WirtschaftsWoche: Herr Stuber, Sie empfehlen Unternehmen und Städten, Vielfalt als Chance zu begreifen. Was konkret meinen Sie damit?Michael Stuber: Eine Reihe von Indikatoren zeigt, dass minderheiten-freundliche Unternehmen und Städte erfolgreicher sind. Ich meine das vor allem auch ökonomisch. Je besser Schwule und Lesben, Migranten, Frauen oder ältere Arbeitnehmer und Bürger integriert sind, desto erfolgreicher ist das ganze System. Warum? Bei Unternehmen ist das einfach zu erklären. Eine minderheiten-freundliche Kultur, wir nennen das Diversity, hat einen internen Loyalitäts- und Produktivitätsvorteil. Die Mitarbeiter arbeiten gern für ihr Unternehmen, sie sind deshalb produktiver und seltener krank. Unternehmen mit gut funktionierenden schwul-lesbischen Gruppen oder Frauen-Netzwerken etwa haben einen erheblichen Rekrutierungsvorteil. Hochqualifizierte kommen nicht zuletzt wegen solcher Netzwerke überhaupt erst in Kontakt mit den Unternehmen. Und natürlich hat ein minderheiten-freundliches Unternehmen ein besseres Image in der Öffentlichkeit. Beim Kampf um Talente kann das ausschlaggebend sein. Unterschiedlichkeit ist also ein Erfolgsfaktor? Ja, und er wird immer wichtiger. Die Welt da draußen ist vielfältig. Wenn 15 Mitarbeiter einer Marketingabteilung, womöglich alle von der gleichen Uni, eine Kampagne entwickeln, kann da nur etwas Langweiliges herauskommen. Sie brauchen die Vielfalt der Leute, die unterschiedlichen Lebenshintergründe. Das klingt nach einem romantischen Heile-Welt-Ideal. Keineswegs. Bei Diversity geht es nicht darum, Vielfalt zu feiern. Es geht darum, gezielt Neugierde zu kultivieren, um Innovationen und Kreativität zu fördern. Und was bringt Diversity den Städten ökonomisch? Loyale Bürger zahlen ihre Steuern und geben ihr Geld bevorzugt in ihrer Heimatstadt aus. Man darf das nicht unterschätzen. Für eine Stadt ist es wichtig, dass die Bürger ihre Stadt gerne mit finanzieren. Natürlich ist eine offene, kreative Atmosphäre auch ein Standortvorteil im Werben um Gründer oder ausländische Unternehmen. Dennoch ist eine konsequente minderheiten-freundliche Kultur immer noch nicht weit verbreitet. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Unternehmen es sich leisten können, diese Potenziale ungenutzt zu lassen. Es gibt nicht mehr als zwei Dutzend Unternehmen in Deutschland, die das Konzept Diversity fundiert umsetzen. Aber immerhin, es werden langsam mehr.
„Neugierde kultivieren“: Die ökonomischen Vorteile der Unterschiedlichkeit
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