Pharma: Britisches Contergan-Opfer fordert von Grünenthal mehr Geld

Pharma: Britisches Contergan-Opfer fordert von Grünenthal mehr Geld

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Protest am Grünenthal-Werkstor

Der Streit um mehr Geld für Contergan-Opfer eskaliert. Ein britischer Aktivist fordert höhere Zahlungen. Der Chef der Pharmafirma Grünenthal wehrt sich.

Am nächsten Donnerstag wollen sie vor der deutschen Botschaft in London demonstrieren: körperbehinderte Erwachsene mittleren Alters, deren Mütter einst das vom deutschen Pharmaunternehmen Grünenthal produzierte Schlafmittel Contergan einnahmen. Die Aktion ist Auftakt einer internationalen Kampagne, mit der die Opfer Grünenthal und die Bundesregierung unter Druck setzen wollen, die Entschädigung von Contergan-Opfern deutlich aufzustocken. Das Medikament, das 1957 auf den Markt kam, hatte zu Missbildungen bei Neugeborenen geführt. Weltweit gibt es derzeit noch 3500 Contergan-Geschädigte.

Organisator der Demonstration ist eine Aktivisten-Gruppe namens „The International Contergan Thalidomide Alliance“, kurz ICTA, die rund 2000 Contergan-Geschädigte aus verschiedenen Ländern vertritt. Einer ihrer Gründer, Nick Dobrik, ist selbst ein Contergan-Opfer mit verkrüppelten Händen. Er betont: „Klagen wollen wir nicht, sondern nur moralischen Druck ausüben“. In Großbritannien ist es ihm bereits gelungen, den Getränkekonzern Diageo, die Nachfolgegesellschaft des britischen Contergan-Lizenznehmers Distillers zu höheren Zahlungen zu veranlassen. Die rund 450 überlebenden britischen Opfer erhalten nun durchschnittlich 18.000 Pfund pro Jahr – in Deutschland und Irland sind es derzeit umgerechnet 4000 Pfund im Jahr.

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Nun hat Dobrik Grünenthal im Visier. Er spart nicht mit aggressiven Gesten: „Bei Diageo mussten wir lediglich die Pistole auf den Tisch legen – bei Grünenthal werden wir erst dreimal in den Kopf schießen müssen“ sagt er und fügt hinzu – „das ist natürlich nur metaphorisch gemeint.“

Starker Tobak. Entsprechend heftig reagiert Grünenthal: „Es ist nicht tragbar, wenn einzelne Mitglieder der ICTA mit Kopfschüssen drohen“, sagt Grünenthal-Geschäftsführer Sebastian Wirtz. Die ICTA versuche seit Monaten, Grünenthal durch aggressives Verhalten zu schaden, zum Beispiel durch Aufrufe zum Produktboykott. „Wir sehen keine Grundlage für die Forderungen der ICTA“, sagt Wirtz. Eine Summe von vier Milliarden Euro, wie sie die Aktivisten-Organisation von Grünenthal und Bundesregierung fordert, sei unrealistisch.

Der jahrzehntealte Streit um die Höhe der Entschädigungen geht in eine neue Runde: Nach einem außergerichtlichen Vergleich mit den Opfern hatte Grünenthal 1971 rund 110 Millionen DM in eine Stiftung eingezahlt, der Bund steuerte weitere 100 Millionen DM bei. Seit 1997 ist das Geld von Grünenthal aufgebraucht. Der Fonds wird seither vom Bund finanziert.

Das Thema geriet erst wieder in das öffentliche Bewusstsein, als im vergangenen Jahr der Fernsehfilm „Contergan“ lief. Der junge Grünenthal-Geschäftsführer Sebastian Wirtz, ein Enkel des Firmengründers, hat sich inzwischen sogar schon mit Contergan-Opfern getroffen – früher wäre das undenkbar gewesen.

Grünenthal habe sich entschieden, freiwillig einen finanziellen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation der Contergan-Betroffenen zu zahlen, sagt Wirtz: „Über die Höhe der Summe werden wir erst informieren, wenn wir mit der Bundesregierung und dem Bundesverband Contergangeschädigter eine gemeinsame Lösung gefunden haben.“ Dem Geschäftsführer ist jedoch auch klar: „Die Folgen der Contergan-Tragödie sind mit Geld nicht wiedergutzumachen.“ Der freiwillige Beitrag könne jedoch „dazu beitragen, die Lebenssituation der Contergan-Betroffenen zu verbessern“.

Dobrik überzeugt das nicht. Auch dass die Bundesregierung die Renten für die 2800 noch lebenden deutschen Contergan-Opfer – derzeit maximal 545 Euro im Monat – ab dem 1. Juli verdoppeln will, reicht ihm nicht. Der Aktivist will, dass die deutschen Opfer das Sechsfache des derzeitigen Maximalbetrags erhalten. Zur Begründung führt er an, bei der Festlegung der ursprünglichen Entschädigungshöhe sei die Lebenserwartung der Geschädigten unterschätzt worden. Die heute etwa 50-Jährigen leiden nach jahrzehntelangen Fehlbelastungen von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur unter Spätfolgen, die früher nicht absehbar waren. Viele benötigen außerhäusliche Hilfe, sind auf speziell angefertigte Haushaltseinrichtungen oder Autos mit Sonderausstattung angewiesen.

Auch mit der deutschen Botschaft in London ist die ICTA inzwischen aneinandergeraten. In einem Gespräch habe sich Botschafter Wolfgang Ischinger vor einem Jahr zwar verständnisvoll gezeigt, doch letztlich habe die Botschaft wenig unternommen, um das Anliegen der Opfer weiterzubringen, heißt es. ICTA-Aktivist Jonathan Stone, der um Antwort gebeten hatte, erhielt stattdessen versehentlich eine E-Mail vom deutschen Diplomaten Armin Jungbluth, die dieser eigentlich an einen Kollegen schicken wollte: „Herbert, wie soll ich mich verhalten? Ignorieren? Ich möchte eigentlich die unergiebige Korrespondenz nicht mehr weiterführen. Armin.“

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