
Vorboten des Megaprojektes dröhnen seit einigen Wochen auch an den staunenden Bewohnern der Gegend südlich Lubmins vorbei: Schwerlastwagen karren Hunderte Röhren für die sogenannte Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung Opal heran. Der von E.On Ruhrgas und Wingas – einem Joint Venture zwischen Gazprom und Wintershall – geplante Anschluss soll Nord-Stream-Gas vom Anlandepunkt aus auf Ostdeutschland verteilen. Um seine Ware zwischenzulagern, will Gazprom im Landkreis Müritz den größten Erdgasspeicher Westeuropas anlegen. Probebohrungen beginnen im April.
Aber bis Gas in das Depot strömen kann, liegt vor Nord Stream noch ein hindernisreicher Weg. Denn es ist absehbar, dass Ostsee-Anrainer wie Finnland, das zum Missfallen Russlands auf einer Verschiebung der Trasse besteht, Nord Stream zu immer neuen Vermessungs- und Untersuchungsarbeiten zwingen werden.
Dienstleister wie der schwedische Vermessungsspezialist MMT oder das dänische Ingenieur- und Beratungsunternehmen Ramboll können frohlocken: Nachdem sich die Untersuchungen des Meeresbodens mit bis zu drei Forschungsschiffen bereits seit 2005 hinziehen, winken Folgeaufträge. Das wird teuer für Nord Stream: MMT etwa verlangt pro Untersuchungstag und Schiff 15.000 bis 25.000 Euro.
Spektakuläre Funde hat Bob Pirie, Nord Streams Leiter für die Offshore-Arbeiten, entlang der Pipeline-Trasse mit dem Instrumentarium aus Gradiometern zum Aufspüren von Metall, Kameras, Echolot und sonstigen Gerätschaften an Bord der Pollux noch nicht gemacht: „Fahrräder, ein Einkaufswagen im Nirgendwo, eine Flasche Champagner und einen PC auf einem Felsen“, zählt der scherzende, mit einer wollenen blauen Seemannsjoppe bekleidete Schotte auf, während auf einem Monitor hinter ihm die Meeresboden-Aufnahmen des Tauchroboters flimmern.
„Ja, es gab auch einige alte Seeminen“, räumt er dann ein, „die Fundorte haben wir den Behörden gemeldet.“ Auf dem 30 Meter breiten Streifen Meeresboden für die beiden Trassen indes hätten die Erkundungsteams kein gefährliches Hindernis gefunden.
Um die Botschaft von ihren akribischen Untersuchungen, von ihren Stipendien für Unterwasser-Archäologen und Vogelforscher sowie von den fischereifreundlichen Riff-Eigenschaften einer Offshore-Pipeline zu verbreiten, reisen Nord-Stream-Manager durch die Ostsee-Staaten. Sie sprechen mit Fischern auf der dänischen Insel Bornholm ebenso wie vor kritischen Europaparlamentariern und EU-Kommissaren.
Um nichts dem Zufall zu überlassen, hat das Unternehmen die für heikle und teils zwielichtige Lobby-Jobs bekannte Public-Affairs-Agentur Hill & Knowlton unter Vertrag genommen. Die PR-Profis kennen alle Tricks, einer davon ist schon legendär: Eine von Hill & Knowlton erfundene Gräuelgeschichte über Morde an Babys in einem kuwaitischen Krankenhaus trug wesentlich dazu bei, die US-Bevölkerung für den Irakkrieg 1990 zu gewinnen.
Doch so sehr sich Nord Stream ins Zeug legt – die Projektgegner im Norden Europas lässt das Werben bisher kalt, ihr Widerstand sitzt tief: „Die Mehrheit in unserem Parlament und 70 Prozent der Bevölkerung glauben einfach nicht, dass die Pipeline im Interesse Schwedens ist“, sagt Anders Ygeman, Vorsitzender des Umweltausschusses im schwedischen Reichstag und Abgeordneter der oppositionellen Sozialdemokraten. Unter den Schweden ist das Projekt ähnlich unpopulär wie ihre eigene regierende Mitte-rechts-Koalition. Daran ist Carl Bildt, der schwedische Außenminister mit schuld: Bis zu seinem Amtsantritt war Bildt Aktionär und Aufsichtsratsmitglied von Vostok Nafta. Die auf den Bermudainseln registrierte Investmentgesellschaft hat den größten Teil ihres Kapitals in Gazprom-Aktien angelegt. Obwohl Bildt seine Vostok-Nafta-Anteile inzwischen verkauft hat, bestehen die Zweifel an seiner Unbefangenheit in Schweden fort.
Ein anderer prominenter Politiker belastet die Nord-Stream-Emissäre bei ihren Bemühungen im besonders widerspenstigen Estland: Gerhard Schröder, von Gazprom eigentlich bestellt, um der Pipeline mithilfe seiner guten Kontakte in Europa politisch den Weg zu ebnen, erreichte hier das Gegenteil.
