Nutzfahrzeuge: Die Aufholjagd der Lkw-Hersteller

Nutzfahrzeuge: Die Aufholjagd der Lkw-Hersteller

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Daimler-Werk im badischen Wörth: Umweltauflagen kosten die Hersteller Milliarden

von Martin Seiwert

Die Lkw-Branche könnte schon 2012 wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen. Doch ihr Gesicht wird sich völlig verändern.

Der Fahrer nähert sich dem Lastwagen, die Tür der Kabine gleitet geräuschlos zur Seite. Er legt seine rechte Hand auf ein Display am Armaturenbrett, die Hand wird gescannt, der Laster springt an. Auf den ersten Kilometern lenkt der Fahrer seinen aerodynamischen, silbern glänzenden Brummi noch eigenhändig über kurvige Straßen. Doch später, auf der Autobahn, reiht er ihn bei Tempo 90 zwischen andere Lkws ein und geht auf „Auto Driving Mode“. Die Lehne kippt nach hinten und der Fahrer richtet sich für ein Nickerchen ein. Es reicht, wenn er in ein paar Stunden wieder aufwacht, um den Laster manuell von der Autobahn zu steuern.

Noch gibt es dieses süße Trucker-Leben nur in einer Designstudie von Volvo namens „Vision 2020“. Ob schon in zehn Jahren Lkws selbststeuernd über deutsche Autobahnen brausen, darf bezweifelt werden. Fest steht jedoch: Die Branche, die sich in der kommenden Woche zur Nutzfahrzeug-Messe IAA in Hannover trifft, wird sich nach der schlimmsten Krise ihrer Geschichte völlig verändern:

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Chinesische Wettbewerber machen Platzhirschen wie Volvo oder Daimler das Leben schwer.In Europa werden durch den anstehenden Zusammenschluss von MAN, Scania und VW Nutzfahrzeuge die Karten neu gemischt. Volkswagen schafft im Oktober ein Vorstandsressort Nutzfahrzeuge, unter dessen Regie MAN und Scania – an beiden ist VW maßgeblich beteiligt – zur Zusammenarbeit gebracht werden sollen.Die Lkw-Hersteller sind zu einem Spagat gezwungen: Umweltauflagen und Effizienzstreben der Speditionen machen Lkws in reifen Märkten immer mehr zu teuren High-Tech-Produkten, während in Schwellenländern simple Billiglaster gefragt sind.Nicht zuletzt werden sich die Hersteller immer weniger mit dem Verkauf von Lkws begnügen, sondern zunehmend auch als Vermieter von Lkws auftreten, um höhere Erträge zu erzielen.

Zurzeit boomt es wieder: „Die Lkw-Branche in Europa kann schon 2012 oder 2013 wieder die Absatzzahlen des Jahres 2008 erreichen“, sagt Jörg Gnamm, Partner und Nutzfahrzeugexperte bei der Beratung Bain & Company. „Aber die Branche wird sich dann grundlegend verändert haben.“

Auch wenn die Verkaufzahlen der Lkw-Hersteller in Europa und den USA im ersten Halbjahr 2010 um knapp zehn Prozent zulegten, sind sie noch weit vom Boomjahr 2008 entfernt. Der Fall im vergangenen Jahr war einfach zu tief. Weltweit stürzte die Produktion um gut ein Drittel von 2,6 auf 1,7 Millionen Lkws. War die Krise so bedrohlich, dass die Lkw-Hersteller illegale Preisabsprachen trafen? Wie vergangene Woche bekannt wurde, ermitteln britische Kartellwächter gegen Daimler, MAN, Scania und Volvo.

Nach roten Zahlen 2009, so die Beratung McKinsey, wird die Lkw-Industrie in fünf Jahren schon wieder einen jährlichen Gewinn von insgesamt bis zu sieben Milliarden Euro einfahren. Ein Selbstläufer wird die Erholung indes nicht. Die Geschäftsmodelle der Hersteller geraten durch Wettbewerber aus China und Umweltauflagen unter Druck.

2010 wird jedes zweite Nutzfahrzeug in China abgesetzt, schätzt das Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen. Das bedeutet, dass in China mehr als 6,7 Millionen Nutzfahrzeuge verkauft werden und damit rund 25-mal so viele wie in Deutschland. Auch wenn darunter viele kleinere Nutzfahrzeuge sind und die Fahrzeuge zu geringeren Preisen als in Europa gehandelt werden: China ist die führende Lkw-Großmacht, sowohl bei der Nachfrage als auch beim Angebot.

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