse

Justus Haucap bekämpft Monopole, hasst abstrakte Ökonomie und liebt den FC St. Pauli. An der Universität Düsseldorf baut er jetzt ein Zentrum für Wettbewerbsökonomie auf.

Das Gebäude 23.31 der Universität Düsseldorf zählt nicht wirklich zu den architektonischen Schmuckstücken der Stadt. Der Bau wirkt schäbig, die Gänge sind düster, das Treppenhaus ist in Graugelb gestrichen. Trotzdem hat das Gebäude seit einigen Monaten einen prominenten neuen Bewohner: Justus Haucap, Professor für Volkswirtschaftslehre (VWL) und versehen mit einem ambitionierten Sonderauftrag. Der 40-Jährige soll an der Uni, die bisher nur Betriebswirte ausbildet, einen leistungsstarken VWL-Fachbereich aufbauen und das Haus zur deutschlandweit ersten Adresse für Wettbewerbstheorie und -politik machen.

Noch sitzt Haucap in einem Büro zwischen unausgepackten Kartons, doch nur einen Steinwurf entfernt wächst das „Oeconomicum“ in den Himmel, ein dreistöckiger Glasbau, der ab Oktober das „Institute for Competition Economics“ (DICE) beheimaten soll, dessen Gründungsdirektor Haucap ist. Die finanziellen Mittel, rund 40 Millionen Euro, hat eine Düsseldorfer Unternehmerfamilie gespendet. Fünf neue Professoren und rund 20 wissenschaftliche Mitarbeiter sollen hier lehren und forschen – und vorerst nur rund 30 junge Leute ausbilden. Haucap: „Wir wollen es klein und fein halten. Eine bessere Betreuung werden Studenten nirgendwo in Deutschland finden.“

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Karriere im Eiltempo

Der Standort für das „Kompetenzzentrum Wettbewerb“ (Haucap) ist gut gewählt. In Düsseldorf ballt sich die deutsche Kartellrechtsszene, weil beim dortigen Oberlandesgericht die Kartellverfahren gebündelt werden. Im nahen Bonn residieren Kartellamt und Bundesnetzagentur, auch die Konzernzentralen der Stromriesen E.On (Düsseldorf) und RWE (Essen) sowie der Post (Bonn) liegen vor der Tür.

Aber auch der Chef ist gut gewählt. Haucap zählt zu einer neuen Generation unkonventioneller und praxisorientierter Ökonomen, die liberal denken, aber ideologische Theorieschlachten ablehnen. Der im niedersächsischen Quakenbrück geborene Ökonom hat eine Karriere im Eiltempo hingelegt. Nach VWL-Studium und Promotion in Saarbrücken sowie einem Studienaufenthalt beim US-Nobelpreisträger Oliver Williamson in Berkeley zieht es ihn ans andere Ende der Welt, genauer: ins Finanzministerium von Neuseeland, damals ein Mekka für marktwirtschaftliche Reformen. Haucap ist für wettbewerbspolitische Grundsatzfragen verantwortlich; in dieser Zeit entdeckt er „die überragende Bedeutung funktionierenden Wettbewerbs für Wachstum und Wohlstand“. Nach zwei Jahren kehrt er nach Deutschland zurück, habilitiert über „Wettbewerb, Regulierung und Institutionen“. Es folgen Professuren in Bochum, Erlangen – und nun in Düsseldorf.

Jüngstes Mitglied der Monopolkomission aller Zeiten

Schon 2006 hat ihn der Bundespräsident in die Monopolkommission berufen, ein einflussreiches Gremium, das die Bundesregierung in wettbewerbspolitischen Fragen berät. Er ist dort das jüngste wissenschaftliche Mitglied aller Zeiten – und seit Juli 2008 sogar der Vorsitzende. Früher hatten Alphatiere der Zunft wie Carl Christian von Weizsäcker oder Martin Hellwig den Job inne. Jetzt steht ein jungenhafter und unprätentiöser 40-Jähriger an der Spitze, der Krawatten hasst und auf dessen Laptoptasche das Totenkopf-Emblem des FC St. Pauli prangt.

„Ich bin sicher nicht der beste Formaltheoretiker“, sagt Haucap über sich selbst. Wo sich andere Ökonomen in mathematischen Modellen verlieren, versucht Haucap ökonomisches Denken zu erden. Er ist Vertreter der Institutionenökonomik, die sich vom neoklassischen Modell des Homo oeconomicus löst. Sie berücksichtigt, dass sich Menschen nicht immer rational verhalten, dass es Marktungleichgewichte, asymmetrische Informationen und Transaktionskostenprobleme gibt.

Das DICE soll denn auch keine Grundlagenforschung betreiben, sondern konkrete Märkte analysieren – etwa mit Experimenten und ökonometrischen Arbeiten. Neben dem Telekommunikations- und Energiemarkt will Haucap auch das Gesundheitswesen beackern. Jüngst etwa geißelte er den fehlenden Wettbewerb bei Apotheken. Daraufhin erreichte ihn eine Flut von E-Mails empörter Apotheker – „teilweise in einem Niveau, das ich bei Akademikern nicht für möglich gehalten hätte“.

Schon bald dürften neue Schmäh-Mails kommen: Mitte Juli wird Haucap das neue Hauptgutachten der Monopolkommission präsentieren.

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