Pharmabranche: Die Last des Contergan-Erben

KommentarPharmabranche: Die Last des Contergan-Erben

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Contergangeschädigte mit mit einem Protestplakat vor einer Kirche. Grünenthal-Chef Sebastian Wirtz, ein Enkel des Unternehmensgründers, ist überraschend zurückgetreten

Sebastian Wirtz, der Enkel des Firmengründers, sollte den Medikamenten-Hersteller Grünenthal in die Zukunft führen – und wurde immer wieder von der Contergan-Vergangenheit eingeholt. Nach drei Jahren an der Spitze verlässt er nun das Unternehmen, das ihn nie wirklich für voll nahm. Ein persönlicher Abschiedsgruß von WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Salz.

Wir reden über dreieinhalb Stunden lang. Über die Strategie des Unternehmens, über ein neues Schmerzmittel, über geplante Investitionen. Vor allem sprechen wir über Contergan. Sebastian Wirtz‘ Großvater Hermann hat das fatale Medikament vor fünf Jahrzehnten auf den Markt gebracht. Enkel Sebastian trifft keine persönliche Schuld. Er ist 1970 – und damit lange nach den Contergan-Jahrgängen (1959 bis 1963) - geboren.

Und doch holt ihn die Vergangenheit jetzt wieder ein. Es ist August 2007, die Ausstrahlung des ARD-Zweiteilers ""Nur ein einzige Tablette" steht noch bevor. Als Sebastian Wirtz über die Vergangenheit redet, schwanke ich zwischen Entsetzen und Mitleid. Mit kühler Sachlichkeit redet der Wirtz-Enkel über die Contergan-Opfer. Das Wort "Contergan" kommt ihm kaum einmal über die Lippen, er redet stattdessen etwa von "diesen Personen". Er zieht sich auf juristische Positionen zurück, streitet die Verantwortung des Unternehmens ab. Er sagt, dass seiner Familie die Tragödie leid tue. Der Contergan-Skandal scheint für ihn bloß eine Verkettung unglücklicher Umstände zu sein.

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Es ist anstrengend. Er wägt jedes Wort ab. Sebastian Wirtz ist keiner, der sagt, wo es langgeht. Er steht unter Beobachtung. "Die Familie guckt ganz genau, wie Sebastian Wirtz mit dem Thema Contergan umgeht", sagt ein Kenner des Unternehmens. Sein Vater Michael hat das Unternehmen über drei Jahrzehnte lang geleitet und nebenher etliche soziale Einrichtungen unterstützt – von Spenden für Contergan-Opfer wurde nie etwas bekannt. Das Thema war weit weg.

Wirtz wurde bei Grünenthal nicht für voll genommen

Bei Sebastian Wirtz ist immerhin zu spüren, dass er mit den Contergan-Opfern anders umgehen will als seine Altvorderen. Er tastet sich dabei mühsam, sehr mühsam, vor. Grünenthal geht – letztlich erfolglos – gegen etliche Szenen des Films juristisch vor. Der Gründerenkel ist immerhin bereit, über das Thema zu reden. Er empfängt einige Print-Journalisten, lässt sich aber in keiner Fernsehtalkshow blicken. Er lehnt zunächst jede weitere finanzielle Unterstützung der Contergan-Opfer ab und verkündet im Frühjahr dieses Jahres dann doch, dass Grünenthal fünfzig Millionen Euro an die Geschädigten zahlt. Er ist immerhin der erste aus seiner Familie, der sich, Monate nach der Ausstrahlung des Films, mit Contergan-Opfern an einen Tisch setzt. Doch dann will er nicht mehr darüber reden.

Erschwerend kommt hinzu: Sebastian Wirtz wurde im eigenen Unternehmen nicht wirklich für voll genommen. Der Chef sei schwierig, heißt es auf den Fluren. Und längst noch nicht auf Augenhöhe mit seinem Vater. Und vielleicht hätte er sowieso lieber als Bauingenieur gearbeitet, als das Firmenerbe anzutreten. Als Grünenthal-Geschäftsführer verantwortet er die Bereiche Personal, Produktion, Technik und Logistik – nicht gerade die Kernkompetenzen eines Medikamenten-Herstellers, wo es vor allem um Forschung und Entwicklung sowie um Marketing und Vertrieb geht.

Vielleicht findet Sebastian Wirtz ja jetzt einen Job, der ihm mehr Spaß macht und in dem er weniger unter Druck steht. Abschließend dankt das Unternehmen Sebastian Wirtz übrigens noch für seinen "persönlichen Einsatz" beim Thema Contergan. Das klingt nicht danach, als habe Wirtz dabei besonders viele Unterstützer gehabt. Ein neuer Chef für Grünenthal ist gefunden - den Namen will das Unternehmen noch nicht bekannt geben. 

Wie der Nachfolger mit dem Thema Contergan umgeht, davon hängt auch in Zukunft die Glaubwürdigkeit des Unternehmens ab.

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