Pharmaindustrie: Korruption: Schwarze Flecken auf dem Arztkittel

Pharmaindustrie: Korruption: Schwarze Flecken auf dem Arztkittel

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Beratung vom Arzt: Unternehmen wenden oft fragwürdige Methoden an

Reisen und Geschenke für Ärzte: Eigentlich will die Pharmaindustrie die Korruption in der Branche bekämpfen. Doch die Selbstkontrolle funktioniert nicht.

Das Luxushotel Alpenhof Murnau bietet einen herrlichen Blick auf das bayrische Bergpanorama. Wenningstedt auf Sylt lockt mit seinem Strand, dem Roten Kliff und leckerem Fisch bei Gosch. Lissabon macht natürlich auch was her, schon allein wegen der Altstadt mit ihren engen Gassen und den melancholischen Fado-Musikanten — es sind solche attraktiven Lagen wie Oberbayern, Sylt oder Portugal, mit denen Pharmaunternehmen Ärzte zu Fortbildungsveranstaltungen locken.

Das klingt nach Klischee, ist aber aktenkundig und dokumentiert von Michael Grusa. Der 56-Jährige ist Geschäftsführer des Vereins zur Freiwilligen Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie (FSA), zu dem bedeutende Medikamentenhersteller wie Bayer, Boehringer oder Novartis gehören. Er ist damit so etwas wie das gute Gewissen der Pharmaindustrie, das verhindern soll, dass Pillenhersteller Ärzte korrumpieren – durch Geld, Geschenke oder allzu attraktive Fortbildungsveranstaltungen. In seinem Büro an der Berliner Friedrichstraße sammelt Grusa dazu Hinweise von Konkurrenzunternehmen, Ärzten oder Apothekern und bereitet Verfahren gegen Mitgliedsunternehmen vor. Der frühere Manager eines Medizintechnikherstellers gilt als aufrichtig und engagiert, wenn es um die Bekämpfung von korrupten Verhaltensweisen in der Pharmabranche geht.

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Doch das reicht leider nicht. Die ethische Selbstkontrolle funktioniert nicht; es fehlt an Unterstützung aus der Branche. Viele Medikamentenhersteller wollen ihrem Erfolg weiterhin mit fragwürdigen Mitteln nachhelfen. Novartis etwa organisierte kürzlich eine Ärztereise in den Spreewald, hoher Freizeitwert inklusive – Pech, dass Details der Sause öffentlich wurden. Auch wenn die Pillenproduzenten vorsichtiger agieren, seit vor Jahren einige Korruptionsfälle öffentlich wurden – getrickst und geschummelt wird noch immer.

Unternehmen unterlaufen tagtäglich den Ethik-Kodex, den sich der FSA gegeben hat und der Unternehmen zum Beispiel verbietet, Ärzte zu Freizeit-Sausen einzuladen, mit Unmengen von Medikamenten-Gratispackungen zuzuschütten oder mit Geld und teuren Geschenken gewogen zu stimmen.

Bekannte Hersteller wie etwa Ratiopharm sind beim FSA erst gar nicht Mitglied geworden. Dutzende mittelständische Pharmaunternehmen traten im vergangenen Jahr wieder aus.

„Das Verhalten ist noch nicht so, wie es sein sollte“, sagt Wolfgang Plischke, Vorstandsmitglied beim Leverkusener Bayer-Konzern und Vorsitzender des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Deutschlands mächtigster Pharmalobby-Organisation, deren Mitglieder zumeist im FSA organisiert sind.

Unter Betrug und Korruption im Gesundheitswesen leiden letztlich die Versicherten, beklagt Gabriele Bojunga, Gesundheitsexpertin bei Transparency International, einer weltweiten Anti-Korruptions-Organisation. Denn über die Medikamentenpreise zahlen am Ende die Patienten für die Marketingausgaben der Pharmafirmen.