Als er im vergangenen Sommer in der estnischen Hauptstadt Tallinn für die Pipeline werben wollte, weigerte sich Estlands Regierungschef Andrus Ansip, ihn zu treffen. Kurz zuvor hatte Schröder die Esten mit harscher Kritik an der Verbannung eines sowjetischen Soldatendenkmals aus der Innenstadt Tallins gegen sich aufgebracht. Igor Gräzin, der radikalste Nord-Stream-Gegner in der regierenden Estnischen Reformpartei, unterstellt Schröder gar Verbindungen zu St. Petersburger Kreisen des russischen Geheimdienstes FSB. Gräzin, ein Rechtsanwalt mit rundlichen Zügen und arglosem Lächeln, ist einer der bissigsten Scharfmacher der estnischen Politik gegen Russland. „Wir machen uns Sorgen über Herrn Schröders Persönlichkeit und seine fragwürdigen Verbindungen in Russland“, sagt Gräzin.
Gemeinsam mit drei anderen Politikern, darunter immerhin Wirtschaftsminister Juhan Parts, will er ein Abkommen mit Finnland zu Fall bringen, das zwischen den Territorialgewässern beider Länder im engen Finnischen Meerbusen einen neutralen Schifffahrtskorridor geschaffen hat. Durch den soll auch die Pipeline verlaufen. Gräzin will die Seegrenze Estlands in Richtung Finnland verschieben, denn in seinen Territorialgewässern kann Estland Nord Stream jegliche Arbeiten verbieten.
Aber auch der aggressive Gräzin bereitet dem Nord-Stream-Chef kein Kopfzerbrechen: Der sei unter den estnischen Parlamentariern „ein Außenseiter“, sagt Warnig. „Weder die estnische noch die finnische Regierung ist für eine Verschiebung des Grenzverlaufs.“ Doch in Estland deutet nichts auf Entspannung hin, in den ehemaligen Sowjetrepubliken an der Ostsee und in Polen haben Nord Stream und Schröder wegen ihrer Nähe zu Gazprom und Kreml einen schlechten Leumund.
Schließlich fädelte Schröder das Pipeline-Geschäft noch zu seiner Amtszeit als Bundeskanzler ein – ohne die Anrainerstaaten ausreichend zu konsultieren. „Das war die Initialzündung für den Konflikt“, sagt der Politikwissenschaftler und Energieexperte Frank Umbach.
Und dass sich Nord Stream als Unternehmenssitz die Steueroase Zug ausgesucht hat, ist seinem Image ebenfalls nicht eben förderlich. Zug ist ein Hafen für dubiose Briefkastenfirmen und eine Drehscheibe des – zum großen Teil russischen – Rohstoffhandels: Nicht weit entfernt von Nord Stream residiert der wegen seiner Rolle im russisch-ukrainischen Streit um Gaslieferungen umstrittene Zwischenhändler Rosukrenergo.
Er wickelt Gazproms Exporte in die Ukraine ab. Wie Nord Stream gehört Rosukrenergo zur Hälfte Gazprom. 45 Prozent kontrolliert der ukrainische Energiehändler Dmitrij Firtasch. Firtasch hielt seine Beteiligung lange geheim und heizte damit Spekulationen über mögliche andere Hintermänner an. Die ukrainische Regierungschefin Julija Timoschenko will hinter dem Konstrukt den berüchtigten russisch-ukrainischen Mafiakönig Semjon Mogilewitsch ausgemacht haben.
Ganz so nebulös geht es bei Nord Stream indes nicht zu. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen keine der sogenannten gemischten Domizilgesellschaften. Diese Zuger Spezialität ermöglicht ausländischen Investoren wahrhaft paradiesische Steuervergünstigungen. Zug habe man dagegen nur gewählt, weil Nord Streams Hauptsitz in keinem der beteiligten Länder liegen sollte, sagt eine Unternehmenssprecherin.
In dem modernen weißen Bürobau betreuen 100 Mitarbeiter, darunter 70 Ingenieure, die Vermessungsarbeiten und bereiten das Anfahren der Produktions- und Logistik-Maschinerie vor. Den härtesten Job hat Dirk v. Ameln, der für Genehmigungsprozesse zuständige Direktor. An drei Tagen pro Woche bereist der frühere Ruhrgas-Manager die Ostsee-Staaten, verhandelt mit Behörden, trifft Nord-Stream Anwälte.
Seine nordrhein-westfälische Anpacker-Mentalität kann er jetzt gut gebrauchen. Von Ameln muss reihenweise Umweltverträglichkeitsgutachten anfertigen, sie in zehn Sprachen übersetzen lassen und die heiklen Bauanträge formulieren: Verhindern, sagt er, könnten Anrainerstaaten den Pipeline-Bau außerhalb ihrer Territorialgewässer und innerhalb ihrer Seewirtschaftszonen nicht, wenn ein internationales Seegericht ihn für ungefährlich befinde. „Aber einen Gerichtsprozess, möchten wir vermeiden.“ Denn der würde alles noch mehr in die Länge ziehen.
