
Handelsblatt: Herr Venohr, wie groß ist das Spektrum der deutschen Weltmarktführer?
Bernd Venohr: In meiner Datenbank sind 1500 Unternehmen erfasst, über die Hälfte davon hat es ins "Lexikon der deutschen Weltmarktführer" geschafft, die meisten stammen aus dem industriellen Mittelstand. Die Bandbreite reicht vom Zwei-Mann-Betrieb Windpilot, der Windsteueranlagen für Segelboote herstellt, bis zu Volkswagen, Europas größtem Autobauer. Ich vermute, dass es zusätzlich mehr als 1000 Mikro-Weltmarktführer gibt. Weil sie oft Kleinstnischen bedienen, ist das ganz schwer zu erfassen.
Warum kommen fast drei Viertel der Spitzenunternehmen aus den drei Bundesländern Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern?
Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg werden die technische Hochschulausbildung und der Technologietransfer von der Politik seit vielen Jahren sehr stark gefördert. Im Südwesten, wo es die größte Dichte an Weltmarktführern gibt, schaffen es dann die Firmen, mit fortwährenden Innovationen an der Weltspitze zu bleiben und sich immer wieder neu zu erfinden - auch dank sehr gut ausgebildeter Ingenieure und enger Kooperation mit Hochschulen.
In den Toppositionen bei deutschen Weltmarktführern finden sich viele Ingenieure und Naturwissenschaftler. Ist die demografische Entwicklung in diesem Zusammenhang ein Problem?
Ja, mittelfristig. Demografie ist ein harter Faktor, das ist für viele Firmen eine große Herausforderung. Bisher konnten sie sich auf das regionale Umfeld verlassen. Diese Pools sind zunehmend ausgeschöpft und man muss die Fangnetze breiter auslegen. Hier ist bei vielen Unternehmen ein Umdenken nötig: Sie dürfen sich nicht mehr verstecken und abwarten, bis sich geeignete Bewerber melden, sondern müssen aktiv Personalmarketing betreiben, deutschlandweit und zunehmend auch international. Da sehe ich starken Nachholbedarf.
Weshalb gelingt es China so schnell, Weltmarktführer aufzubauen und den historischen Rückstand auf Deutschland aufzuholen?
Staatliche Förderung ist dabei wichtig. Der rasche Aufstieg der chinesischen Wirtschaft ist eine Konsequenz des freien Warenaustausches und hat für einige betroffene Unternehmen natürlich auch Kehrseiten. Ein Beispiel: Die chinesische Solarindustrie ist in wenigen Jahren Weltmarktführer geworden und hat die deutschen Firmen abgehängt. Die Ausrüstung der Fabriken kommt von deutschen Maschinenbauern.
Wären bei einer Neuauflage im Jahr 2020 die gleichen Unternehmen in dem Lexikon vertreten?
Nein. Auch Weltmarktführer können pleite gehen oder werden übernommen. Meine 25-jährige Praxiserfahrung zeigt mir, dass im Erfolg auch ein hohes Risiko liegt. Die Verantwortlichen werden arrogant, selbstzufrieden, schlimmstenfalls sogar größenwahnsinnig. Langfristig erfolgreiche Unternehmen stellen ihr Geschäftsmodell deshalb immer wieder rechtzeitig auf den Prüfstand, entwickeln sich weiter und sind offen für Impulse von außen.
Bernd Venohr ist Unternehmensberater aus München. Im von ihm und Florian Langenscheidt herausgegebenen "Lexikon der deutschen Weltmarktführer" werden Spitzenunternehmen porträtiert - von A wie A.+E. Ungricht, einem Hersteller von Walzengravuren für Druckwalzen, bis Z wie Zwilling J.A. Henckels, vor allem als Produzent von Messern bekannt. Das Buch wird heute in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall vorgestellt, zum Auftakt des 1. Deutschen Kongresses der Weltmarktführer. Um in das Lexikon aufgenommen zu werden, müssen Unternehmen weltweit zu den Top 3 in einer bestimmten Branche zählen.
Bibliografie:
Lexikon der deutschen Weltmarktführer
Dr. Florian Langenscheidt und Prof. Dr. Bernd Venohr (Hg.)
Deutsche Standards, Köln 2010
697 Seiten, 79 Euro













