Online-Gleichbehandlung: Hat Google die Webgemeinde verraten?

KommentarOnline-Gleichbehandlung: Hat Google die Webgemeinde verraten?

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Google macht eine Kehrtwendung: Der Suchmaschinenbetreiber hat sich mit dem US-Mobilfunker auf eine Durchleitungsgebühr für das mobile Internet geeinigt- und so seine bisherigen Prinzipien der Gleichbehandlung aller Nutzer verraten.

von Thomas Stölzel

Der Suchmaschinenkonzern Google und der US-Mobilfunker Verizon haben sich darauf geeinigt, dass Netzbetreiber künftig bestimmte Inhalte im mobilen Internet schneller durchleiten dürfen. Es ist ein Deal mit Folgen, meint WirtschaftsWoche-Redakteur Thomas Stölzel.

Der kalifornische Internetriese Google und die amerikanische Vodafone-Tochter Verizon haben sich gestern in auf die Schaffung eines Zweiklassen-Internets geeinigt. Dieser Muster-Deal war ein Schock für die Webgemeinde. Hatte sich der Suchmaschinenkonzern doch bisher als lautester Verteidiger der Gleichbehandlung im Internet präsentiert, als Anwalt der sogenannten Netzneutralität. Bisher galt in den meisten Ländern ein ungeschriebener Grundsatz: Netzbetreiber und Internetprovider leiten alle Inhalte, ob Video oder E-Mail, mit gleicher Priorität und Geschwindigkeit zum Nutzer leiten sollen. Wagniskapitalgeber und Internet-Startups sehen dieses Prinzip als einen der wichtigsten Garanten für eine hohe Innovationskraft und Vielfalt im Netz.

Den Telekommunikationskonzernen jedoch ist diese Gleichbehandlung seit Jahren ein Dorn im Auge. Sie wollen lukrative Webunternehmen wie Google am liebsten zur Kasse bitten, wenn diese Inhalte mit großem Datenvolumen wie etwa Videos schnell zum Nutzer leiten wollen. Wer nicht zahlt, bekommt dank moderner Netzmanagementtechnologie nur Kriechgeschwindigkeit. Die jetzt geschlossene Einigung von Google und Verizon, in der beide Konzerne den Grundsatz für Netzneutralität beiseite wischen, gilt zwar nur für das derzeit oft überlastete mobile Internet, auf das Nutzer von ihrem Handy oder einem Tabletrechner wie dem iPad zugreifen. Im klassischen Breitbandinternet zu Hause soll weiterhin Gleichbehandlung herrschen. Doch die Auswirkungen des Mobil-Deals könnten mittelfristig auch diese Bastion bersten lassen.

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Gebühr bedroht finanzschwache Internet-Startups

Ein mobiles Internet, für das die Regeln der Netzneutralität nicht gelten, mag heute für viele noch verkraftbar erscheinen. Schließlich greift unterwegs nur eine Minderheit vom Handy aufs Web zu - trotz iPhone, Blackberry und Android-Smartphones. Doch mobiles und stationäres Internet werden in den nächsten Jahren miteinander verschmelzen. Wir werden überhaupt nicht mehr wissen, ob wir gerade einen Mobilfunkzugang oder einen festnetzbasierten Wlan-Hotspot nutzen – Internet ist Internet.

Und was ist mit all den kleinen Startups? Gerade im mobilen Internet ist derzeit auch in Europa eine Gründermentalität vorhanden, die es zuletzt vor zehn Jahren in Zeiten der New Economy gegeben hat. Diese jungen Unternehmen sind chronisch finanzschwach und dürften sich in vielen Fällen neue Gebühren kaum leisten können. Weil der Mobilfunknetzbetreiber dem Deal zufolge Dienste beliebig drosseln darf, hat er es jederzeit in der Hand, welches Angebot überlebt und welches nicht. Welcher Wagniskapitalgeber, der ein Startup finanziert, will ein solches Risiko eingehen? Zudem besteht die Gefahr, dass Netzbetreiber konkurrierende Angebote wie die Internettelefonie über das Mobilfunknetz gezielt ausbremsen.

Google gibt seine Anwalts-Rolle auf

Es ist nun Aufgabe amerikanischer und europäischer Politiker, mit klaren Regeln für Netzneutralität auch im mobilen Web einzustehen, wenn sie die von Google und Verizon vorgeschlagenen Regeln für allgemein verbindlich erklären sollen. Denn auf den Anwalt Google kann sich die Netzgemeinde nun nicht mehr stützen. Der Konzern hat seine Prinzipien verraten und die eigenen Interessen klar vor die der Allgemeinheit gestellt. Das ist zwar für die Web-Gemeinde bedauerlich - doch einem auf Gewinn ausgerichteten Unternehmen kann man daraus keinen Strick drehen. Indem der Riese sich mit dem Netzbetreiber verbündet, sichert er sich die bevorzugte Behandlung seiner Inhalte im mobilen Web.

Die Zeit jedenfalls drängt, denn bei dem einen Deal wird es kaum bleiben. Google und Vodafone werden die Einigung so schnell wie möglich auch auf andere Vodafone-Mobilfunktöchter übertragen wollen. Zudem dürften auch die Deutsche Telekom und andere Mobilfunker an einer solchen Lösung interessiert sein.

Von der Koalition für ein offenes Internet, in der auch Google Mitglied ist, hagelte es gestern zumindest schon einmal heftige Kritik: „Wir freuen uns über jeden Vorstoß, ein offenes stationäres Internet zu fördern“, schrieb die Vereinigung. „Doch wir glauben auch, dass jede befriedigende Einigung auch den Schutz des mobilen Internets beinhalten muss, damit die Nutzer Websites und Programme nach ihrer Wahl benutzen können.“

Für Googles ohnehin angekratzten Ruf dürfte die Einigung nicht unbedingt Balsam sein. Das Firmenmotto „Don't be evil“ jedenfalls dürfte dem Konzern in den nächsten Tagen und Wochen noch mehrfach unter die Nase gerieben werden.

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