Ölmulti BP: Neue Probleme für den angeschlagenen Energieriesen

Ölmulti BP: Neue Probleme für den angeschlagenen Energieriesen

von Yvonne Esterházy

Der britische Ölmulti BP kommt nicht zur Ruhe. Ein Streit mit den russischen Aktionären der Tochtergesellschaft TNK-BP könnte die Versuche des neuen BP-Vorstandschefs Bob Dudley, den angeschlagenen Energieriesen wieder auf Wachstumskurs zu bringen, bremsen.

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Die Bohrinsel Deepwater Horizon ist unter gegeangen - die BP-Spitze kämpft nun darum, dass das mit dem Ölmulti nicht auch passiert. Das Unternehmen verneint weiterhin allein die Verantwortung für die Ölkatastrophe zu tragen. (Foto: US Coast Guard, File/AP/dapd)

Der drittgrößte Energieriese der Welt - nach Exxon Mobile und Royal Dutch Shell - hat erstmals in seiner Firmengeschichte in einem vollen Geschäftsjahr Verlust gemacht. Unter dem Strich stand für 2010 ein Minus von 4,9 Milliarden US-Dollar. Grund ist die größte Ölpest der Vereinigten Staaten, die finanziellen Folgeschäden der Katastrophe vom 20. April vergangenen Jahres, bei der elf Menschen ums Leben gekommen waren und anschließend 87 Tage mehrere Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko ausgelaufen waren, werden BP noch viele Jahre belasten. Nach ersten US-Schätzungen flossen bis zur Verschließung des Lecks im Juli insgesamt 780 Millionen Liter Öl ins Meer – eine Schätzung die laut BP allerdings viel zu hoch gegriffen sein soll.

Im vierten Quartal sei die Öl- und Gasproduktion um neun Prozent zum Vorjahr gefallen, teilte BP mit. Trotzdem hat der Konzern den Gewinn im vierten Quartal dank des höheren Ölpreises gesteigert. Der sogenannte Nettogewinn vor Bestandswertveränderungen stieg auf 4,61 Milliarden Dollar von 3,44 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal. Erstmals seit der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko will BP für das abgelaufene Vierteljahr wieder eine Dividende an die Aktionäre ausschütten - in Höhe von sieben Cent je Papier. Wegen der zunächst unabsehbaren Kosten nach dem Untergang der Ölplattform „Deepwater Horizon“ hatte BP die Zahlung vergangenen Sommer ausgesetzt.

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60 Prozent der Verluste sind schon wettgemacht

Bis zur Veröffentlichung der Quartalszahlen im November 2010 hatte BP rund acht Milliarden Dollar für die Schließung des Lecks und die Säuberungsaktionen im Golf von Mexiko gezahlt. Das US-Justizministerium prüft noch ob es strafrechtlich gegen den Konzern vorgehen wird und hat im Dezember gegen BP und acht andere Unternehmen eine Zivilklage im US-Bundesstaat New Orleans eingereicht, ohne dabei allerdings einen Höhe der angestrebten Straf- und Entschädigungszahlungen zu nennen, die sich auf mehrere zehn Milliarden Dollar belaufen könnten. Der Energieriese hatte sich unter dem Druck der US-Regierung im Juni bereits verpflichtet, für die Entschädigung der Opfer der Ölpest einen Fonds im Volumen von insgesamt 20 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen – unklar ist, ob das ausreichen wird, um alle Ansprüche zu befriedigen.

Zur Finanzierung der Schäden hatte BP seine Dividendenzahlungen für die ersten drei Quartale von 2010 ausgesetzt und ein umfangreiches Programm in Höhe von 30 Milliarden Dollar zur Veräußerung von nicht zum Kerngeschäft zählenden Geschäftsbereichen begonnen. Bisher hat der britische Multi durch diverse Verkäufe in den USA, Argentinien, Kolumbien, Pakistan und Vietnam bereits 21 Milliarden Dollar realisieren können. Der Aktienkurs, der sich als Folge der Explosion der Deepwater Horizon fast halbiert hatte, hat inzwischen 60 Prozent seiner Verluste wieder wettmachen können. Dies allerdings vor allem deshalb, weil die Anleger darauf setzen, dass Dudley für das vierte Quartal die Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen ankündigen wird. Dem Vernehmen nach könnten sieben Cent pro Aktie und Quartal ausgeschüttet werden, das wäre zwar nur die Hälfte der Ausschüttung von 14 Cents für das vierte Quartal 2009, hätte aber Signalwirkung für die britischen Pensionsfonds, die die BP-Aktie in der Vergangenheit vor allem als sicheren Dividendenbringer in ihren Portfolios hielten.