Derzeit überarbeitet v. Amelns Stab den vom schwedischen Umweltminister Carlgren mit großer Geste zurückgewiesenen Bauantrag für die schwedische Seewirtschaftszone. Die Sache mit Schweden sei gar nicht so gravierend, beschwichtigt ein Nord-Stream-Sprecher.
Das Dokument habe man absichtlich lückenhaft eingereicht, um die schwedischen Behörden zum Dialog zu animieren. Carlgren hat es anders verstanden: „Zu so etwas Unvollständigem“ wolle seine Regierung gar nicht erst Stellung nehmen, kanzelte der Schwede Nord Stream öffentlich ab.
Wie die Pipeline-Planer mit den unbequemen Ostsee-Anrainern umgehen sollen, ist auch Gesprächsgegenstand der Runde um Gerhard Schröder, die sich drei- bis viermal im Jahr an dem ellipsenförmigen Tisch im Zuger Hauptquartier versammelt. Auf einer Kommode in Nord Streams Konferenzraum steht die erste Fuhre Europipe-Röhren – etwa 50 Zentimeter lang, auf der Ladefläche eines Miniatur-Güterwagens, vor Staub geschützt in einem Glaskasten. Schröder, der die Sitzungen des Aktionärsausschusses eröffnet und moderiert, nimmt an der Tafel mittig Platz, um den Tisch verteilen sich Gazprom-Chef Alexej Miller, sein Exportleiter Alexander Medwedew, der frühere E.On-Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann – seit Jahren auch Mitglied des Gazprom-Aufsichtsrats –, dazu Wintershall-Chef Reinier Zwitserloot, der Vize-Vorstandschef der Wintershall-Mutter BASF, Eggert Voscherau, und andere Spitzenmanager der Gesellschafterkonzerne.
„Es kommen fast immer alle“, sagt Nord-Stream-Geschäftsführer Warnig. „Diese Präsenz von Top-Managern zeigt, wie fest unsere Gesellschafter zu dem Projekt stehen.“ Als wollten sie ihre Entschlossenheit kurz vor Beginn des großen Pipeline-Abenteuers noch einmal demonstrieren, unterzeichneten Gazprom und E.On Ende Februar eine Absichtserklärung zum gemeinsamen Bau eines 1200-Megawatt-Gaskraftwerks bei Lubmin. Vielleicht sind sie sich ihrer Sache aber doch nicht so sicher: Die endgültige Bauentscheidung für das Kraftwerk wollen die beiden Energieriesen erst im kommenden Jahr fällen. Dann dürfte klar sein, ob Nord Stream wirklich die ersten Röhren in der See versenken kann.














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Alle Kommentare lesen30.11.2008, 02:20 UhrAnonymer Benutzer: O.H.
Dass Russland Polen mit einem Unterbrechen der Gaszufuhr politisch erpressen könnte, ist eine berechtigte, wenn auch selbstverschuldete befürchtung gewisser polnischer Politiker. Könnte relativ leicht mit einem Abkommen mit Deutschland umgangen werden, welches die Energieversorgung Polens in einem solchen Fall sichern könnte -> das gas würde natürlich nen Umweg machen. Polen vollends abzuschneiden wäre dann für Russland nur möglich, wenn es auch Deutschland den Energiehahn zudrehen würde. Das jedoch halte ich für eine unwahrscheinliche Option. Zu sehr würde die russische Wirtschaft leiden. Der preis wäre also sehr hoch. Ob Deutschland ein interesse hat, Polen den Rücken zu stärken? Hmm... ich bin da skeptisch - zumindest solange Leute vom Schlage Kaszinsky noch was zu melden haben.... und genau da liegt iMHO auch das eigentliche Problem (und evtl. sogar der tiefere Grund für das Vorhaben der Ostseepipeline...)
15.09.2008, 03:29 UhrAnonymer Benutzer: Peter Krauss
finde Artikel sehr gut. Kosten der Ostsee-Pipeline werden sicher dramatisch aus dem Ruder laufen. Die EU und im besonderen die bRD wären gut beraten, wie bei anderen wichtigen Rohstoffen (Erdöl, Kohle, etc.) auf mehrere Länder bzw. Lieferanten zu setzen. Warum hört man in Deutschland so wenig von anderen wichtigen Gas Produzenten und entsprechenden Transport Möglichkeiten (z.b. LNG Tanker)? Warum spielen Katar (2. grösste Gas Reserven der Welt), Algerien oder Nord-Norwegen für Deutschland bisher keine Rolle?
13.09.2008, 02:04 UhrAnonymer Benutzer: strohfeuer
Richtig! ich denke auch, daß wir uns bei einer Gasleitung über Land den Staaten ausliefern, die hinsichtlich Russland "mit Schaum vor dem Maul" diskutieren. Es reicht doch schon, wenn die uns in der Außenpolitik in Konflikte hineinreißen!!!