
BASEL/DÜSSELDORF. Gleich 22,4 Prozent legte vergangenes Jahr der Versandumsatz der Baseler Coop zu - auf 67 Mio. Franken (46 Mio. Euro). Wettbewerber Migros, dessen Internethändler "LeShop" schon zwei Jahre vor dem Konkurrenten ins Netz ging, verbuchte 2009 einen Erlös von umgerechnet 90 Mio. Euro. Allein der Schweizer Supermarkthändler Migros stemmt damit Versandumsätze, die höher liegen als das komplette Supermarkt-Onlinegeschäft in Deutschland. Dabei leben in der Bundesrepublik elfmal mehr Verbraucher.
Auch im Vergleich zu anderen europäischen Märkten schlägt sich Deutschland mit dem Makel herum, auf diesem Feld Entwicklungsland zu sein. Während sich in Großbritannien, angetrieben von Marktführer Tesco, die Food-Umsätze per Internet auf 3,5 Mrd. Euro türmen, dümpeln die Online-Umsätze deutscher Supermärkte bei 120 Mio. Euro. Allein Spezialversendern wie dem Weinexperten Hawesko oder Nischenanbietern wie Mymuesli.de ist es zu verdanken, dass 2009 am Ende Lebensmittel für 340 Mio. Euro auf den deutschen Postweg gingen. Selbst das aber entspricht gerade einmal zwei Promille der heimischen Lebensmittelkäufe.
Auf Erlöse aus dem World Wide Web pflegen Deutschlands Handelsriesen zu pfeifen. Selbst einstige Pioniere wie Otto stellten ihren Lebensmittelversand geräuschlos ein. Nur noch Wein und Lebkuchen zur Weihnachtszeit verschickt der Hamburger Versender, der früher einmal mit einem breiten Supermarktsortiment auf Online-Kundenfang ging, auf Anfrage. Andere versuchen es erst gar nicht. Wettbewerber Lidl verkauft im Web lieber Blumen und Weltreisen statt Milch und Butter, und auch bei Plus.de surft man nach Essbarem vergebens.
Soviel Verzagtheit quittieren die Schweizer allenfalls mit Kopfschütteln. Der finanzielle Aufwand, den deutsche Händler fürchten wie die Preissenkungen von Aldi, hält sich bei den Eidgenossen in Grenzen. "Wir haben schon im ersten Quartal 2006 den Break-even erreicht", berichtet LeShop-Verkaufsdirektor Dominique Locher. Den Gewinn investiere man weiter in die Expansion. Und auch für Coop-Direktor August Harder rückt die Gewinnschwelle in Sicht. "Coop@home kommt der schwarzen Null recht nahe."
Den Startschuss dazu gab Harder vor zehn Jahren, als die 15 Schweizer Konsumgenossenschaften unter das gemeinsame Coop-Dach schlüpften. Nicht nur die anschließend installierte SAP-Plattform, die alle Coop-Handlungen seither verbindet, schaffte die nötige Voraussetzung. Auch der Preis ist bei den Konsumgenossen seitdem derselbe. Die einheitliche Preispolitik im Internet erleichtert das. 13 000 Artikel lassen sich ordern. Geliefert wird meist am selben, spätestens am Folgetag. Mehr als die Hälfte davon fährt Coop mit eigenen Fahrzeugen aus mit einem Anlieferungszeitfenster von nur einer Stunde. Der Rest kommt per Post.
"Selbst Frischeprodukte sind für uns kein Problem", sagt Internet-Leiter Dirk Schmidt. Mit Trockeneis und Spezialbehältern halte die Kühlung bis zu 24 Stunden. Zehn bis 18 Franken (sieben bis zwölf Euro) kostet die Belieferung. So etwas schafft in Deutschland nicht einmal der milliardenschwere Marktführer Edeka. Dessen Bestelldienst Edeka24.de, den in Offenburg die Großhandlung Edeka Südwest betreut, überlässt den Verkauf von Kühlbedürftigem lieber der Konkurrenz. Aus gutem Grund: Weil Edeka die Pakete von DHL durch Deutschland kutschieren lässt, kommen viele Bestellungen erst nach drei Tagen an.
Schneller geht es bei Kaiser?s/Tengelmann, wo deshalb auch Frischware auf die Reise geht. Geliefert wird allerdings nur in den Großraum München und Berlin. "Ein deutschlandweiter Lebensmittel-Versand hat sich bislang nicht durchgesetzt", klagt Shahd Maurice vom Internetverband Bitkom, "und das trotz wiederholter Versuche." Tatsächlich führen Onlineanbieter wie Doit24 oder Gourmondo, der sich mit einem sechsstelligen Umsatz bereits als Marktführer wähnt, im Lebensmittelhandel ein Schattendasein. Dem Tübinger Wettbewerber Lila-se ging nun sogar die Luft aus. Seit Anfang März ist der Onlineshop geschlossen.
"In deutschen Handelskonzernen scheitert der Onlinekanal häufig an organisatorischen Dingen, etwa wenn das Thema an untergeordnete Abteilungsleiter delegiert wird", glaubt Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein. Auch die Kulturbarrieren zwischen New-Economy-Managern und klassischen Einzelhändlern seien hierzulande gewaltig.
Die Expertenvereinigung Consumer & Retail Thinktank (CRTT) nennt für die deutsche Zurückhaltung allerdings auch handfeste finanzielle Gründe. "In der Schweiz und Großbritannien sind die Kosten für das Ladengeschäft so hoch, dass der teure Zustelldienst konkurrenzfähig ist", berichtet Handelsprofessor Thomas Roeb. "Deutschlands Supermärkte haben ihre Kosten dagegen schon derart gesenkt, dass der Onlinehandel dort nicht mithalten kann."
