Eine Kooperation soll es richten

Nun allerdings stehen Dudleys Dividendenpläne in Frage. Denn die russischen Aktionäre des Joint Ventures TNK-BP rebellieren gegen den angekündigten Aktientauschs der Muttergesellschaft BP mit dem russischen Staatskonzern Rosneft. Sie haben vor einem Londoner Gericht gegen den Rosneft-Deal geklagt und wollen die BP-Dividende für das vierte Quartal blockieren. Allein für das vierte Quartal 2010 wollte TNK-BP rund 1,8 Milliarden US-Dollar ausschütten, die Hälfte soll an BP fließen und war damit zum Teil auch zur Finanzierung der Dividende der Konzernmutter vorgesehen. TNK-BP gehört zur Hälfte BP und zur Hälfte der Gesellschaft Alfa-Access-Renova (AAR), die die Interessen russischer Milliardäre vertritt. Die russische Aktionärsgruppe argumentiert, die strategische Allianz der beiden Großkonzerne Rosneft und BP verstoße gegen Vereinbarungen zwischen BP und TNK-BP, die besagen, dass der britische Multi Expansionspläne in Russland nur mittels seines Joint Ventures realisieren dürfe und neue Öl- und Gasprojekte in Russland dem Verwaltungsrat des Gemeinschaftsunternehmens vorlegen müsse. Dort sitzt übrigens Altbundeskanzler Gerhard Schröder, der sich bisher nicht öffentlich zu dem Streit äußern wollte sowie der geschasste ehemalige BP-Chef Tony Hayward.

Rosneft und BP wollen künftig bei der Ölförderung in der Arktis kooperieren. BP erhofft sich davon neue Wachstumsmöglichkeiten, da seine Chancen, nach der Deepwater-Horizon-Explosion von der US-Regierung neue Bohrlizenzen im Golf von Mexiko zu erhalten, nicht gut stehen. Allerdings hat der britische Multi schon seit langem Ärger mit seiner russischenTochter: jahrelang tobte zwischen BP und AAR ein heftiger Streit um die Kontrolle von TNK-BP. Ironischer Weise war es just Robert Dudley, damals Chef des Joint Ventures, der diesen Posten 2008 unter dem Druck der AAR verlassen musste, weil er aus Russland ausgewiesen wurde.

Der Amerikaner Dudley der im Oktober offiziell die Führung von BP übernahm, hat seither eine neue Abteilung zur Verbesserung der Sicherheitsstandards geschaffen, den ehemaligen Chef Explorationssparte Andy Inglis gefeuert und dessen alten Bereich umstrukturiert. Dennoch hat BP stets bestritten die alleinige Verantwortung für das Unglück vom 20. April zu tragen und will seine Partner Transocean und Halliburton mithaftbar machen. Am Finanzplatz London wartet man darauf, dass Dudley erläutern wird, welche strategische Richtung der Konzern unter seiner Führung einschlagen wird. Die Allianz mit Rosneft dürfte dabei eine Schlüsselstellung einnehmen. Sie schützt die Briten vor einer feindlichen Übernahme durch einen Rivalen und verschafft BP Zugang zu neuen Öl- und Gasreserven - könnte also einen gewissen Ausgleich für die USA darstellen, die bis zur Explosion der Deepwater Horizon der wichtigste Wachstumsmarkt des Konzerns war. „Das Geschäft mit den Russen signalisiert, es ist business as usual, lasst uns nach vorne schauen“, so Christine Tiscareno, Ölanalystin bei der Ratingagentur Standard & Poor’s in London. Ob es wirklich so ist, werden ab morgen die Londoner Richter entscheiden. 

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