„Es hat sich in den vergangenen Jahren vieles geändert, aber wenig verbessert“, so Bojunga. „Im Gegensatz zu früher schalten die Unternehmen für Ärztereisen nun häufiger Event-Agenturen ein, vermeiden schriftliche Unterlagen und lassen die Ärzte auch schon mal einen Anteil an den Reisekosten übernehmen.“

62 Beanstandungen hat der FSA im vergangenen Jahr erhalten – so viele wie nie zuvor. „Die Beanstandungen werden immer detaillierter“, sagt FSA-Geschäftsführer Grusa. Oft erhält der Ethik-Hüter Hinweise von Konkurrenzunternehmen, aber zunehmend auch von Nicht-Mitgliedern wie Ärzten oder Apothekern. So sei auch die erhöhte Zahl der Beanstandungen zu erklären.

Seit dem FSA-Gründungsjahr 2004 führt Grusa die Geschäfte. Damals waren Korruptionsfälle in der Pharmaindustrie zur wahren Plage geworden; Staatsanwälte begannen in München mit Ermittlungen gegen Klinikärzte sowie Mitarbeiter der Pharmaunternehmen Bristol Myers Squibb, Amgen, Fujisawa und Servier. Die Unternehmen sollen sich den Ärzten gegenüber als äußerst großzügig erwiesen haben. So seien Mediziner etwa mit Reisen und Geschenken wie Laptops oder Golfschläger bedacht worden. Einige der Verfahren dauern bis heute an.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt soll der Medikamentenbranche gar mit der Einsetzung eines staatlichen Korruptionsbeauftragten gedroht haben, ließ sich aber nach Intervention der Branchenlobbyisten umstimmen, als die Industrie anbot, gegen die Bestechlichkeit in den eigenen Reihen selbst vorzugehen und den FSA zu gründen. „Das ist ungefähr so, als wenn der ADAC die Geschwindigkeitskontrollen für seine Mitglieder selbst übernehmen würde“, ätzte Peter Sawicki, der heutige Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und einer der bekanntesten Kritiker von Pharmaunternehmen.

In der Tat müssen sich die Pharmaunternehmen nicht wirklich fürchten, weil der FSA keine eigenen Ermittlungen anstellen, sondern nur die betroffenen Unternehmen befragen darf. Auch die erstinstanzliche Höchststrafe von 50.000 Euro dürfte auf die finanziell oft gut gepolsterten Pharmaunternehmen kaum abschreckend wirken.

Meist kamen die Unternehmen jedoch mit Unterlassungserklärungen und angedrohten Strafzahlungen im Wiederholungsfall davon. Nur ein Unternehmen musste die 50.000 Euro bislang tatsächlich zahlen. Und da es sich um einen besonders schwerwiegenden Verstoß handelte, nannte der FSA – im Gegensatz zur bisher üblichen Praxis – sogar den Namen des sündigen Medikamentenherstellers: Novartis.

Das Pharmaunternehmen hatte Ärzte zu einer Fortbildungsveranstaltung in den Spreewald eingeladen, lustige Bootsfahrt und zünftige Grillparty eingeschlossen. Erst nachdem das Magazin „Stern“ darüber berichtet hatte, zeigte sich Novartis bei der FSA selbst an.

Die FSA-Entscheidung über ein zweites Verfahren soll im Sommer fallen: Novartis soll mit hohen Honoraren Einfluss auf die Medikamentenentscheidung von Ärzten genommen haben. Novartis-Deutschland-Chef Peter Maag gab sogar kürzlich zu, dass sein Unternehmen bis vor Kurzem noch Barschecks an Ärzte ausgestellt habe.

Maag versuchte Anfang des Jahres, das Problem herunterzuspielen: Es gebe Nachholbedarf „bei einigen Mitarbeitern“, räumte er noch vor dem FSA-Urteil ein. „Schwarze Schafe in einer großen Population“ machte der Novartis-Geschäftsführer unter seinen Beschäftigten aus. Inzwischen, so Maag, würden Ärztefortbildungen strikt am FSA-Kodex ausgerichtet und zentral organisiert sowie Mitarbeiter in ethischem Verhalten geschult. „Wir dulden keine Kodexverstöße“, sagt eine Sprecherin des Hauses.

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