Pierer-Autobiographie: Erlebtes, Erreichtes, Erlittenes

Pierer-Autobiographie: Erlebtes, Erreichtes, Erlittenes

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Heinrich von Pierer

Heinrich von Pierer erinnert sich in seiner Autobiographie "Gipfel-Stürme" an sein Leben bei Siemens und kämpft um sein Ansehen.

Die Fehler, die er in seiner Zeit als Siemens-Chef gemacht hat, gibt Heinrich von Pierer jetzt umwunden zu. Die Fabrik für Halbleiter, die der Konzern Mitte der neunziger Jahre in England baute und nach nur 14 Monaten wieder schließen musste, verschlang Hunderte von Millionen. Eine kapitale Fehlentscheidung. "Die Geschichte hätte mich tatsächlich beinahe den Kopf gekostet", schreibt Pierer.

Dann der Gang an die Wall Street 2001 mit dem Ziel, der Siemens-Aktie Auftrieb zu geben und zugleich eine neue Währung für mögliche Firmenübernahmen in den USA zu schaffen. "Das war eine Utopie, eine Erwartung, die nicht erfüllt wurde." Wieder falsch. Und teuer obendrein.

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Ein anderer Fehler, der Pierer reut, betraf Ostdeutschland, wo  Siemens "unter meiner Leitung überflüssigerweise eine Kabelfabrik gekauft hatte, die wir später schließen mussten".

Hinzu kommen personelle Fehlentscheidungen, bei denen Pierer nach eigenem Bekunden "falsche Mitarbeiter an den falschen Stellen platziert" hatte.

Milliardenverluste bei der Produktion von Chips, Niederlagen im Handy-Geschäft, technische Dauerprobleme bei Gasturbinen – es ist wirklich einiges schiefgegangen in den 13 Jahren von 1992 bis 2005, in denen Pierer an der Spitze von Siemens stand. All das räumt er ein, über all das berichtet er in seiner jetzt erschienenen Autobiografie mit dem doppeldeutigen Titel Gipfel-Stürme. Eine Schuld am größten Korruptionsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte gesteht er in dem Buch nicht ein.

Heinrich Pierer von Esch fühlt sich unschuldig – und er ist es nach menschlichem Ermessen auch. Dafür spricht: Er wurde nicht wegen Bestechung oder Beihilfe verurteilt, ja nicht einmal angeklagt. Die Staatsanwaltschaft München, die mit kriminellen oder verdächtigen Siemens-Managern alles andere als zimperlich umgegangen ist, hat keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass Pierer Straftaten begangen oder zu solchen angestiftet hat. Anwälte der amerikanischen Sozietät Debevoise & Plimpton haben im Auftrag des Unternehmens dreißig Jahre von Pierers Berufsleben akribisch untersucht, um jeden noch so kleinen Fehltritt aufzuspüren. Auch sie fanden nichts. Und so enthalten auch die umfangreichen Ermittlungsberichte der US-Börsenaufsicht SEC und des amerikanischen Justizministeriums nichts, was Pierer persönlich belasten würde.

Gleichwohl sieht sich der einstige Vorzeigemanager, den Angela Merkel gern als Wirtschaftsminister gehabt hätte und der sogar einmal für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch war, einem Publikum gegenüber, das ihn für den Hauptschuldigen der Siemens-Korruptionsaffäre hält, und zwar unabhängig davon, ob er von den Praktiken einiger anderer Manager gewusst hat oder nicht.

Das ist verständlich, damit muss er leben. Pierers lange Amtszeit, seine Führungsrolle in der Wirtschaft, seine Präsenz in der Politik und in den Medien sowie seine internationale Vernetzung hatten ihn einst zu jenem "Mr. Siemens" gemacht, der dann fast automatisch zum öffentlichen Hauptverdächtigen wurde, als die Korruptionsdelikte ans Tageslicht kamen.

Bleibt die Frage nach der Verantwortung. Pierer hat sie das erste Mal beantwortet, als er im April 2007 seinen Rücktritt als Aufsichtsratschef anbot. Die unternehmenspolitische Verantwortung für das Debakel hat er später in einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 25/2008) bekräftigt. Pierer mag aber nicht für den Rest seines Lebens im Büßergewand herumlaufen. Seine Autobiografie soll ihm dabei helfen.

Dabei ist aus heutiger Sicht unbestreitbar, dass Siemens unzulängliche Strukturen hatte, um schwarze Kassen und Bestechungen zu verhindern, und dass es in dem Konzern eine tief verwurzelte Korruptionskultur gegeben haben muss. Pierer hält dem nun entgegen, was er und andere im Laufe der Jahre unternommen haben, um das Unternehmen vor Korruption zu schützen. Das war nicht wenig, wie im Buch nachzulesen ist. Einen schlagkräftigen konzerninternen Kontrollapparat nach amerikanischem Vorbild, wie ihn Siemens heute hat, baute Pierer aber nicht auf. Er verließ sich auf die Justiz, die Revision, seinen Compliance Officer und die Wirtschaftsprüfer. Aber die Spezialisten von KPMG fanden in all den Jahren bei der Kontrolle der Zahlungsvorgänge keine Hinweise darauf, dass bis zu 1,3 Milliarden Euro aus dem Konzernvermögen in schwarze Kassen oder an dubiose Adressen abflossen.

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