Die ersten Jahre sind hart, Straßen und Schienen in erbärmlichem Zustand. Würth liefert sich mit alteingesessenen Künzelsauer Betrieben einen Wettlauf um die Kundschaft; erst als der Gründer die Autobranche entdeckt, beginnt sein Aufstieg. In dieser Zeit, es ist Juni 1948, Ludwig Erhard versorgt Westdeutschland erstmals mit der D-Mark, muss Reinhold weg von der Schulbank – und ist froh darüber. „Schule, das war die schlimmste Zeit in meinem Leben“, sagt Reinhold Würth. Als „sehr rudimentär“ bezeichnet er seine Schulbildung: „Ich habe nie eine Stunde Chemie oder Physik bekommen“, sagt der Mann, der heute einen Professorentitel trägt. Drei Jahre geht Reinhold bei seinem Vater in die Lehre, eine Zeit, die ihm „unheimlich viel gebracht hat“. Der Vater ist sehr streng, schenkt seinem Sohn nichts. Das härtet ab für das, was noch kommt. Als Reinhold Würth von seiner ersten Verkaufstour mit einem Haufen Aufträge heimkehrt, ist er stolz. „Der Vater“ aber, wie Würth sagt, tut unbeeindruckt: „Na ja, ist eigentlich nichts Besonderes.“ Jahre später, Adolf Würth ist schon tot, erfährt der Sohn die Wahrheit. Von seiner Mutter hört er, dass der Vater nach dem Gespräch mit dem Sohn schnurstracks in die Küche rannte und zu seiner Frau sagte: „Ist gar nicht so schlecht, was der Kerle da gemacht hat.“ 1954 stirbt Adolf Würth. Reinhold muss ran, der Jungspund. Zwei Mitarbeiter hat er noch – und den unbändigen Willen, aufzubrechen. Wohin, das weiß der 19-Jährige in diesen Wochen auch noch nicht so genau. „Ich habe einfach da weitergemacht, wo wir schon waren“, sagt er. „Und dann habe ich einfach multipliziert.“ Wo er schon war, in Hohenlohe, war jahrhundertelang ein abgeschiedener Landstrich, ländlich, fromm, arm. Von ihren Schlössern aus regierten die Fürstengeschlechter und regierten. Aber einer, Wolfgang Julius von Hohenlohe-Neuenstein, dachte voraus und gründete Ende des 17. Jahrhunderts an einer Mühle am Fluss Kocher so etwas wie einen frühindustriellen Gewerbepark samt Papiermühle und Eisenhammer. Zweihundert Jahre später ersteigern die beiden schwäbischen Industriellen Louis und Carl Arnold das Gelände und erbauen eine Schraubenfabrik. Die Firma Arnold wird zur Keimzelle der Schraubenindustrie rund um Künzelsau. So wird das Hohenlohische zum Schraubenland. Bis heute ist Reinhold Würth hier nicht allein: Albert Berner, einer der ersten Angestellten von Würth und sein Klassenkamerad, gründet 1958 ein eigenes Handelsunternehmen, indem er Würths Geschäftsmodell kopiert und verändert. Heute setzt Berner gut eine Milliarde Euro um. Damit sitzen die Nummer eins und zwei des deutschen Schraubenhandels im Hohenlohischen. Vom großen Konkurrenten Würth spricht Albert Berner nur mit Respekt: „ein Vollblutunternehmer“.
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